Herr Ziegler, wieso soll die Immunität des Zürcher SVP-Nationalrats Christoph Blocher nicht aufgehoben werden?

Jean Ziegler: Es geht ums Prinzip. Denn ein Nationalrat hat zwei Aufgaben: Gesetze zu machen und die Verwaltung zu überwachen. Letzteres ist nur möglich, wenn Parlamentarier totale Immunität geniessen.

Sie nehmen Ihren Gegner in Schutz.

Politisch bin ich von Blocher Lichtjahre entfernt. Trotzdem: Wir sollten ihm dankbar sein, dass er die privaten Devisenspekulationen des früheren Nationalbankpräsidenten Philipp Hildebrand publik gemacht hat. Und: Blocher hatte Glück, dass Micheline Calmy-Rey damals gerade noch Bundespräsidentin war. Sie hat sofort gemerkt, welche Dimension die Affäre Hildebrand hat, entgegen der Mehrheit des Bundesrats.

Die Debatte um die Aufhebung Ihrer Immunität im Jahr 1991 galt als eine Art Schauprozess. Sehen Sie Parallelen zum Fall Blocher?

Auch jetzt erleben wir einen Schauprozess. Es ist doch absurd: Whistleblower werden bei uns eingeschüchtert, statt dass man ihnen dankt. Die Immunität wurde aufgehoben wegen meines Buches «Die Schweiz wäscht weisser», worin ich das Bankgeheimnis kritisierte. Danach hatte ich neun Prozesse am Hals. Meine Familie und ich brauchten Polizeischutz, weil ich derart heftige persönliche Drohungen bekam. Und die Banken versuchten mich durch die Schadenersatzprozesse finanziell zu ersticken.

Damals entschied noch das Parlament, heute ist es die neu geschaffene Immunitätskommission. Garantiert das nicht eine objektivere Sachbeurteilung?

Doch, auf jeden Fall. Weil jetzt eine kohärente Rechtsprechung geschaffen werden soll. Und genau deshalb wäre es ein weiterer Skandal, wenn dieses Gremium zum Schluss kommt, dass Blochers Immunität aufgehoben wird. Denn er hat eine Affäre aufgedeckt, welche die Nationalbank und damit die ganze Bevölkerung betrifft. Und damit hat Blocher genau das gemacht, was die Pflicht eines jeden Parlamentariers wäre: Er hat seine Aufsichtsfunktion wahrgenommen.