Die Geister scheiden sich an der Unterwäsche. «Das geht gar nicht, dass die Armee den Wehrleuten sogar die Unterwäsche stellt», ärgern sich die drei verdienten Aargauer Armeeveteranen Reiny Buhl, Richard Fischer und Roland Schmid. Das Trio ist der Motor des «Bürgerforums Duro-Millionen», das sich seit der teuren Wiederaufbereitung der Duro-Transporter kritisch mit der Armee auseinandersetzt. Und kürzlich sogar von Verteidigungsminister Guy Parmelin (SVP) persönlich zur Audienz empfangen worden ist.

Die umstrittene Unterwäsche ist Teil der Armeebotschaft 2018, mit der das Verteidigungsdepartement kräftig aufrüsten will. Für 1,5 Milliarden sollen Rüstungsgüter und Armeematerial beschafft werden. 377 Millionen sind alleine für die neue, modulare Kampfausrüstung vorgesehen: Tarnanzüge, Schutzwesten, Rucksäcke, Taschen. Bis hin zur Unterwäsche.

Der Unterhosen-Streit ist das eine. Eine andere Frage, die sich die Bürger stellen: Was geschieht mit all dem alten Material? Gestützt auf einen Fragenkatalog des Bürgerforums holte die «Schweiz am Wochenende» beim Verteidigungsdepartement (VBS) Auskünfte ein.

Streitpunkt ist etwa das Mannsputzzeug. Laut den Veteranen wurden in den letzten Jahren «weit über 100'000 Mannsputzzeug liquidiert», zum Teil verbrannt. Gleichzeitig sei neues beschafft worden, das sich vom alten im Inhalt nur in einem Punkt unterscheidet: Es fehlen Knöpfe und Nadeln.

Die Sache mit den Knöpfen

«Vor einigen Jahren wurde das Mannsputzzeug durch das Reinigungsset 09 abgelöst», bestätigt Armeesprecher Daniel Reist. Und: «Dieses beinhaltet nach wie vor ein Näh-Set, bestehend aus Nadeln und Faden. Das Reinigungsset 09 beinhaltet jedoch keine Knöpfe mehr, weil bei der aktuellen Bekleidung der Armee weitgehend auf Knöpfe verzichtet wurde.»

Das Mannsputzzeug sei nach «rund zehn Jahren in der Regel nicht mehr einsetzbar», es werde «im Rahmen der normalen Abrüstung liquidiert». Noch einigermassen intaktes Material werde über die Liq-Shops verkauft, so Reist.

Auch die Kampfanzüge 90, die dem neuen Tarnanzug (kurz: MBAS) weichen sollen, treiben die Bürger um. Warum die alten vernichtet würden, statt im freien Verkauf zu landen, wollen sie wissen. «Auch nach der Einführung der Kampfbekleidung MBAS werden die noch vorhandenen Artikel der Kampfbekleidung 90/06 weiterverwendet.

Einerseits sollen damit in Schulen und Kursen die neuen MBAS-Artikel bei Tätigkeiten wie Parkdienst, körperliche Ertüchtigung und Exerzieren geschont werden», teilt der Armeesprecher mit. «Andererseits sollen die PA-Bestände (Persönliche Ausrüstung; Anm. d. Red.) der Kampfbekleidung 90/06 bis zur Einführung eines neuen Dienstanzuges möglichst aufgebraucht werden.»

Noch 500'753 Kämpfer-Jacken

Da hat die Armee aber noch einiges aufzubrauchen. Gemäss ihren Angaben verfügt sie derzeit noch über folgende Bestände an Kampfbekleidung 90/06: 500'753 Tarnanzug-Jacken. 452'794 Tarnanzug-Hosen. 81'864 (Panzer-)Kombis.

Solche Riesenmengen sollten künftig nicht mehr anfallen: Neu richtet das VBS die Materialkäufe auf einen Truppenbestand von 100'000 Mann aus.

Auch das Fahrrad 93 bewegt die Gemüter. Es musste auf Weisung des vormaligen Verteidigungsministers Ueli Maurer (SVP) dem moderneren Fahrrad 12 weichen, produziert durch eine Zürcher Firma. Warum das ausgemusterte Fahrrad nie auf dem heimischen Markt erschienen sei, wollen die Bürger wissen.

Doch, widerspricht die Armee. Über 2300 Fahrräder 93 sowie das verbleibende Ersatzmaterial seien in den Jahren 2014/2015 verkauft worden, hält Sprecher Reist fest. «Sie wurden vollumfänglich über die Liq-Shops in der Schweiz verkauft», ergänzt Jacqueline Stampfli, Sprecherin des VBS-Rüstungsbeschaffers Armasuisse.

Laut Reist war «das Fahrrad 93 Gegenstand der persönlichen Ausrüstung der Radfahrer. Bei der Entlassung aus der Dienstpflicht konnte der Radfahrer sein Fahrrad 93 behalten. Von diesem Angebot haben viele Gebrauch gemacht.»

Zu reden geben auch explosivere Posten. Warum die 12-Zentimeter-Munition der Festungsminenwerfer vernichtet, statt für die neuen Werfer verwendet worden sei, fragen die Duro-Veteranen. Das VBS widerspricht: «Die Munition der 12-Zentimer-Festungsminenwerfer ist nach wie vor vorhanden. Mit dem Projekt Mörser 16 wird zurzeit eine Weiterverwendung überprüft.»

Auch die Panzerhaubitzen und Raupentransportwagen, die ausmustert werden sollen, möchten die Veteranen verkaufen. Schwierig, sagt Armasuisse-Sprecherin Stampfli: «Da auch andere Länder ihre Bestände an Panzerhaubitzen und Raupentransportwagen reduziert haben, sind die Chancen für einen Verkauf gering.» Das heisst: «Wahrscheinlicher ist die Entsorgung über spezialisierte Recyclingfirmen und die stoffliche Wiederverwertung.»

Riesige Mengen ausser Dienst

Und wohin geht Material, das vernichtet oder wiederverwertet wird? «Das Armeematerial wird in der Schweiz vernichtet, das Recycling-Material geht zum Teil ins Ausland», so die Armasuisse-Sprecherin.

Sicher ist: Die Armee stellt jährlich riesige Mengen an Material ausser Dienst. «Pro Jahr werden mehrere hundert Ausserdienststellungsaufträge ausgelöst beziehungsweise erledigt. In den Jahren 2015 bis 2017 betrafen die erledigten Aufträge vor allem die Bereiche Transportdienst, Führungsunterstützung und Geniematerial.» 2017 beispielsweise seien knapp 1300 Fahrzeuge und Container verkauft worden. «Konkret handelte es sich um: Personen- und Lieferwagen, Lastwagen, Anhänger, Spezialfahrzeuge wie Stapler oder Flugzeug-Schlepper.»

Die Ausrüstung eines Schweizer Rekruten: