Schweiz

Ist Peter Kneubühl gefährlich? Zwei Psychiater streiten über eine Frage

Peter Hans Kneubühl in seiner Zelle im Regionalgefängnis Thun.

Peter Hans Kneubühl in seiner Zelle im Regionalgefängnis Thun.

Peter Hans Kneubühl hat vor zehn Jahren sein Haus gegen die Polizei verteidigt. Am Freitag entscheidet ein Gericht in Biel, ob der 76-Jährige verwahrt werden soll. Beim Prozessauftakt ist es zu einem überraschenden Fernduell zweier Psychiater gekommen.

Peter Hans Kneubühl, 76 Jahre alt, fällt besonders auf, wenn er nicht da ist. Berühmt wurde er vor zehn Jahren, als er sich während neun Tagen vor tausend Polizisten versteckte. Die Polizei hatte zuvor sein Haus für eine Zwangsversteigerung räumen wollen, plötzlich stürmte er mit einem Gewehr heraus, schoss einen Polizisten an und verschwand in der Dunkelheit.

Damals wurde ihm eine wahnhafte Störung diagnostiziert, er wurde für schuldunfähig erklärt und zu einer Psychotherapie in Gefangenschaft verurteilt. Weil diese stationäre Massnahme gescheitert ist, beantragen die Berner Behörden nun eine Verwahrung. In seinem Fall bedeutet dies, dass er wohl bis zum Tod im Gefängnis bliebe.

Das Gericht könnte ohne öffentliche Verhandlung über die Verwahrung entscheiden. Doch Kneubühl hat persönlich beantragt, dass ein Prozess vor Publikum abgehalten wird. Dennoch weigerte er sich, seine Zelle zu verlassen. So reist das Publikum an, doch der Hauptdarsteller tritt nicht auf. Die Gerichtszeichnerinnen skizzieren seinen leeren Stuhl. Er wird zu einem Symbol: Der Mann, der gegen das System kämpft, aber unsichtbar bleibt.

Kneubühl tritt nicht auf, weil er kein faires Verfahren erwartet, wie er im Gespräch mit dieser Zeitung angekündigt hat, seiner einzigen öffentlichen Wortmeldung zur Gerichtsverhandlung.

Doch Kneubühl hat im Prozess nicht alle gegen sich. Seine Sympathisanten sitzen nicht nur im Publikum und protestieren vor dem Eingang. Sein wichtigster Sympathisant sitzt sogar im Zeugenstand und trägt einen Professorentitel.

Der eine Psychiater verteidigt Kneubühl und sogar seine Schüsse auf die Polizei

Das Gericht hat kurzfristig Werner Strik vorgeladen, den Direktor der Berner Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Er hatte Kneubühl 2017 untersucht, als dieser nach einem Hungerstreik notfallmässig ins Spital und in die Psychiatrie eingeliefert wurde.

Strik sagt: «Der Fall ist so einzigartig, dass er eine individuelle Beurteilung braucht.» Deshalb stütze er sich nicht auf die gängigen Prognoseinstrumente, sondern auf seine persönliche Erfahrung. Die Beurteilung von Kneubühl durch den offiziellen Gerichtspsychiater tut er als «akademische Trockenübung» ab, weil dieser im Gegensatz zu ihm kein Wort mit Kneubühl gesprochen habe.

Strik sieht in seiner Arbeit mit den gefährlichsten Straftätern zwei typische Elemente: Entweder würden sie Hass spüren und Rache üben wollen oder sie würden wahllos zuschlagen. Kein Merkmal treffe auf Kneubühl zu. Erregtheit zeige er einzig beim Schreiben seiner Briefe, die der Gerichtspsychiater analysiert habe. Wenn man aber persönlich mit ihm spreche, erkenne man folgendes:

Dass Kneubühl auf die Polizei geschossen hat, kann Strik sogar nachvollziehen. Der Rentner habe die Situation realistisch eingeschätzt. Er habe sich tatsächlich in Lebensgefahr befunden, behauptet der Psychiater. Schliesslich sei sein Haus umzingelt gewesen von Polizisten einer Sondereinheit mit dem Gewehr im Anschlag. Da die Behörden Kneubühl nun kennen, könnten sie künftig deeskalierend auftreten. Dann sei die Gefahr gebannt.

