Tagesfrage

Isabelle Moret kandidiert: Wird sie die erste Bundesrätin mit Schulkindern?

Isabelle Moret 2007 als frisch gewählte Nationalrätin mit Tochter Maëlys.

Isabelle Moret 2007 als frisch gewählte Nationalrätin mit Tochter Maëlys.

Nun ist es klar: Auch die Waadtländer Nationalrätin Isabelle Moret, die sich wochenlang in Schweigen hüllte, kandidiert für die Nachfolge von Aussenminister Didier Burkhalter. Sie ist Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern.

Als Isabelle Moret im Dezember 2006 in den Nationalrat nachrückte, war sie kurz zuvor zum ersten Mal Mutter geworden. Für ihre Sessionspremiere entschied sie sich, mit ihrer Mutter drei Wochen in Bern zu leben. Ihre Tochter Maëlys sollte Betreuung rund um die Uhr haben. Sie liess sich 2007 mit ihr fotografieren. Zwei Jahre später wollte Moret Nachfolgerin von Bundesrat Pascal Couchepin werden. Wenn ein Mann Vater eines kleinen Kindes sei, frage man auch nicht, ob das mit dem Bundesrat vereinbar sei, sagte sie.

2017 ist es wieder so weit. Isabelle Moret kandidiert erneut für den Bundesrat. Im Gegensatz zu 2009 wird sie praktisch sicher auf dem offiziellen FDP-Ticket sein. Jacqueline de Quattro dürfte ihre Kandidatur zurückziehen. Moret ist inzwischen zweifache Mutter: Ihre Tochter ist 11 Jahre alt, ihr Sohn 6. Und sie lebt getrennt von ihrem Mann. Sie wäre damit die erste Bundesrätin mit schulpflichtigen Kindern. Die Kinder von Elisabeth Kopp, Micheline Calmy-Rey und Eveline Widmer-Schlumpf waren bereits volljährig. Und Ruth Dreifuss, Ruth Metzler, Doris Leuthard und Simonetta Sommaruga haben keine Kinder.

Dieses Profil von Moret sei «bemerkenswert», sagt FDP-Nationalrat Beat Walti, als Vize-Fraktionschef verantwortlich für das Wahlprozedere. Dass sich Moret so lange Zeit gelassen habe mit ihrem Entscheid, sagt FDP-Frauen-Präsidentin Doris Fiala, «dokumentiert, wie seriös sie ihre persönliche Lebenssituation mit einbezogen hat.» Letztlich könne nur die Person, die kandidiere, selbst beurteilen, «ob sie intellektuell, emotional und körperlich genug widerstandsfähig» sei. «Stressresistenz und eine hohe Frustrationstoleranz sind entscheidende Voraussetzungen.»

«Es gab einen Öffnungsschub»

Für Grünen-Präsidentin Regula Rytz ist das Beispiel Morets der Beweis, «dass es in der Schweiz gesellschaftspolitisch zu einer sehr willkommenen Öffnung» gekommen sei. «Lange herrschte ein sehr konservatives Familienbild vor, die Schweiz hinkte anderen Ländern hinterher», sagt Rytz. «Doch inzwischen gab es einen Öffnungsschub. Die Ehe für alle oder das gemeinsame Sorgerecht sind zur Selbstverständlichkeit geworden. Und es gibt ganz neue und individuelle Organisationsformen für Familien.» Es sei «private Sache» der Bundesräte, wie die ihr Familienleben organisierten. «Es wäre ein Armutszeugnis für dieses Amt, wenn Eltern faktisch ausgeschlossen würden.»

Dass das Leben von Morets schulpflichtigen Kindern mit dem Bundesrats-Amt «organisierbar» sei, glaubt auch Ex-FDP-Präsident Franz Steinegger. Das sei «keine Unwählbarkeit». Einem Bundesrat stehe eine Infrastruktur mit Mitarbeitern und Transportdienst zur Verfügung. Auch die Schulferien der Kinder seien gut mit dem Amt vereinbar. Und dennoch hebt Steinegger den Warnfinger. «Man muss ehrlich sein», sagt er: «Es wird Leute im Parlament geben, die diesen Punkt in ihre Überlegungen einbeziehen.» Steinegger spricht aus Erfahrung. Als er 1989 die Nachfolge von Elisabeth Kopp antreten wollte, wurde er nicht gewählt. Das hing auch damit zusammen, dass er, obwohl noch verheiratet, im Konkubinat lebte mit Ruth Wipfli. Sechs Jahre später spielte solches keine Rolle mehr: Moritz Leuenberger wurde Bundesrat, obwohl auch er im Konkubinat lebte. Dass eine Trennung keine Rolle mehr spielt, beweist Justizministerin Simonetta Sommaruga. Sie zog aus dem gemeinsamen Haus mit Ehemann Lukas Hartmann aus, was die Gesellschaft achselzuckend zur Kenntnis nahm.

Der Spass von Tochter Maëlys

Isabelle Moret hat die Situation um das Bundesrats-Amt und ihre schulpflichtigen Kinder in der Familie und mit Vertrauten besprochen. Sie strebt eine Organisation an, die mit dem Bundesratsmandat kompatibel ist. Gegenüber der «Nordwestschweiz» sagt sie auf die Frage, ob sie sich im Scheidungsprozess befinde: «Wir sind getrennt. Wir haben eine Organisation zum Wohl der Kinder auf die Beine gestellt.» Und zur Frage, wie stark sich die Gesellschaft seit der Nicht-Wahl von Franz Steinegger gewandelt habe, hält sie fest: «Die Gesellschaft hat sich seither stark entwickelt. Meine Generation hat gelernt, das Familien- mit dem Berufsleben zu verbinden, sogar bei einem sehr starken beruflichen Engagement. Für mich ist Nuria Gorrite, Präsidentin der Waadtländer Regierung, ein sehr schönes Beispiel dafür.»

Maëlys, ihre elfjährige Tochter, hat offensichtlich keine Probleme mit den politischen Ambitionen ihrer Mutter. 2011 habe sie für die Nationalratswahlen Plakate von ihr geklebt, erzählte Moret in einem Interview mit «Le Matin Dimanche». «Sie weiss, was ich mache, und sie lernte es in der Schule, was die Rolle einer Regierung ist.» Sie kenne die Namen der Bundesräte. Und sie habe Spass daran gehabt, der Wahl von Doris Leuthard beizuwohnen.

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