Pro und Kontra
Ist die Armee auf dem Ruhe-Marsch ins Pfadilager?

Den Hohn oder die Klage frischt jede Generation gern wieder auf: Die neuen Rekruten seien «Weichlinge». Nun kommt man den Jungen weiter entgegen. Rekruten sollen in den ersten Wochen weniger hart angepackt werden. Vor allem kriegen sie mehr Schlaf. Nun reden die Alten halt wieder von «Pfadilager».

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Rekruten während der Panzergrenadier-Schule. Früher sah diese noch anders aus, sagen die Kritiker.

Rekruten während der Panzergrenadier-Schule. Früher sah diese noch anders aus, sagen die Kritiker.

Keystone

PRO von az-Autor Max Dohner: «Damals, als Gasrüssel-Päuli seitwärts aus der Reihe sackte»

«Man kann natürlich heutige Rekruten, permanent iPhone-schlapp, auch später wecken. Aber etwas geht dann mit Sicherheit verloren.»

Als Füsilier habe ich meine verdammte Pflicht getan. Also erfülle ich sie als Veteran auch hier: Ich maule ganz im Landigeist der Alten. Ich ringe nach dem Kampfmarsch vom Autoparkplatz ins Büro um Atem. Mein heutiges Kampfgewicht rüber zu hieven vom Wellness-Pool auf die Liegewiese, bringt mich an den Rand des Infarkts. Aber selbstverständlich verfechte ich bis zum letzten Atemzug unbeugsam die heilige Überzeugung, dass Rekruten heute «Weicheier» sind. «Streite und stehe!» – das bin ich dem Veteranendasein schuldig, vor allem aber meiner Erinnerung.

Die Erinnerung lässt sich in zwei Worte fassen: Flüche und Geschepper. Ich erinnere mich etwa an Rekrut «Markierpfupf» Kundert: Er stand Wache beim Tor der Kaserne und grüsste fahrig auf meine Stechschritt-Parodie. Dann hörte ich im Rücken Rasseln und Geschepper. Ich drehte mich um. Als wäre er ein steifer Zinnsoldat, lag «Markierpfupf» Kundert umgekippt am Steinboden, weit von sich gestreckt Nagelschuhe und Bleiföhn, «die Braut des Soldaten». Nicht ohnmächtig geworden, nur eingeschlafen. Kurz nachdem er mich gegrüsst hatte, zu dem er jetzt hochblickte, unwirsch, weil ihn ein Schicksals-Kamerad von der Beresina aus süss zivilen Träumen weckte.

Max Dohner, az-Autor

Max Dohner, az-Autor

Nordwestschweiz

Oder «Gasrüssel-Päuli»: Einen ganzen Tag und die halbe Nacht hatte ein Schiessen im Schnee am Berg gedauert. Um drei Uhr morgens stolperte die Truppe über Stock und Stein, null Mondschein, zurück ins Lager – «mit Fliegerdeckung», also durch Wald; «gefechtsmässig», also ohne Licht und Laut. Bis der Feind mitlauschte, wo wir waren. Gellend hatte eine Stimme alle verraten. So was hatte ich nie sonst erlebt: «Gasrüssel-Päuli» war mitten in der Reihe eingenickt, aus der Kolonne gesackt, da der Fuss ins Nichts marschierte. Päuli rollte die Böschung runter, an deren Fuss er als Füsel erwachte, als Bierkutscher aber um sich fluchte. Dafür kassierte er, wegen «Kameradengefährdung im supponierten Ernstfall», drei Tage Kiste. Zwei verschlief er am Stück.

Und jetzt sollen Rekruten genug Schlaf bekommen und später geweckt werden. Damit sich so was nie wiederholt. Damit aber wird ihnen auch etwas fehlen: Die guten Kampfgeschichten, mit denen wir Alten alle einschläfern, ausser unsereiner, beim Campari Soda auf des treuen Vaterlandes Liegewiese.

KONTRA von Stv. Chefredaktor Andreas Schaffner: «Die Arbeitswelt ist im Wandel, das gilt auch für die Armee»

«Es geht um die Armee, ja. Das heisst aber nicht, dass moderne Führungsprinzipien über Bord geworfen werden sollen.»

Die Wehrpflicht ist noch nicht infrage gestellt, aber das Risiko bestehe. Dies monierte Korpskommandant Daniel Baumgartner in einem Interview mit der «NZZ». Die Armee schafft es heute nicht, die jährlich benötigten 18 000 jungen Männer zu rekrutieren. Die Gründe sind vielfältig: Zahlreiche Rekruten brechen die Rekrutenschule (RS) ab, viele rücken gar nie ein. Rund 3000 entscheiden sich von vornherein für den Zivildienst. Besonders hoch ist die Ausfallquote bei den Maturanden. Geht es nach Baumgartner, Chef Heer und Projektleiter Kommando Ausbildung, sollen junge Frauen obligatorisch zu einem Informationstag aufgeboten werden. Im Mai soll dazu ein Grundsatzentscheid getroffen werden.

