Die BDP weist gerne darauf hin, sie mache Sachpolitik. Eine Sache bereitet der Bäuerin und Berner Kantonspolitikerin der BDP, Anita Herren, besondere Sorgen: «Ich habe grosse Hygienebedenken. Sie wissen schon, wovon ich spreche.» Herren meint die «Freilufttoilette» über die sich der halbe Kanton Bern letzten Sommer aufregte.

Ausländische Fahrende hatten den vom Kanton geplanten Transitplatz neben der Autobahn A1 bei Wileroltigen BE in Beschlag genommen. Statt in den Sanitäranlagen verrichteten manche ihr Geschäft auf den Feldern nebenan. Die Reaktionen waren heftig, die Bewohner im 400 Meter entfernten, auf der anderen Autobahnseite liegenden kleinen Dorf ausser sich.

Gestern gaben die Vorgänge auch im Berner Kantonsparlament zu reden. In einem Vorstoss forderten 10 der 13 BDP-Grossräte vom Kanton, Pläne für Transitplätze auf Eis zu legen. Schweizer Fahrende hatten vor den Auswirkungen auch auf sie gewarnt. Eine Mehrheit des Berner Parlaments lehnte das Anliegen zwar ab, die BDP hatte aber geschlossen dafür gestimmt.

Das erstaunt, zumal sich ausgerechnet die BDP national stark für den Minderheitenschutz einsetzt, etwa für die Rechte von Lesben und Schwulen; und die Berner neben der Bündner Sektion wegen ihrer Grösse für die BDP existenziell ist.

Einmal Ja zu den Rechten von Minderheiten, einmal Nein: Wofür steht die Mittepartei nun eigentlich genau? Parteipräsident Martin Landolt (GL) verweist auf die Delegiertenversammlung vom letzten Frühling, «an der wir einstimmig einen Parteikompass verabschiedet haben». Wörtlich steht darin: «Wir wehren uns gegen Diskriminierungen oder einseitige Bevorzugungen von individuellen Lebens- und Familienformen.»

Wie aber steht der Widerstand gegen die Fahrenden im Kanton Bern im Einklang mit dem Respekt «individueller Lebensformen»? Hat die BDP nicht ein Glaubwürdigkeitsproblem mit dem Abweichen der Berner von der Parteilinie? Landolt widerspricht: «Auch wenn ich für genügend Transitplätze für die Fahrenden bin – anhand eines einzelnen Themenkonflikts und einem Vorstoss einiger BDP-Politiker einen Wertekonflikt heraufzubeschwören, ist weit hergeholt.»

Nicht einverstanden mit der Stossrichtung der Berner BDP-Sektion ist neben BDP-Chef Landolt auch die Chefin der Bundeshausfraktion, Rosmarie Quadranti. Der Berner Widerstand richte sich zwar gegen ausländische Fahrende, treffe neben diesen aber auch «unsere eigenen Fahrenden, die Jenischen». Es brauche mehr Durchgangs- und Standplätze für sie.

«Zu meinen, mangels Plätzen würden die Fahrenden die Schweiz meiden, ist ein Fehler. Das funktioniert nie.» Trotzdem will Quadranti nichts von einem internen Parteikonflikt wissen. «Unterschiedliche Meinungen zu haben und diese auch zu tolerieren, das zeichnet unsere Mittepartei doch gerade aus», sagt sie.

Die BDP hat es links von SVP und FDP allerdings sowieso schwer, Themen zu besetzen. Dort politisiert die grössere CVP, die eine Fusion mit der BDP platzen liess. Und so umreisst die BDP in ihrem «Kompass» die eigene Partei-DNA eher mit stilistischen Elementen. Trotzdem forciert die Partei hin und wieder Themen, wie das Beispiel der Rechte für Lesben und Schwule gezeigt hat.

Doch wie bei den Fahrenden nun prallten auch dort Welten aufeinander. Als Quadranti und Landolt die Homo-Ehe propagierten, sagte der frühere BDP-Chef und Berner Nationalrat Hans Grunder gegenüber dieser Zeitung: «Die Parteilinie zur Homo-Ehe goutieren unsere Stammwähler nicht.»

Anders sieht es bei von ausländischen Fahrenden mit Abfall und Fäkalien hinterlassenen Äckern aus. Wen regt so etwas schon nicht auf? Die BDP hat sich neben progressiven Ansätzen auch lösungsorientierte Sachpolitik auf die Fahne geschrieben. Doch liesse sich nicht gerade auf offiziellen Durchgangsplätzen die Beachtung konkreter Hausregeln unter Androhung von Repressionen erreichen?