«Jemen ist ein Friedhof für Imperien»

Jemens Regierung redet die Kaida absichtlich stark, um mehr westliche Militärhilfe zu erhalten, sagt Roland Popp. Der Nahostexperte über die historischen Hintergründe des Jemen-Konflikts.

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Roland Popp

Roland Popp

Aargauer Zeitung

Christian Nünlist

Herr Popp, dieses Jahr feiert das wiedervereinigte Jemen seinen 20. Geburtstag. Es wird aber keine grosse Party geben, oder?
Roland Popp: Vermutlich nicht... Dafür hat das Land zu viele aktuelle drängende Probleme, insbesondere die langfristigen Nachwirkungen der Vereinigung im ehemaligen Südjemen, wo sich eine sehr gefährliche Sezessionsbewegung gebildet hat.

Ist diese Autonomiebewegung gefährlicher als der Bürgerkrieg im Norden?
Popp: Sie ist insofern gefährlicher, weil es im Süden eine eigene Staatlichkeit gab, also ein historisches Projekt, an das man anschliessen kann. Die nördliche Revolte ist hingegen lokal begrenzter und bezieht sich hauptsächlich auf das Saada-Gebiet, wo die schiitische Minderheit der Zaiditen lebt.

Gibt es Zusammenhänge mit den Bürgerkriegen im Kalten Krieg?
Popp: Der südliche Teil des Jemens bestand aus einer britischen Kronkolonie und verschiedenen Protektoraten, während der unabhängige Nordjemen ohne koloniale Vergangenheit von einer reformfeindlichen zaidistischen Dynastie regiert wurde, die 1962 von nationalistischen Offizieren in einem gewaltsamen Putsch gestürzt wurde. Das löste einen Bürgerkrieg aus, in den auch die benachbarte Mächte Saudiarabien und Ägypten und die Supermächte USA und Sowjetunion eingriffen.

Der unabhängige Süd-Jemen lehnte sich nach 1967 eng an die Sowjetunion an...
Popp: Es ist komplizierter. Der Südjemen wurde 1967 unabhängig, nachdem man in einem Guerrillakrieg und durch fortgesetzte Terrorkampagnen die Briten zum Abzug gezwungen hatte. Danach formierte sich im Süden eine Volksrepublik, die sich eng an den Ostblock anlehnte. Die Kräfte, die den damaligen Südjemen getragen haben, wurden nach der Wiedervereinigung von 1990 und dem kurzen Bürgerkrieg von 1994 entmachtet und flüchteten teilweise ins Exil. Diese Kräfte hoffen nun, wieder einen unabhängigen Südjemen zu etablieren.

Die jemenitische Regierung kämpft auch gegen die Kaida. Auch da gibt es historische Hintergründe, Verbindungen zum Bürgerkrieg in Afghanistan in den 1980er-Jahren.
Popp: Das ist nicht sehr bekannt im Westen, aber tatsächlich haben Jemeniten immer einen wichtigen Teil des Kaida-Fussvolks bestellt. Die "Afghanen", also die islamistisch indoktrinierten Rückkehrer aus dem Afghanistankrieg, wurden in den 1990er-Jahren von Präsident Saleh anfangs noch unter Kontrolle gehalten, bald kam es aber auch im Jemen zu anti-westlichen Anschlägen wie zum Beispiel der Selbstmorangriff auf den Zerstörer USS Cole im Jahr 2000. Die Lage eskalierte, als die Kaida in Saudiarabien zerschlagen wurde und sich die verbleibenden saudischen Kaidakämpfer in den Jemen zurückgezogen, der traditionell schwerer zu regieren und unzugänglicher ist.