Strik bestreitet auch die offizielle Diagnose: Er glaubt nicht, dass Kneubühl an einer wahnhaften Störung leide:

Stattdessen diagnostiziert er eine schizoide Persönlichkeitsstörung: Kneubühl ziehe sich von sozialen Kontakten zurück und habe eigenwillige Gedankengänge.

Die Pointe von Striks Auftritt: Er sieht eine Therapiemöglichkeit. Eine Schriftstellerin oder ein Journalist könne Kneubühl helfen, sein erlebtes Unrecht aufzuschreiben und der Welt mitzuteilen. So habe er ein Ventil für seinen aufgestauten Ärger.

Das Problem ist nur: Strik hat diese Schreibtherapie vor drei Jahren mit einer Schriftstellerin versucht. Diese gab jedoch auf, weil sie sich der Aufgabe nicht gewachsen fühlte.

Nach Striks Auftritt wird der Gerichtssaal gelüftet, um allfällige Coronaviren zu vertreiben. Als ein Zivilpolizist, der mit einem Knopf im Ohr in einer Ecke sitzt, hustet, gehen besorgte Blicke durch den Saal.

Der andere Psychiater sieht eine versteckte Gefahr

Elmar Habermeyer ist der offizielle Gerichtspsychiater und Direktor der Zürcher Universitätsklinik für Forensische Psychiatrie. Er trifft nur im Gang auf Strik, wo die beiden freundliche Worte miteinander wechseln. Bei seinem Auftritt danach widerspricht Habermeyer seinem Berufskollegen in allen wichtigen Punkten.

Die Schreibtherapie sei wenig aussichtsreich, weil sich zwar bestimmte Leute für das Schicksal interessieren würden, aber ein Ziel nie erreicht werden könne: Dass Kneubühl juristisch Recht bekomme. Deshalb werde es unvermeidbar sein, dass Kneubühl wieder in eine ähnliche Situation wie 2010 komme. Er werde nicht in einer Wohnung leben wollen, die ihm sein Feind, der Staat, zur Verfügung stelle.

Wo hat Kneubühl vor zehn Jahren sein Gewehr versteckt?

Wichtige Fragen sind gemäss Habermeyer ungeklärt: Wie würde Kneubühl in Freiheit mit den neuen Bewohnern seines Elternhauses umgehen, die aus seiner Sicht illegal dort leben? Wie würde er auf seine Schwester reagieren, die er für den Skandal verantwortlich macht? Und wie würde er seinen Beistand behandeln? Brisant seien diese Fragen, da man bis heute nicht wisse, wo Kneubühl vor zehn Jahren sein Gewehr versteckt habe.

Im Fall Kneubühl stecke mehr Dynamik als man im oberflächlichen Kontakt mit ihm wahrnehme, sagt Habermeyer. Das ist seine Antwort auf den Vorwurf der «akademischen Trockenübung».

In einem Punkt sind sich die Psychiater allerdings einig: Kneubühl sei entgegen der Darstellung in den Medien nicht «der Amok-Renter», da seine Tat kein Amok-Delikt und Rache nie sein Motiv gewesen sei.

Soll der Bieler Rentner Kneubühl verwahrt werden?

«Der Fall lief absolut ohne Gerechtigkeit»: Johannes Zweifel demonstriert für Kneubühls Freilassung. Der Bericht von Tele M1.

Das Sondersetting soll bestehen bleiben

Die Vertreter des Justizvollzugs und der Staatsanwaltschaft stellen sich beide gegen Psychiater Strik. Dieser erfordere die gesetzlichen Anforderungen an einen Gutachter nicht, da er Kneubühl selber behandelt habe und ihm die kritische Distanz fehle. Es handle sich nicht um ein Gutachten, sondern um einen Therapiebericht. Dabei sei es logisch, dass sich der Therapeut für das Therapieren einsetze.

Die beiden Staatsvertreter plädieren aber beide für ein Sondersetting. Mit drei Hungerstreiks hat Kneubühl durchgesetzt, dass er entgegen der gesetzlichen Bestimmungen im Untersuchungsgefängnis in Thun bleiben darf. Sogar im Fall einer Verwahrung, über die das Gericht am Freitag entscheiden wird, will der Kanton die Lösung beibehalten. Es ist der einzige Kampf, den Kneubühl bisher gewonnen hat. Wieder ist er nicht da, wo er sein sollte.

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