Verkehr
Jeder fünfte Verkehrsunfall wegen Sekundenschlaf

Wäre der Lieferwagenfahrer vorgestern bei Oberwil-Lieli nicht eingenickt, hätte ein vierjähriger Junge heute keine Wunden im Gesicht. Der Horrorunfall zeigt: Sekundenschlaf ist im Strassenverkehr ein unterschätztes Problem.

Jessica Pfister
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Der 21-Jährige Lieferwagenfahrer war am Dienstagmorgen nur kurz am Steuer eingenickt und schon passierte es: Er prallte ungebremst gegen ein auf dem Seitenstreifen stehendes Pannenauto. Dieses traf ein Kind und schleuderte es zu Boden. Auch heute noch liegt der vierjährige Bub mit schweren Gesichtsverletzungen im Zürcher Kinderspital.

Wie ein Blick auf die Statistik zeigt, ist bei rund 20 Prozent der Verkehrsunfälle Sekundenschlaf die Ursache. Auf der Autobahn ist gar jeder vierte tödliche Unfall auf ein schnelles Einnicken zurückzuführen. «Die Zahlen zeigen, dass der Sekundenschlaf ein ernst zu nehmendes Problem im Strassenverkehr ist», sagt Daniel Menna von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu).

Übermüdung und Schlafstörungen

Ein kurzer Moment könne beim Autofahren über Leben und Tod entscheiden, sagt Menna. So würden Fahrzeuge mit einem schlafenden Lenker am Steuer meist ungebremst von der Strasse abkommen, mit hohem Tempo in Hindernisse am Strassenrand prallen, schleudern oder sich überschlagen.

Sekundenschlaf

Unter dem umgangssprachlichen Begriff, der fachlich als Müdigkeitsattacke bezeichnet wird, versteht man ein ungewolltes, oft nur wenige Sekunden dauerndes Einnicken. Dieses Phänomen tritt besonders bei übermässig langen und monotonen, abwechslungsarmen Fahrten (vor allem auf Autobahnen) auf. Dabei müssen nicht unbedingt die Augen zufallen. Es gibt auch Situationen, in denen der Sekundschlaf mit offenen Augen eintritt. Symptome sind: Schwere Augenlider, erhöhter Lidschlag, Augenbrennen, trockener Mund, aufschrecken, häufiges Schalten, Fahrfehler, häufiges Gähnen, Kopfschmerzen, Gesichtsfeldeinschränkungen, Gereizheit. (jep)

Die Hauptursachen für den Sekundenschlaf sind Übermüdung oder Schlafstörungen. Übermüdet sind vor allem junge Autofahrer am Wochenende auf der Heimfahrt nach dem Ausgang. Erst recht, wenn sie Alkohol getrunken haben. Aber auch Schichtarbeitende mit einem gestörten Schlafrhythmus sind betroffen.

Schlafstörungen hingegen treten eher bei Personen ab 55 auf. Die Statistik zeigt, dass diese oft einen Unfall im Verlauf des Nachmittags erleiden. Eine mögliche Ursache können Schlafapnoen in der Nacht sein, bei der - zumeist bei schweren Schnarchern - die Atmung immer wieder für längere Zeit aussetzt. Davon betroffen sind in der Schweiz rund 200 000 Menschen - Tendenz steigend.

Keine Nachtfahrten, Zuckerhaltige Snacks

Doch was kann man gegen den Sekundenschlaf tun? Hier einige Tipps des bfu und des Touring Clubs Schweiz (TCS):

• Vermeidung von Nachtfahrten - in der Zeit zwischen 2 und 5 Uhr morgens befindet sich der Körper normalerweise im Tiefschlaf, somit in einem Leistungstief.
• Kein schweres Essen vor Antritt einer längeren Fahrt. Das vermindert die Konzentration.
• Zuckerhaltige Snacks wie Obst, Schockolade dabei haben. Obstsäfte oder Wasser trinken. Kaffe oder koffeinhaltige Getränke führen nur zu einer kurzfristigen Verbesserung.
• Lüften des Autos. Kalte Luft kann den Kopf klar machen.
• Verzicht aufs Rauchen während der Fahrt.

Die wichtigste Massnahme überhaupt ist ausgeruht und gesund ins Auto zu steigen und bei längeren Fahrten regelmässige Pausen zu machen.