Jeder zehnte Patient erleidet während des Spitalaufenthalts einen Schaden und muss deswegen im Schnitt eine Woche länger im Spital bleiben. Das sind die Ergebnisse einer britischen Studie von 2012, die gemäss Bundesrat auch auf die Schweiz anwendbar sind. Der Bundesrat rechnet zudem jährlich mit bis zu 3000 Todesfällen wegen «vermeidbarer medizinischer Zwischenfälle». Christoph Bosshard, Vizepräsident des Ärzteverbands FMH, sagt, es greife zu kurz, nur Todesfälle zu betrachten. «Das ist nur die Spitze des Eisbergs.» Es lohne sich, nachzuschauen, was sich darunter versteckt. «Das Problem sind die vielen kleinen Fehler, die bei der Behandlung eines Patienten passieren können», sagt er. «Wenn sie sich kumulieren, kann das zum Tod führen.» Aber das sei glücklicherweise die Ausnahme.

Kurz vor dem Absturz

Obwohl die medizinische Qualität in der Schweiz als hoch gilt, unterlaufen in Arztpraxen und Spitälern deutlich mehr Fehler als in vergleichbaren europäischen Staaten wie Deutschland. Der Bundesrat will das ändern und hat verschiedene Projekte zur Qualitätssicherung lanciert. Erst gestern verabschiedete er eine Nationale Strategie gegen Spitalinfektionen. Der Bundesrat sieht einen Handlungsbedarf, da nur rund die Hälfte aller Spitäler systematische Massnahmen kennt, um Hygienestandards zu verbessern.

Fast gleichzeitig steht eine andere Vorlage des Bundesrats vor dem Absturz: Eine aus längerer Hand geplante Qualitätsstrategie erlitt vor zwei Tagen einen herben Dämpfer, als die Gesundheitskommission des Ständerats mit 9:4 Stimmen empfahl, nicht auf die Vorlage einzutreten. Die Vorlage wäre damit vom Tisch. Da CVP, FDP und SVP geschlossen gegen das Projekt stimmten, sind Chancen auf Erfolg gering.

Liegt der Richtige auf dem Tisch?

FMH-Vize Christoph Bosshard hält den Bundesratsvorschlag zwar für verbesserungsbedürftig. Er sagt aber: «Ein Scheitern würden wir bedauern.» Denn Pilotprojekte hätten gezeigt, dass Richtlinien für Ärzte die gewünschte Wirkung entfalten.

Zum Beispiel die Checkliste Chirurgie: Die Personen im Operationssaal müssen kontrollieren, ob der richtige Patient auf dem Tisch liegt, das Vier-Augen-Prinzip beim Blutverabreichen anwenden und eine Liste der verwendeten Instrumente am Ende der Operation durchgehen. Laut Bundesrat war das Projekt ein Erfolg. Der Haken: Die Zahl der Spitäler, die daran teilnehmen konnte, war beschränkt. Es fehlte das Geld.

350 000 Spitaltage eingespart

Die Ironie dahinter: Das Vermeiden von Fehlern käme nicht nur Patienten und ihrer Gesundheit zugute, profitieren würde auch die Allgemeinheit. Der Bundesrat schätzt, dass 350 000 Spitaltage und Hunderte Millionen Franken eingespart werden könnten. Wieso passiert das heute noch nicht?

Ein Grund ist die Logik des Krankenversicherungsgesetzes. Jede Leistung, die scheinbar richtig ist, wird vergütet. Manchmal ist sie aber tatsächlich falsch. Bosshard nennt als Beispiel einen Patienten, der wegen Hüftschmerzen zum Arzt geht. Auf dem Röntgenbild wird die Arthrose bestätigt, der Patient erhält ein neues Hüftgelenk. «Wenn sich die Schmerzen auflösen, war der Eingriff richtig. Wenn die Schmerzen bleiben, ist davon auszugehen, dass deren Ursache eine andere war – zum Beispiel eine Diskushernie, die abstrahlt.» Der Patient wurde nicht genügend abgeklärt. Heute fehlen eine Systematik, ein übergeordneter Prozess und auch die Zeit, die solche Abklärungen ermöglicht. Es fehlen die Ressourcen.

Deshalb wollte der Bundesrat jährlich rund 19,85 Millionen Franken für solche Projekte bereitstellen. Finanziert würden sie von den Versicherten, die über die Prämie 3.50 Franken pro Jahr abgeben müssten. Das sei «inakzeptabel», sagt die St. Galler FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter. «Die Menschen bezahlen eine Prämie und müssen Qualität erwarten dürfen.» Zudem sei das Projekt zu «zentralistisch».

Qualität nur für Arztpraxen?

Ständerätin Pascale Bruderer (AG/SP) lässt die Argumente nicht gelten. «Der Handlungsbedarf wurde von niemandem grundsätzlich bestritten», sagt sie. Die Kritiker täten gut daran, Korrekturen zu fordern, anstatt die Vorlage als Ganzes abzulehnen. Allerdings: Wie viel überhaupt noch entschlackt werden kann, ist unklar. Der Bundesrat hat die Vorlage bereits stark reduziert. Bemerkenswert: Die Kommission hat im Gegenzug einen Vorstoss angenommen, der die Qualität nur im ambulanten Bereich verbessern will.