Zuwanderung
Jetzt geht der Kampf um die Kontingente los

Die SVP will die Zuwanderung über Kontingente drosseln. Ein Verteilkampf zeichnet sich ab: Fünf grosse Verbände fordern zusammen 100 000 Bewilligungen pro Jahr.

Anna Wanner
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Die Spitäler melden einen Bedarf von 10000 Arbeitskräften. Im Bild: Ein Krankenpfleger hilft einer Patientin (Symbolbild)

Die Spitäler melden einen Bedarf von 10000 Arbeitskräften. Im Bild: Ein Krankenpfleger hilft einer Patientin (Symbolbild)

Keystone

Bereits jetzt zeichnet sich ab, wie schwierig es sein wird, die Zuwanderung mit Kontingenten einzudämmen.

Gerade jene Branchen, die stark auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen sind, wissen schon heute sehr genau, welche Kontingente ihnen zustehen müssten.

Eine Umfrage ergibt: Die Höchstzahl darf nicht unter 113 520 Personen liegen, um die Schweizer Wirtschaft am Laufen zu halten. Diese Zahl übersteigt die Vorstellungen der SVP massiv – die Rede ist von 20 000 bis 50 000 Personen pro Jahr – immer abhängig davon, wen man fragt.

Vollständig ist der Wunschzettel der Kontingente nicht (siehe Grafik). Es fehlen wichtige Branchen, die keine Schätzung abgeben wollten.

Etwa der Detailhandel, der mehrere hunderttausend Personen beschäftigt, rund ein Drittel davon sind Ausländer. Oder die Hochschulen, die Logistikbranche und die Uhrenindustrie.

Wer braucht wie viele?

Je nach Branche verändern sich die Einschätzungen. Nichts weniger als die Versorgungssicherheit stehe auf dem Spiel, sagt Conrad Engler, Mitglied der Geschäftsleitung des Spitalverbandes H+.

«Spitäler können die Produktion weder verringern noch ins Ausland auslagern», sagt er. Darum müsse der Bedarf von schätzungsweise 9000 bis 11 000 Ärztinnen und Pflegern pro Jahr auch in Zukunft gedeckt sein.

Die Bauern wissen ebenfalls, wie hoch ihr Kontingent sein soll: Auf rund 20 000 Erntehelfer und Stallburschen, schätzt Monika Schatzmann vom Bauernverband die Nachfrage pro Jahr.

Diese Zahl wird bisher nur von den Banken mit 21 000, dem Bau mit 25 000 und der Gastronomie mit 25 500 benötigten Arbeitskräften getoppt. Zusammengerechnet fordern die fünf Branchen 100 000 Bewilligungen pro Jahr.

Es darf nicht vernachlässigt werden, dass die Zahlen immer auch von der Konjunktur abhängen. Trotzdem müssen auch Grenzgänger besprochen werden, die gemäss Initiative separat behandelt werden müssen.

Bei den Pharma-Firmen Roche und Novartis arbeiten mehr als 60 Prozent Ausländer in Schweizer Betrieben, allerdings sind die Hälfte davon Grenzgänger, wie Thomas Cueni, Generalsekretär von Interpharma, sagt. Er schätzt die Kontingente der Firmen auf je 1000 Bewilligungen.

Mangelerscheinungen

Zu beachten sind schliesslich auch jene Berufe, die bereits unter Mangel leiden, etwa die Lehrer. In den nächsten 15 Jahren werden 600 000 Lehrer in Pension gehen, wie Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des Lehrerverbandes, sagt.

Und: «Die anstehenden Lücken werden mit der Rekrutierung ausländischer Lehrpersonen nicht zu schliessen sein.»

Ein weiteres Beispiel ist die Informations- und Kommunikationstechnik (ICT), wo bis 2020 allein mit Aus- und Weiterbildungen der Bedarf an Arbeitskräften nicht gedeckt werden kann: Rund 22 500 müssten aus dem Ausland rekrutiert werden, sagt Andreas Kaelin, Geschäftsführer des Verbands ICTswitzerland.

Der Jammer mit den Kontingenten

Die Initiative verspricht, die Zuwanderung zu begrenzen. Die Kontingente müssen aber den «gesamtwirtschaftlichen Interessen der Schweiz» dienen.

Nur: Wer bestimmen darf, was dieses Interesse ist und wie Höchstzahlen definiert werden, ist unklar. Dereinst soll das im Ausführungsgesetz stehen. Das Justizdepartement arbeitet an einem Entwurf, den das Parlament zu verabschieden hat.

Die unterschiedlichen Branchen, die ihre Interessen wahren wollen und die entsprechend im Parlament vertreten sind, verunmöglichen eine Einigung bei 50 000, oder gar 60 000 Arbeitskräften.

Und falls das Kontingent die Zahl von 100 000 übersteigt, entspricht dies kaum mehr dem Volkswillen.