Politik
Je kleiner die Männer, desto grösser das Ego

Was haben Berlusconi und Gbagbo gemeinsam? Und was Lieni Füglistaller und Sepp Blatter? Sie alle sind seit Jahren im Amt und denken nicht an Rücktritt. Zu süss ist die Droge Macht. Ein Interview.

Claudia Landolt
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Kleine Männer, grosse Egos
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Kim Jong Il Kim Jong Il hält Welt in Atem
Napoleon Bonaparte
Präsident von Elfenbeinküste, Laurent Gbagbo Präsident von Elfenbeinküste, Laurent Gbagbo
FIFA-Präsident Sepp Blatter
Ralph Zloczower, Vizepräsident des Verwaltungsrats der Euro 2008

Kleine Männer, grosse Egos

Der deutsche Professor für Sozialpsychologe Hans-Jürgen Wirth ist ein renommierter Buchautor. seine Veröffentlichung «Narzissmus und Macht» erlangte auch hierzulande Bekanntheit. Di az sprach mit dem Forscher aus Giessen (D) über die Angst der Politiker vor dem Abtreten.

Herr Wirth, macht Politik süchtig? Und macht diese Sucht wirklichkeitsblind?

Prof. Dr. Hans-Jürgen Wirth: Grundsätzlich macht Politik nicht süchtig, allerdings kann sie unter bestimmten Umständen zu einem Suchtmittel werden. Die Gefahr ist gross, wenn die Politik zum einzigen und alles beherrschenden Inhalt des Lebens wird, und wenn gleichzeitig der Politiker sehr abhängig ist von Zuwendung, Anerkennung und die Liebe, sich diese Abhängigkeit aber nicht eingestehen kann, sondern erzwingen will. Die Ausübung von Macht stellt eine Strategie dar, um die eigene Abhängigkeit von anderen zu verleugnen. Indem man andere mit Hilfe der Macht unterjocht, versklavt, verführt, manipuliert, korrumpiert oder sich in anderer Form gefügig macht, kann man sich die Illusion verschaffen, unabhängig zu sein. Der andere soll gezwungen werden, seine Anerkennung auszudrücken, ohne selbst Anerkennung zu ernten.

Kann, wer Macht hat, sich Liebe und Anerkennung erkaufen?

Die Anhäufung von noch so viel Macht kann das menschliche «Urbedürfnis» nach Liebe und Anerkennung jedoch nicht ersetzen, sondern nur umformen. Wer Macht hat, kann sich Liebe und Anerkennung zwar erzwingen und erkaufen. Er verschleiert damit jedoch nur seine fundamentale Abhängigkeit, ohne sie wirklich aufheben zu können. Damit beginnt ein Circulus vitiosus: Je mehr der andere gezwungen und manipuliert wird, desto weniger wird seine Anerkennung als echt erfahren und desto weniger befriedigend wird sie erlebt.

Hans-Jürgen Wirth Hans-Jürgen Wirth, Psychoanalytiker in Giessen und Professor für psychoanalytische Sozialpsychologie an der Universität Bremen, ist einer der profiliertesten Sozialpsychologen Deutschlands. Sein Standard-Werk ist «Narzissmus und Macht» . Er leitet den Psychosozial-Verlag in Giessen.

Hans-Jürgen Wirth Hans-Jürgen Wirth, Psychoanalytiker in Giessen und Professor für psychoanalytische Sozialpsychologie an der Universität Bremen, ist einer der profiliertesten Sozialpsychologen Deutschlands. Sein Standard-Werk ist «Narzissmus und Macht» . Er leitet den Psychosozial-Verlag in Giessen.

AZ

Wächst das Ego mit dem Amt?

Dass das Selbstwertgefühl mit dem Amt, mit der Aufgabe, die man übernimmt, sich verändert und gegebenenfalls wächst, ist ein normaler psychologischer Vorgang. Er gilt nicht nur für die Übernahme eines politischen Amtes, sondern für die Übernahme einer jedweden Rolle und Aufgabe. Die psychologische Gefahr für jeden Politiker besteht darin, dass die Macht ihn verführt, seine Eitelkeit auszuleben. Der Soziologe Max Weber hat in seinem berühmten Aufsatz »Politik als Beruf« die Eitelkeit als die Berufskrankheit der Politiker bezeichnet. Ich würde als Psychoanalytiker von der narzisstischen Selbstberauschung als der Berufskrankheit der Politiker sprechen. Zwar darf und muss jeder Politiker Macht ausüben. Er darf sich auch über politische Erfolge freuen und narzisstische Bestätigung daraus ziehen. Problematisch wird es dann, wenn die Machtausübung nicht mehr im Dienst der Sache steht, sondern in erster Linie der Eitelkeit des Politikers dient.

