Prostitution
Jeder siebte Jugendliche hat schon einmal für Sex Geld bezahlt

Die Zahl der 18- bis 20-Jährigen, die mindestens einmal Sex gegen Geld hatten, ist massiv gestiegen. Experten sehen im bezahlten Sex ein Lifestyle-Produkt wie eine Tafel Schokolade. In gewissen Jugendcliquen landen die Jungs am Schluss des Abends im Bordell.

Antonio Fumagalli
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Nach den mutmasslichen Korruptionsfällen bei der Zürcher Sittenpolizei und dem von zahlreichen Parlamentariern geforderten Prostitutionsverbot hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) am Montag das neuste Bulletin veröffentlicht – mit brisantem Inhalt. «Bei Männern wird der Konsum von bezahltem Sex häufiger», heisst es im Fazit des «Verhaltensmonitoring zum Sexualverhalten von 18- bis 20-Jährigen».

HIV-Statistik: Zahl der Diagnosen stabil

2012 waren erstmals seit Jahren wieder mehr neue HIV-Infektionen festgestellt worden. Der Trend scheint sich nun aber nicht zu bestätigen: Die Zahl der neuen HIV-Diagnosen blieb im ersten Halbjahr 2013 mit 331 Fällen stabil. Hochgerechnet auf das ganze Jahr ergibt das 660 Diagnosen, was verglichen mit den 645 neuen Fällen im Jahr 2012 als stabile Entwicklung zu werten ist. Dies schreibt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in seinem gestern publizierten Gesundheitsbulletin. Diese Tendenz zeigt sich bei Heterosexuellen wie auch bei Männern, die Sex mit Männern haben, und Personen, die Drogen injizieren. Bei Heterosexuellen gehen auch die Syphilis-Diagnosen zurück, während sie bei Männern, die Sex mit Männern haben, leicht zunehmen. Von Gonorrhö (Tripper) betroffen sind dagegen vor allem Heterosexuelle. (SDA)

Die Zahlen, die das BAG mitliefern, lassen aufhorchen: 1997 gaben noch 2,4 Prozent der befragten Männer an, schon mal für eine sexuelle Dienstleistung bezahlt zu haben. Drei Jahre später waren es bereits doppelt so viele. In die Höhe geschossen ist die Zahl aber erst 2011, als 15,2 Prozent der jungen Männer – also immerhin einer von sieben – behaupteten, dass sie mindestens einmal Sex gegen Geld hatten.

Eigendynamik unter Soldaten

Beim direkten Vergleich ist allerdings Vorsicht geboten: Die früheren Erhebungsmethoden unterscheiden sich von den letzten beiden, wo mehrheitlich Rekruten befragt wurden. Studienautorin Françoise Dubois-Arber sagt denn auch, es sei nicht auszuschliessen, dass unter den Soldaten «eine gewisse Eigendynamik» entstehen könne. Für das BAG steht aber ausser Zweifel, dass ein «starker Anstieg» festzustellen ist.

Über die Gründe rätselt die Fachwelt: «Gut möglich, dass die wachsende Verfügbarkeit von Sex insbesondere über das Internet die Ausgangslage verändert», sagt Thomas Abel, dessen Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern an der Datensammlung beteiligt war. Zudem hätten Teile der Jugend heute eher mehr Geld zur Verfügung als früher.

Auch laut Sexualpädagoge Bruno Wermuth hat sich für manche Jugendliche der Stellenwert von Sex – auch des käuflichen – gewandelt. Sex als Lifestyleprodukt, das man konsumiert wie eine Tafel Schokolade. «In gewissen Jugendcliquen kann es vorkommen, dass man am Ende des Abends im Bordell landet», so Wermuth. In seiner Beratertätigkeit tauche eine Problemstellung immer wieder auf: Die jungen Männer wollen nach vergeblichen Beziehungsversuchen ihr erstes Mal erleben – und fragen nun den Experten, ob es eine gute Idee sei, dafür ins Puff zu gehen.