Sind diese Kaidakämpfer beteiligt an den Bürgerkriegen?
Popp: Historisch hat Präsident Saleh die Afghanistan-Rückkehrer anfangs benutzt, um die südlichen, eher modern ausgerichteten Kräfte zu unterdrücken. Sie wurden also instrumentalisiert im innerjemenitischen Machtkampf. Die Bürgerkriege haben aber weniger mit der Kaida zu tun, sondern vielmehr mit genuin jemenitischen Problemen, die von der Kaida ausgenutzt werden. Wobei man immer wieder betonen muss, dass die Kaida im Jemen aus vermutlich 200 bis 300 Kämpfern besteht. Das ist eine sehr kleine und überschaubare Gruppe. Die Rufe nach einer militärischen Intervention sind daher völlig überzogen.

Die USA unterstützen den Jemen mit Militärhilfe. Fliesst dieses Geld tatsächlich in die Antiterrorbemühungen - oder in die Bürgerkriege?
Popp: Wenn Jemen vom Westen Geld kriegt, wird die Regierung das sicher auch für die internen Auseinandersetzungen verwenden. Die Terrorangst wird von der jemenitischen Regierung auch bewusst aufgebauscht, um so mehr westliche Militär- und Wirtschaftshilfe zu erhalten.

Neben der Anlehnung an die Sowjetunion stand Jemen im Golfkrieg 1991 auf der Seite von Saddam Husseins Irak...
Popp: Dass Jemen sich an historischen Wendepunkten für die "Verliererseite" entschieden hat, hatte natürlich Folgen. Die Aufmerksamkeit des Westens hat sich aber unabhängig davon sehr stark auf die Staaten am Golf und danach auf Afghanistan gerichtet.

Saleh regiert (Nord)Jemen seit 1978 und das vereinte Land seit 1990. Wie konnte Saleh so lange im Sattel bleiben?{{stoerer}}
Popp: Er ist ein fest etablierter, geschickter Machtpolitiker, der das tribale Element in der Politik des Landes gut kennt und entscheidende Stämme geschickt gegeneinander ausspielte oder im internen Machkampf geschickt manipulierte.

Offenbar tobt schon ein wüster Diadochenstreit um die Nachfolge des 67-jährigen Präsidenten...
Popp: Saleh versucht eine spätere Machtübernahme seines Sohnes Ahmed vorzubereiten, aber andere Verwandte und ehemalige Kampfgefährten hegen ebenfalls Ambitionen. Es könnte aber auch sein, dass externe Mächte bestimmte Personen aufbauen möchten. Gerade Saudiarabien mischt sich immer wieder in die jemenitische Politik ein, so erst kürzlich wieder militärisch im nördlichen Konfliktgebiet.

Im Norden kämpfen neben Saudiarabien auch irakische Saddam-Hussein-Loyalisten. Der Iran rüstet hingegen offenbar die schiitischen Zaiditen mit schweren Waffen und Satellitenkommunikationstechnik aus. Droht aus dem Bürgerkrieg ein regionaler Krieg zu werden, Perser gegen Araber?
Popp: Es gibt auf der rhetorischen Ebene einen fortdauernden Propagandakrieg zwischen Saudis und Iranern, der inzwischen auch den Konflikt im nördlichen Jemen miteinbezieht. Trotz aller Behauptungen von saudischer und jemenitischer Seite gibt es aber keine konkreten Anhaltspunkte für eine Involvierung des Iran auf Seiten der Zaiditen. Tatsächlich haben die sogenannten Zwölfer-Schiiten im Iran nur sehr wenig mit den Zaiditen gemein. Bei den irakischen Baathisten dagegen handelt es sich um freigesetzte ehemalige Offiziere der irakischen Armee, die von der jemenitischen Regierung aufgrund ihrer Erfahrungen in der Aufstandsbekämpfung rekrutiert worden sind.