Alle Politiker-Karrieren haben ihr Ende, aber fast alle wünschen sich ein anderes Ende. Warum?

Ob die politische Arbeit Suchtcharakter hatte, merkt man dann, wenn die Macht verloren geht. Der Verlust der Macht wird als narzisstische Entwertung erlebt. Der Politiker ist auf sich selbst zurückgeworfen. Gefühle der Leere, der Nutzlosigkeit, der Wertlosigkeit und der Depression können auftreten, wenn er plötzlich nicht mehr im Scheinwerferlicht steht. Manche Politiker werden von der ständigen öffentlichen Aufmerksamkeit so abhängig wie von einer Droge. Sie bekämpfen damit ihre untergründige Depressionen und Selbstzweifel. Am Ende der Karriere treten dann Entzugserscheinungen auf.
Erfahren Politiker auch Machtbegrenzungen?

Ja natürlich. Diese Erfahrung müssen alle Politiker machen, speziell in der Demokratie. Aber auch im totalitären Gesellschaften stossen Politiker an die Grenzen der Realität und ihrer Macht.
Die Frage ist also eher, ob ihre Grandiositätsphantasien so ausgeprägt sind, dass sie die real vorhandene Begrenzung ihrer Macht verleugnen.
Verfügen Politiker über ein reifes Verhältnis zu Macht und Narzissmus?

Das kann man nicht generell sagen, sondern muss jeweils die Einzelfälle betrachten. Ich bin jedenfalls fest davon überzeugt, dass auch Politiker grundsätzlich über ein reifes Verhältnis zu Macht und Narzissmus verfügen können, dass also Politik nicht per se ein schmutziges Geschäft ist und dass Politik auch nicht immer und grundsätzlich den Charakter verdirbt. Bei den negativen Beispielen handelt Ehe sehe ich um einen Missbrauch der Macht in Folge eines stark ausgeprägten pathologischen Narzissmus.

Weshalb kommen Politiker, die ihre Macht ungestört zelebrieren und ihren Machismo hemmungslos ausleben, beim Publikum so gut an?
Sie kommen deshalb so gut an, weil die Ungehemmtheit, mit der sie ihren Machismo ausleben und ihre eigene Persönlichkeit narzisstisch feiern, verführerisch wirkt. Gerade ein Publikum, das unter eigenen Selbstzweifeln und Gefühlen von Wertlosigkeit und Einfluss los und Bedeutungslosigkeit leidet, erlebt ihn der Identifikation mit einer grandiosen Figur wie Berlusconi eine Befriedigung, einen Ausgleich für die eigene Bedeutungslosigkeit, eine illusionäre Befriedigung in der Fantasie.

Als ist Berlusconi ein pathologgischer Narzisst?

Im Falle von Figuren wie Berlusconi beruht das Charisma auf einem pathologischen Narzissmus, auf untergründigen Selbstzweifeln, die durch einen hemmungslosen Machismo und eine grenzenlose narzisstische Selbstglorifizierung abgewehrt wird. Dies wirkt auf ein Publikum anziehend, das in der Rolle des Komplementär-Narzissten dem grandiosen Narzissten Berlusconi applaudiert.
Warum ist es so schwierig, zwischen eigener Leistung und öffentlichem Bild eines Politikers zu unterscheiden?
Zum einen wird in der öffentlichen Darstellung von Politik immer personalisiert. Das heisst, man betrachtet ein politisches Ereihnis überwiegend als Ergebnis der Handlungen von einzelnen Politikern, obwohl die meisten Entscheidungen das Ergebnis von komplexen Gruppenprozessen und strukturellen Zusammenhängen sind. Das öffentliche Bild eines Politikers, das personalisiert, liegt also grundsätzlich schon schief, wenn es nicht zugleich auch die strukturellen und organisatorischen Hintergründe benennt, in die das Handeln des Politikers eingebunden ist.

Zum anderen versucht natürlich jeder Politiker sein eigenes Bild in der Öffentlichkeit möglichst positiv darzustellen. Es ist dann eben die Aufgabe einer kritischen Öffentlichkeit, auf mögliche Differenzen zwischen der wirklichen Leistung eines Politikers und dem öffentlichen Bild, das er abgibt, hinzuweisen.