Die gute Nachricht zuerst: Im letzten Jahr erhielten 479 Personen in der Schweiz eines oder mehrere Organe aus der Spende eines verstorbenen Menschen. Um fast 50 Prozent stieg die Zahl der Spender in den letzten sechs Jahren. Allerdings, und das ist die traurige Nachricht, sind 68 Menschen im letzten Jahr verstorben, die vergeblich auf ein Spenderorgan gewartet haben. Über 1412 Personen warten auf eine lebensrettende Transplantation.

Trotz Fortschritten hinkt die Schweiz bei der Spenderquote anderen Ländern hinterher. In Spanien kommen 47 Spender auf eine Million Einwohner, in Italien und Frankreich sind es 29 bzw. 30. In der Schweiz waren es im letzten Jahr 19. Unterboten wird diese Zahl nur von Deutschland, wo auf eine Million Einwohner 10 Personen ein Organ spendeten.

Was im Vergleich auffällt: Länder, welche die Widerspruchslösung einführten, verzeichnen deutlich höhere Spenderquoten. In Deutschland, dem Schlusslicht, gilt wie in der Schweiz die Zustimmungslösung. Der Verstorbene muss den Willen zur Organspende klar geäussert haben – auf einem Aufweis oder einer Patientenverfügung, ansonsten entscheiden die Angehörigen.

Bundesrat will Widerspruchslösung light

Die Schweiz soll nachziehen: Die Initianten der Organspende-Initiative wollen einen Systemwechsel herbeiführen und aus jedem Bürger im Todesfall einen Spender machen – sofern er sich zu Lebzeiten nicht gegenteilig geäussert hat. Heute muss aktiv werden, wer Organe spenden will und einen Ausweis ausfüllen. Künftig muss aktiv werden, wer keine Organe spenden will und das auf einem Ausweis oder in einem öffentlichen Register festhalten.

Gestern erklärte Gesundheitsminister Alain Berset, der Bundesrat unterstützte diesen Grundsatz. Er hält aber die Umsetzung für allzu radikal und hat deshalb einen indirekten Gegenvorschlag entworfen: die «erweiterte Widerspruchslösung». Im Unterschied zu den Initianten will der Bundesrat die Angehörigen in den Entscheid einbeziehen. «Das ist essenziell», sagt Berset. Wenn kein klarer Wille vorliegt, soll dieser künftig mithilfe der Angehörigen eruiert werden.

Allerdings wird das auch heute schon so praktiziert. «Es handelt sich um keine Revolution», antwortet Berset auf die Frage, was sich im Vergleich zum aktuellen System ändere. «In beiden Fällen entscheiden die Angehörigen.» Nur könne das Prinzip das Gespräch zwischen Pflege und Verwandten beeinflussen, wenn eine Organspende die Regel und nicht die Ausnahme sei. Heute lehnen die Angehörigen laut Bundesrat in 60 Prozent der Fälle eine Organspende ab. Im europäischen Mittel liegt die Ablehnungsquote bei 30 Prozent.

Höhere Spendequote auch ohne Systemwechsel

Die Widerspruchslösung stösst auf scharfe Kritik. Die nationale Ethikkommission für Humanmedizin hält die Systemänderung für «ethisch bedenklich»: Organspende sei ein privater Entscheid, der Staat solle sich da raushalten. Trotzdem sieht die Kommission Handlungsbedarf und hat Anfang Monat einen eigenen Vorschlag vorgelegt. Über das sogenannte Erklärungsmodell würden die Bürger regelmässig aufgefordert, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und ihren Willen in einem Register festzuhalten.

Seit gestern liegen vier Alternativen auf dem Tisch: das heutige Zustimmungsmodell, ein «enges» und ein «erweitertes» Widerspruchsmodell sowie ein Erklärungsmodell. In etwa einem Jahr kommt das Geschäft ins Parlament. Unabhängig davon hat sich der Bundesrat ein neues Ziel gesetzt: Er will die Spenderquote bis 2022 auf 22 Personen pro Million Einwohner heben. Gelingen soll dies über eine gezielte Schulung des Personals in den Spitälern. Die Erfahrung zeigt: Damit liess sich in den letzten sechs Jahren die Spendebereitschaft massiv erhöhen.