Die Panne ist brisant: In rund 400 Spitälern und Heimen hat seit der Silvesternacht der Notfallknopf nicht mehr funktioniert. Zahlreiche Patienten und Heimbewohner in der ganzen Schweiz konnten nicht mehr vom Bett aus Alarm schlagen, wenn es ihnen schlecht ging. Schuld an der misslichen Lage, die in vielen Institutionen noch nicht behoben ist, ist ein Softwarefehler. 

Die watson-Recherchen zur Mega-Panne lösten ein grosses Medienecho aus. Am Freitag meldeten sich so auch zahlreiche Personen aus dem Umfeld von Gesundheits-Institutionen auf der Redaktion und schilderten die Lage vor Ort: «In unserem Altersheim im Raum Zürich fielen neben dem Alarmknopf auch die Klingelmatten und Handgelenkssender der Senioren aus», schreibt etwa eine Betreuerin. Eine andere Leserin sagt, zahlreiche Bewohner eines Berner Wohnheims für Menschen mit körperlicher Behinderung hätten schlaflose Nächte. Aus Angst, die Betreuer würden sie bei einem Problem nicht hören.

Die Herstellerfirma Gets MSS SA in Lausanne behandelte die Spitäler bei der Bewältigung des Bugs prioritär. Inzwischen ist das Problem in allen grossen Spitälern behoben. In zahlreichen Alters- und Pflegeheimen ist dies hingegen nicht der Fall: Gemäss Informationen von watson funktionierte der Notfallknopf in vielen Heimen auch am Freitagabend noch nicht wieder. 

Die Programmiergeräte, mit denen der Softwarefehler behoben werden kann, sind knapp. Die Geräte wandern von Institution zu Institution. In gewissen Heimen werden sich die Bewohner so bis Mitte nächste Woche gedulden müssen. 

Der Grund für den Ausfall liegt bei der Software der Notrufanlage. Diese war nicht auf den Jahreswechsel vorbereitet. Dies führte dazu, dass die Notrufanzeigen in den Stationszimmern zu viel Strom bezogen und das System zusammenbrach.

Jürgen Holm, Leiter des Departements Medizininformatik der Fachschule Bern, sagt auf Anfrage, technische Medizinprodukte würden mit hoher Qualität programmiert und zertifiziert. Aber: «Es wäre naiv zu glauben, Programmierfehler passieren nicht. Jedes System steigt mal aus.» Deshalb sei es besonders für Institutionen im Gesundheitsbereich zentral, über einen ausgefeilten Notfallplan zu verfügen, um im Falle einer Panne angemessen reagieren zu können.

Patienten mussten mit Glocken um Hilfe rufen

Die betroffenen Spitäler und Heime setzten unter anderem Babyphones ein und verteilten den Patienten Handglocken, um im Notfall nach dem Betreungspersonal rufen zu können. Holm: «Meinem Eindruck nach wurde hier viel improvisiert. Gute Notfallplanung sieht anders aus. Aber es hat wohl immerhin funktioniert.»

Für Susanne Hochuli, Präsidentin der Stiftung für Patientenschutz SPO, zeigt der Fall, dass es auch im Gesundheitswesen keine absolute Sicherheit bei der Technik gibt. «Wir verlassen uns auf Systeme, die anfällig sein können.» Handlungsbedarf sieht Hochuli aber nicht. «Es ist nicht finanzierbar, alle anfälligen Systeme doppelt abzusichern.»

Die betroffenen Spitäler und Heime betonen indes, es sei zu keinen Zwischenfällen gekommen, die auf die Störung zurückzuführen waren. Die Patienten seien zu keiner Zeit gefährdet gewesen.