Den Rekruten soll zudem der Start der RS erleichtert werden, indem ihnen mehr Freiräume geschaffen werden. Sie sollen sich besser erholen können. Auch die Aushebungskriterien werden gelockert. Das heisst nicht, dass man eine «Weichspüler»-RS einführt. Das heisst nur, dass man das Angebot der Nachfrage anpasst. Das macht Sinn: Die Jugendlichen von heute sind leistungsbereit, auch in körperlicher Hinsicht. Sie machen aber nur etwas mit, wenn es ihnen sinnvoll erscheint. Es braucht dafür nicht die Brechstange. Sondern mehr Überzeugungskraft. Mit einer abstrakten Bedrohungslage kriegt man die jungen Menschen nicht mehr in die Armee. Sie müssen realisieren, dass es etwas bringt. Dass der Gemeinsinn auch wichtig ist und dass es in der Schweiz sinnvoll ist eine – wenn auch im Vergleich zu früher reduzierte – Milizarmee zu halten.

Andreas Schaffner, Wirtschafts-Chef und Stv. Chefredaktor der «Nordwestschweiz».

Andreas Schaffner, Wirtschafts-Chef und Stv. Chefredaktor der «Nordwestschweiz».

Nordwestschweiz

Die Arbeitswelt ist im Wandel, das gilt auch für die Schweizer Armee: Wissensarbeit ist das Stichwort der Stunde. Das braucht auch angepasste Führungsgrundsätze. Diese werden nach und nach auch in der Armee Einzug halten. Auch wenn in der Armee nicht ein «Google-Stil» mit einem «Jekami» und «laissez faire» gepflegt werden kann: Den blinden Gehorsam gibt es schon lange nicht mehr.

Deshalb sind die Bemühungen der Armee im Grundsatz zu begrüssen. Sie muss sich anpassen. Gleichzeitig gilt es immer wieder zu betonen: Das Geschäft der Armee ist nicht ein schönes. Es geht nicht ums Blumenschmücken und Spieleprogrammieren. Sondern im Ernstfall um die Verteidigung – und ja, auch um das Töten.

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Die Ausrüstung eines Schweizer Rekruten:

Die Ausrüstung eines Rekruten. Wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
50 Bilder
Sturmgewehr 90
Die Pistole erhalten nicht alle Rekruten.
Effektentasche
Grundtrageeinheit
Kampfrucksack
Militärschokolade und -biscuits
Transporttasche mit -wagen
Sackmesser
Pamir
Kleidertasche für Tenü A
Tagesrucksack
Schlafsack
Rollmütze
Gamelle
Leuchtweste
Dienstbüchlein und Leistungsausweis
Erste-Hilfe-Set
Magazin für Sturmgewehr 90
Gebissschutz
Veston (Tenü A)
Helm
Ohrenpfropfen
Ausgängerhose mit Gurt (Tenü A)
Besteck
T-Shirt funktionell
Fleece-Jacke
Bajonett
Schuhputzzeug
Kampfstiefel Die neusten Kampfstiefel hat die Armee beim italienischen Unternehmen AKU geordert. Ihre Produktionsstätten befinden sich in Rumänien.
Lange Unterwäsche
Trinkflasche
Béret
Gewehrputzzeug
Gasmaske
Unterwäsche Boxershorts, Damenslips und Unterhosen bezieht die Armee bei der Fabrik Amrit Exports in Indien und bei zwei Schweizer Firmen, die wiederum in Osteuropa produzieren.
Gurt (Tenü A)
Gurt (Tenü B/C)
Regenschutz (verstaut)
Vom Tarnanzug gibt es zwei Sorten: Arbeitsanzug für ins Feld (Tenü C) und Dienstanzug (Tenü B) für das Einrücken und ausserdienstliche Anlässe.
Tarnhose mit Gurt und Beinelastik
Krawatte
Kälteschutzanzug
Fingerhandschuhe
Roll-Shirt funktionell
Gnägi-Hemden Als die Herstellung der legendären Rollkragenleibchen im Jahr 2003 aus der Innerschweiz ins Ausland ausgelagert wurde, hagelte es politische Proteste. Ohne Erfolg. Unterdessen wurden die Leibchen in verschiedenen Ländern hergestellt. Unter anderem in Thailand, Rumänien und Indien.
T-Shirt grün
Hemden Für die Lieferung von Hemden und Blusen vergab die Armasuisse jüngst einen Auftrag an die J. Weder-Meier AG in Diepoldsau SG. Wo die Kleidungsstücke produziert werden, ist jedoch nicht bekannt.

Die Ausrüstung eines Rekruten. Wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

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