Also keine iranischen Panzer?
Popp: Nein, das ist bisher pure Propaganda. Saudiarabien dagegen hat bereits militärisch interveniert auf Seiten der Regierung. Musste aber hohe Verluste hinnehmen, weil die schiitischen Rebellen Taktiken anwenden, die seit Jahrhunderten erfolgreich in Jemen angewandt werden. Jemen ist - wie Afghanistan - ein Friedhof für Imperien. Das mussten die Osmanen erfahren, das mussten die Briten erfahren, das mussten die Ägypter erfahren. Jede militärische Intervention in einem land wie Jemen ist zum Scheitern verurteilt, ähnlich wie in Afghanistan.

Wie eng sind die Beziehungen der Kaida in Jemen zu Osama Bin Ladens "Core-Kaida"?
Popp: Angesichts der Tatsache, dass der Druck auf die ursprüngliche Kaida so enorm hoch ist, kann man davon ausgehen, dass es keine operativen Beziehungen gibt, sondern dass es ein Franchise-Unternehmen ist. Die Kaida-Jemen wird also nicht gesteuert von den verbliebenen Kaida-Sprengseln in Afghanistan/Pakistan.

In Pakistan überwiegt die westliche Angst vor dem Drücker der Kaida am roten Knopf der Atombombe. Ist also die Bekämpfung der Kaida in Afghanistan/Pakistan wichtiger als in Jemen?
Popp: Es ist völlig unrealistisch, dass die Kaida in Jemen die Macht übernehmen könnte. Die Sorge aus westlicher Sicht ist eher, dass sich in Jemen - wie in Afghanistan Ende der 1990er-Jahre - Rückzugsgebiete der Kaida bilden, wo wieder grosse Anschläge wie 9/11 geplant werden könnten. Ich würde aber argumentieren, dass Jemen auf lange Sicht geostrategisch bedeutender ist als Afghanistan.

Begann die geostrategische Bedeutung Jemens mit der Eröffnung des Suezkanals 1869?
Popp: Nein, Jemen war schon immer eine wichtige Handelsdrehscheibe. Deshalb haben schon die Osmanen den Jemen erobert und später die Briten.

Mit Jemen+Saudiarabien kehrt die Kaida wieder an ihren Ursprung zurück - Osama bin Laden hat ja familiäre Wurzeln in Jemen.
Popp: Das sollte man nicht überbewerten. Bin Laden hat stets erstaunlich wenig Interesse für das Heimatland seines Vaters gezeigt. Jemen ist für die Kaida in erster Linie interessant als Operationsgebiet gegn Saudi-Arabien. Das Land ist zudem grösstenteils mit sich selbst beschäftigt und die Probleme sind hausgemacht. Die Kaida ist nur ein Faktor von vielen - die sich abzeichende einseitige Konzentration auf die Terrorbekämpfung wird sich wohl als kontraproduktiv erweisen.

Was sollten die USA, der Westen tun, um die Kaida im Jemen in den Griff zu bekommen?
Popp: Auf jeden Fall sollte Obama eine strategische Überreaktion wie 2003 im Irak vermeiden. Das würde nur dazu führen, dass sich die Jihadisten epidemiehaft auf der arabischen Halbinsel ausbreiten würde. Da ist strategische Zurückhaltung gefragt und man muss auf polizeiliche Arbeit, nachrichtendienstliche Aufklärung und langfristig angelegte Kooperation mit der lokalen Bevölkerung setzen.

Und gezielte Drohnenattacken wie in Pakistan?
Popp: Da sollte man vorsichtig sein. Die US-Drohnenschläge im Jahr 2002 gegen Kaidaführer im Jemen wurden vor Ort startk kritisiert und haben eher den Werbern der Jihadisten geholfen..

Militäraktionen der USA werden neuen Hass generieren?
Popp: Wem Afghanistan gefällt, der wird Jemen lieben. Jede militärische Aktion, die zu zivilen Opfern führt, wird zu einer grossen Erweiterung der Rekrutierungsbasis der Kaida führen. Gefragt sind also vorsichtige kleine Schritte. Jede Anwendung von militärischer Macht wird das Gegenteil von dem bewirken, was bezweckt war.