Die Luft zirkuliert kaum, das Thermometer zeigt 27,5 Grad, die Stimmung ist angespannt. Noch wissen die Befürworter des Radio- und Fernsehgesetzes (RTVG), die sich in einem kleinen Saal im Hotel Bern im Zentrum der Bundesstadt versammelt haben, nicht, ob sie mit einem blauen Auge davonkommen. Oder ob sie eine monumentale Niederlage einfangen, wie sie noch vor einigen Monaten niemand für möglich gehalten hatte.

Den Abstimmungskrimi verfolgen die rund 30 Personen, die mehrheitlich zur SP und CVP gehören, mit der auf Grossleinwand projizierten Teletext-Seite 113.

Es ist, als wollten sie ein Zeichen setzen, als wollten sie ausdrücken, wie stark sie der SRG zugetan sind. Dass die anwesenden Journalisten, die sich via Twitter oder Liveticker informieren, stets schon bis zu einer halben Stunde vorher Bescheid wissen, wie ein Kanton abgestimmt hat: geschenkt.

Als die Kunde vom Zittersieg die Runde macht, gibt CVP-Generalsekretärin Béatrice Wertli die Order durch: «Wir jubeln erst, wenn Claude Longchamp unseren Sieg verkündet.»

Und tatsächlich: Als das SRF den Sieg der RTVG-Befürworter verkündet, wird geklatscht und geschrien vor Glück. CVP-Präsident Christophe Darbellay springt gar in die Höhe, fast stösst der 1,95-Meter-Mann den Kopf an der Zimmerdecke. Dann wird der Champagner geöffnet, die Anspannung des Abstimmungskampfs fällt von den Parteiarbeitern ab.

«Resultat verlangt Korrektur»

Szenenwechsel: Die Gegner der Vorlage versammeln sich an einem Ort, der für das Ergebnis der Abstimmung symbolischer nicht sein könnte – im Grand Casino Bern. Bei dem knappen Resultat muss man wohl von einem Zufallsergebnis sprechen. Doch die Glücksgöttin meinte es nicht gut mit den Kämpfern gegen das RTVG.

Die Roulettekugel springt in letzter Sekunde noch auf das nächste Feld. Und doch hält sich im Moment des Scheiterns der Aufruhr in Grenzen: keine Buhrufe, keine Fluchwörter, kaum Emotionen. Für die anwesenden Kameraleute verwerfen dann doch noch ein paar die Hände.

Jubel hier, Tristesse dort. Doch alle wissen: Die Diskussion, was Aufgabe der SRG sein soll und wie Service public zu definieren ist, beginnt jetzt erst richtig. Mit ihrer Mini-Mehrheit von gerade mal 3696 Stimmen können sich die Fernseh- und Radiomacher nicht in Sicherheit wiegen.

«Mit dem heutigen Tag ist die Debatte um den Service public lanciert», sagt Gewerbeverbandspräsident Hans-Ulrich Bigler, der die aggressive Nein-Kampagne zum RTVG anführte. «Diese Debatte muss von einer breiten Öffentlichkeit und nicht nur von Experten geführt werden.»

Die SVP schreibt in einem Communiqué: «Die Kritik an der SRG und das knappe Resultat verlangen eine Kurskorrektur.»

Und auch die privaten Radio- und Fernsehstationen, welche mit der neuen Regelung mehr Geld aus dem Gebührentopf erhalten werden und somit eigentlich zu den Gewinnern des Abstimmungssonntags gehören, setzen Druck auf: «Die Frage ist, wie viel SRG wir brauchen», sagte Jürg Bachmann vom Verband privater Radiostationen.

Bericht im Sommer 2016

Nicht länger vor der Service-public-Debatte drücken möchte sich auch Medienministerin Doris Leuthard. «Der Bundesrat will diese Diskussion führen, aber auf der Basis fundierter Argumente», sagt sie an der Pressekonferenz.

Diese wird sie bald kriegen: Vor einem Jahr beauftragte Leuthard die Eidgenössische Medienkommission (Emek), das Undefinierte zu definieren. Ihr Bericht soll im Sommer 2016 vorliegen und die nötigen Grundlagen für die Service-public-Diskussion liefern – wobei sich die Frage stellt, ob die Emek eine griffige Formel für den schwammigen Begriff finden wird.

Roger de Weck: «Wir haben nun einen Schritt in die Gegenwart mit dem neuen Gebührensystem»

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«Der Bericht wird eine gute Basis bilden für die weitere Diskussion und den Entscheid, ob der Leistungsauftrag der SRG eingeschränkt werden soll oder nicht», sagt Leuthard. Vorläufig ändere sich jedoch nichts. Der Auftrag der SRG sei in der Verfassung, im Gesetz und in der Konzession festgelegt.

«Selbstverständlich darf man das hinterfragen», so die Bundesrätin. Dies müsse aber unter Berücksichtigung der Konsequenzen geschehen. Für den Bundesrat sei ein vielfältiges Medienangebot wichtig: «Medien sind für das Funktionieren der Demokratie elementar.»

Druck auf SRG steigt

«Jeder zweite Schweizer ist unzufrieden mit der Medienpolitik unseres Landes», sagt die Zürcher SVP-Nationalrätin Natalie Rickli. Der von ihr präsidierten «Aktion Medienfreiheit» geht es primär ums Sparen.

Die Gebühren sollen halbiert werden, forderte denn auch Ricklis Parteikollege Gregor Rutz in der gestrigen «Schweiz am Sonntag». Und die Konzession der SRG, die 2017 ausläuft, dürfe höchstens noch um ein Jahr verlängert werden.

Unbill droht der SRG auch von anderer Seite: Derzeit läuft die Unterschriftensammlung für die «No Billag»-Initiative, welche die Radio- und TV-Gebühr komplett abschaffen will, womit die SRG in ihrer Existenz bedroht wäre. Auch diese Forderung dürfte nun neuen Aufschwung erhalten.

Auch wenn sich fast alle einig sind, dass die SRG nicht wie in den letzten 20 Jahren nahezu schrankenlos weiterwachsen und so die Entfaltungsmöglichkeiten privater Medien einschränken soll: Was die SRG dürfen und was ihr verboten werden soll, verkommt immer mehr zur Glaubensfrage.

Die Geister scheiden sich dabei weniger am Teletext, diesem Relikt aus früheren Zeiten, auf den sich wohl nur noch Hardcore-RTVG-Befürworter stützen. Im Zentrum steht die Frage, welche Schranken der SRG im Internet gesetzt werden sollen.