«Das ist eindeutig so, ein klarer Fall!», sagen die drei jungen Männer mit ernstem Gesicht. Und dann lachen sie los. «Das ist doch ein Witz!», sagt einer von ihnen. Es ist Feierabendzeit im St. Galler Stadtteil Riethüsli, und vor der Gewerblichen Berufsschule, einem mächtigen Betonbau, geht es gerade um eine grosse Frage: Sind die Schweizer anderen Völkern von Natur aus überlegen?

Für die jungen Männer, Automatiker-Lehrlinge allesamt, die Haare noch nass vom Turnunterricht, ist die Antwort klar. Derart klar, dass sie Witze reissen. Nein, sie fühlen sich als Schweizer gegenüber Ausländern nicht «überlegen». Laut einer ZHAW-Studie aber stimmt jeder fünfte 17- und 18-Jährige, der selber keinen Migrationshintergrund hat, der Aussage zu, dass die Schweizer «von Natur aus» überlegen sind.

Lehrlinge stellen die Folgerungen infrage

Die Studienautoren kommen aus diesen Antworten und aus vielen weiteren Fragen, die sie über 8000 Jugendlichen gestellt haben, zum Schluss, dass sechs Prozent der Schweizer Jugendlichen rechtsextreme Ansichten vertreten. Besonders verbreitet seien solche Positionen bei jungen Männern – und bei Jugendlichen, die eine Berufsschule besuchen. Hier müssten sogar zehn Prozent als rechtsextrem eingestuft werden, so die ZHAW-Untersuchung.

Insgesamt sei jeder vierte Schweizer Jugendliche laut der Studie ein Ausländerfeind, jeder fünfte ein Nationalist. Die Frage ist nur: Ist automatisch ein Ausländerfeind, wer findet, der Ausländeranteil sei zu hoch? Oder widerspiegelt sich in den Antworten ein Unbehagen, das nichts mit Hass auf andere zu tun hat?

Auch einer der drei angehenden Automatiker findet, es habe hierzulande viele Ausländer. «Das lässt sich ja nicht wegreden, das sieht man den Statistiken an.» Doch das bedeute nicht, dass dies ein Problem sei.

Sein Kollege stimmt dieser Feststellung zu. Und ergänzt, dass man schon allmählich am Punkt angelangt sei, an dem man sagen müsse: «Es ist jetzt genug». Das fänden wohl auch andere, aber rassistisch seien die Jungen deswegen nicht.

«Es sind allmählich genug Ausländer da»

Gleicher Meinung ist ein Elektriker-Lehrling, der etwas später aus dem Schulgebäude eilt: «Wir sind auf dem Weg dazu, dass man sagen muss, es seien zu viele», sagt er.

«Es ist allmählich genug» anstatt «es sind schon zu viele», wie das immerhin jeder vierte Schweizer Jugendliche in der ZHAW-Studie angegeben hat: Dieser Unterschied lässt sich wohl auch damit erklären, dass bei einer anonymen Online-Befragung das Häkchen schneller hinter eine deutliche Aussage gesetzt ist als im direkten Gespräch. Die an diesem Nachmittag befragten Lehrlinge jedenfalls zeigen wenig Sympathie für radikale Positionen. In der Anonymität der digitalen Welt ist der Ton naturgemäss oft rauer, das gilt für soziale Medien, aber auch für die Kommentarspalten von Online-Portalen.

Von den Befragten betonen derweil viele den gleichen Satz: «Ich habe Freunde mit Migrationshintergrund.» Auch ein junger KV-Lehrling spricht ihn aus, er hat gerade Pause und steht mit einem Kollegen an einem Stehtischchen des Kaufmännischen Zentrums St. Gallen. «Für mich sind die Ausländer kein Thema», sagt er, aber natürlich: Es gebe auch Jugendliche, die das anders sähen. «Man sieht ja auf der ganzen Welt, dass die Menschen nach rechts rücken», sagt der 17-Jährige, «da ist es kein Wunder, dass es auch bei uns diese Tendenz gibt.»