Mühleberg
«Irgendjemand würde hier bleiben»

Die BKW wirbt mit einer Informationsoffensive Mühleberg um Vertrauen in das AKW.

Christof Forster
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«Unser Kernkraftwerk Mühleberg»: Jeden Tag läuft Pikettingenieur Walter Zysset an der Willkommenstafel vorbei, die etwas verstohlen beim Parkplatz steht. Das Schild liefert knapp und klar Argumente für die Atomkraft, und das tönt so: «Die Sicherheit ist mit neuen Kernkraftwerken vergleichbar.»

Zysset und die Mühleberg-Leitung führen Journalisten durch normalerweise abgeriegelte Teile des AKW. In der Schweiz ist wegen der Ereignisse in Japan speziell Mühleberg unter Druck gekommen, weil das Werk fast gleich gebaut ist wie die havarierten Reaktoren in Fukushima.

Zysset ist einer von sieben Pikettingenieuren, die in Schichten rund um die Uhr auf dem Gelände sind und im Notfall erste Entscheide treffen. Er arbeitet schon über 30 Jahre für die Mühleberg-Betreiberin BKW. Das Kraftwerk vor den Toren Berns ist seit 1972 in Betrieb und liefert Strom für 400000 Menschen. 2009 erhielt das Werk die Betriebsbewilligung auf unbefristete Zeit. Ein Komitee hat dagegen Einsprache erhoben, jetzt muss das Bundesverwaltungsgericht entscheiden.

Anders als in Japan

Beim Eingang zum «Susan»-Notstandsgebäude kontrolliert ein Sicherheitsagent ein weiteres Mal den Badge. Für Mühleberg-Direktor Patrick Miazza ist dieser Bunker die wichtigste Nachrüstung – eine Lehre aus dem Störfall im amerikanischen AKW Three Mile Island. Und er lässt durchblicken, dass die japanischen Werke wohl keine solche Sicherheitseinrichtung hätten. «Susan» steht für «selbstständiges, unabhängiges System zur Abfuhr der Nachzerfallswärme». Das System sollte auch im Extremfall die Nachwärme wegtransportieren. Zu «Susan» gehören weiter zwei Dieselgeneratoren für die Notstromversorgung, mehrere Wasserpumpen und ein geschützter Kommandoraum. Von dort aus läuft im Krisenfall die Steuerung der vitalsten Funktionen: die Kühlung der Brennelemente und die Wärmeabfuhr. Die Operateure seien darin vor hoher Strahlung, wie sie jetzt in Fukushima herrsche, geschützt, sagt Zysset.

Die Vorgänge in Japan seien für ihn «sehr unangenehm». «Wir diskutieren hier viel darüber.» Am meisten erstaunt ihn, dass es den japanischen Technikern nicht gelungen ist, Kühlwasser in die Reaktoren zu pumpen. Bei Siedewasserreaktoren wie in Mühleberg und Fukushima sind laut Zysset zwei Sachen wichtig, um eine Eskalation zu vermeiden: Den Reaktor abschalten und sofort Wasser zur Kühlung reinpumpen.

Die «50 Helden» in der Schweiz

Der Zutritt zum regulären Kommandoraum erfolgt über eine Sicherheitsschleuse. Drinnen sieht es aus wie in einem Stellwerk der SBB. Die gedämpfte Stimmung kontrastiert mit der Heftigkeit, mit der ein paar Meter entfernt Atomkerne gespalten werden und via Wärme und Dampf Strom entsteht. Die Systeme laufen im grünen Bereich. Die BKW und die Aufsichtsbehörde Ensi erachten eine vorsorgliche Abschaltung von Mühleberg nicht für nötig.

Angesprochen auf das Vertrauen in die Kernenergie, sagt Zysset, er sei kritischer geworden. «Das Unvorstellbare müsst ihr mich nicht fragen. Da müsste auch ich spekulieren.»

Der Ingenieur verabschiedet die Besucher. Wäre er einer der «50 Helden», die im Notfall ihr Leben riskieren müssten, um den atomaren Super-GAU zu verhindern? Zysset: «Ich weiss es nicht. Aber irgendjemand würde hier bleiben.»