AKW-Debatte
Jetzt erwarten die AKW-Betreiber deutlich mehr Cyber-Angriffe

Sicherheitspolitische Kommission diskutiert Gefahrenlage – FDP-Nationalrat: «Es wird eine falsche Sicherheit vorgetäuscht»

Sandro Brotz
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Solothurner Zeitung

Naturkatastrophen sind die eine Gefahr für AKW. Die andere: Cyberangriffe. Ob Viren, Würmer oder Trojaner – die so genannten Schadprogramme sind für jeden Computerbenutzer ein Horrorszenario. Doch die unsichtbare Gefahr aus dem Netz wird auch bei den Betreibern der fünf Schweizer AKW ernster denn je genommen, wie eine Umfrage des «Sonntags» zeigt.

Am deutlichsten sagt es Karin Giacomuzzi von der Kernkraftwerk Leibstadt AG: «Wir gehen davon aus, dass sich Cyberangriffe in Zukunft häufen werden, insbesondere auch vor dem Hintergrund der laufenden politischen Entwicklungen rund um die Kernenergie.» Anahid Rickmann von der Axpo Holding AG, die Beznau I und II betreibt, findet ebenfalls klare Worte: «Es muss davon ausgegangen werden, dass neben Kernkraftwerken auch andere Kraftwerkstypen im Fokus stehen werden. In den nächsten Jahren werden wir vermehrt mit Angriffen zu rechnen haben.»

Der Basler FDP-Sicherheitspolitiker Peter Malama ist alarmiert. Er sagt, dass Cyberangriffe ein «höchst effizientes und effektives Mittel sind, um ein Land nachhaltig und ernsthaft zu schädigen». Der Computerwurm «Stuxnet» ist ein Beispiel dafür: Er hat im letzten Jahr die Leittechnik im iranischen Atomkraftwerk Buschehr manipuliert, einer Anlage zur Anreicherung von Uran. In der Folge mussten 163 Brennelemente aus dem Kern des Kraftwerks wieder entfernt werden.

«Cyber-Terrorismus» ist der Ausdruck, den Malama benutzt. Er hat den Bundesrat schon vor vier Monaten aufgefordert, die Gefahr solcher Viren für Schweizer Kraftwerke zu beurteilen. Die Anlagen seien «mit ihren heutigen Systemen gegenüber solchen Virenangriffen gut geschützt», antwortete die Regierung noch am 16. Februar dieses Jahres. Ein direkter Zugriff auf die Reaktorschutzsysteme sei «über das Internet nicht möglich», heisst es in der Stellungnahme.

«Das ist überhaupt kein Grund zur Beruhigung», sagt Malama und hat das Thema für die nächste Sitzung der Sicherheitspolitischen Kommission (SiK) des Nationalrates traktandiert.

Alle Betreiber weisen darauf hin, dass ihre Reaktorschutzsysteme autark aufgebaut seien, sprich: Sie sind physisch von Verbindungen ins Internet getrennt. Aufgrund der gestaffelten Schutzkonzepte könne es «nicht zu einer Gefährdung der Sicherheitssysteme im Kernkraftwerk führen», sagt Antonio Sommavilla von der BKW FMB Energie AG, die Mühleberg betreibt.

Eine Entwarnung sei fehl am Platz, findet FDP-Sicherheitspolitiker Malama: «Ein Virus kann direkt im System eingebaut werden oder durch zugangsberechtigte Personen eingesetzt werden.»

Die Sicherheitsmassnahmen in den Schweizer Kernkraftwerken seien «sehr weitreichend und werden streng kontrolliert», kontert Anton Treier vom Eidgenössischen Nuklerasicherheitsinspektorat Ensi. Aber auch Treier gesteht ein, Stuxnet habe gezeigt, «dass es unter spezifischen Umständen möglich ist, bösartige Software in ein elektronisches System einzuschleusen, auch wenn das System isoliert ist». Genau dieser Punkt macht Malama, der von «Cyber-Terrorismus» spricht, grosse Sorgen: «Es wird eine falsche Sicherheit vorgetäuscht. Tatsache ist: Wir sind höchst verletzlich.»

Wie brisant die Frage der Sicherheit von IT-Systemen in AKW ist, zeigt sich daran, dass sich der Informatikbeauftragte des Bundes, Pascal Lamia, dazu nicht äussern mag – «weil die Thematik um die Kernkraftwerke momentan politisch so hochgetrieben wird».

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