Ein König? Hier? Nein, davon wisse sie nichts, sagt die Bedienung in einem Seerestaurant in Arth. Auch die Fussgängerin an der Uferpromenade hat noch nie davon gehört, dass in der Gemeinde ein König residiere. Wenn, dann würde sich dieser doch ein paar Kilometer weiter im steuergünstigen Zug niederlassen. Aber so ist es nicht. Goldau, respektive die politische Gemeinde Arth-Goldau, hat einen Monarchen: Christian Hediger, 38, Jasskönig und Metzger.

Im Parterre eine Beiz, in der noch geraucht wird. An der Wand hängt eine Dartscheibe, im Raum der abgestandene Duft von kaltem Rauch und Frittiertem. Wir hätten gerne auf den Besuch in der Beiz verzichtet. Aber wir finden von aussen keinen Hinweis darauf, dass Hediger tatsächlich in diesem Haus wohnt. Die Klingeln sind gar nicht, die Briefkästen nur bedingt angeschrieben. Den Namen Hediger finden wir nicht. Also fragen wir in der Beiz. Ein Anruf, und der König stapft das Treppenhaus herunter. Auch hier ist die Luft stickig.

Zwei Zimmer, die Fensterläden geschlossen, die Vorhänge zugezogen. Karg, bescheiden und unpersönlich. Als sei der König nur auf Durchreise. Aber so ist es nicht. Christian Hediger, 1,90 m gross und mit dem Körperbau eines Kranzschwingers, bittet ins Halbdunkel der Küche. Im Nachbarort Steinen ist er aufgewachsen, in Goldau wohnt er heute. Aus der Region wegzuziehen, sei nie ein Thema gewesen. In der Stadt zu leben, könne er sich nicht vorstellen, weil es dort viel zu laut und hektisch sei. Und ins Ausland zu gehen erst recht nicht. Er war zwar schon mal in Brasilien und in Italien. «Aber die Schweiz ist zu schön, um wegzugehen. Abgesehen vom Strand und vom Meer haben wir hier alles.» Hier seien die Leute einfacher und unkomplizierter, das gefällt ihm.

Der 2. Februar 2013 war der Tag seines grossen Triumphs. Hediger Christian, wie man ihn am Jasstisch nennt, hat die Meisterschaft im verdeckten Differenzler gewonnen. Das ist jener Jass, der auch in den TV-Sendungen «Samschtig-Jass» und «Donnschtig-Jass» gespielt wird. Ein Jass für Einzelkämpfer. Denn im Gegensatz zum «Schieber» oder «Coiffeur» spielt man nicht zu zweit, sondern allein. Oder: Der Differenzler ist der Jass der Chancengleichheit, weil das Kartenglück nicht so entscheidend ist wie bei anderen Disziplinen. Es geht darum, erst das Ziel zu wählen und dann zu handeln. Und bitte immer schön ausgewogen. Der Übermütige fällt ebenso auf die Nase wie der Zurückhaltende. Also nur versprechen, was man auch halten kann.

Dieser meist stumme Tischhandel, dieses statische Kartenspiel ist das eidgenössischste Vergnügen überhaupt. Deshalb gilt: Wer die Schweiz verstehen will, muss erst das Jassen verstehen. André Stutz, Vorstandsmitglied beim Eidgenössischen Differenzler Jass Verband, schätzt, dass 45 Prozent der Schweizer Bevölkerung jasst. Wie fühlt es sich an, König eines Millionenreichs zu sein? «Nicht speziell», sagt Hediger. «In meinem Leben hat sich nichts verändert.» Arbeitsbeginn sei immer noch um 5 Uhr früh in Abtwil AG. Er führe weiterhin ein ruhiges, unspektakuläres Leben. Er esse immer noch leidenschaftlich gerne Fleisch. Er gehe immer noch gerne wandern und regelmässig an die Schwingfeste. Und er jasse nicht häufiger als früher. «So zweimal pro Monat. Nicht mehr.»

Heute bedauert Bauernbub Hediger, als 16-Jähriger mit dem Schwingen aufgehört zu haben. Doch damals sei viel auf ihn eingeprasselt. Der Tod des Vaters, der Eintritt in die Berufslehre, die Arbeit zu Hause auf dem Bauernhof. Obwohl seine Eltern stets gejasst haben, begann er damit erst mit 19. Aber schon drei Jahre später qualifizierte er sich für den Final der 120 besten Differenzler, an dem er seit 1996 jedes Jahr teilnimmt. Einmal schaffte er es auch zu Jürg Randegger in den «Samschtig-Jass». Das Resultat kennt er nicht mehr.

Herr Hediger, was würden Sie ändern, wenn Sie König der Schweiz wären? Sollte beispielsweise Jassen in der Schule zum Pflichtfach werden? «Nein, ich würde die vielen unnötigen Gesetze abschaffen.» Welche Gesetze? «Ja, Sie wissen schon, was ich meine.» Nein. Sind Sie gegen Tempolimits oder die Polizeistunde in den Beizen? «Nein, das ist alles gut so. Es braucht doch Ordnung, sonst haben wir nur noch Chaos.» Ja, welche Gesetze meinen Sie denn? Hat es zu viele oder zu wenige Ausländer? Sollten Bauverfahren vereinfacht werden? «Nein, nein, Sie wissen schon, was ich meine.» Nein. Aber es ist vielleicht auch gut so.

Unten, in der Beiz, bestellen wir einen Kaffee, um vor der Rückfahrt noch auf die Toilette zu gehen. Kommt Hediger Christian häufig hier rein, um einen Jass zu klopfen? «Nein», sagt die Bedienung. «Er kommt schon länger nicht mehr zu uns.» Weshalb? «Private Gründe.» Mehr wolle sie nicht sagen. Ist Hediger Christian ein Einzelgänger? «Das ist abhängig von seiner Laune. Aber eigentlich ist er ein ruhiger, ausgeglichener Mensch.» Und ja, man habe sich in der Beiz trotz allem gefreut, als er Jasskönig geworden sei.