Meinungsumfragen
«Intransparent»: ETH-Professor kritisiert Longchamp & Co.

Junge sind nicht so stimmfaul, wie in der Vox-Analyse zur Masseneinwanderungsintiative behauptet wurde. ETH-Professor Andreas Diekmann fordert nun von Meinungsforschungsinstituten wie dem GfS von Claude Longchamp mehr Transparenz.

Lorenz Honegger
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ETH-Professor Andreas Diekmann fordert von Meinungsforscher Claude Longchamp mehr Transparenz.

ETH-Professor Andreas Diekmann fordert von Meinungsforscher Claude Longchamp mehr Transparenz.

zvg/key

Herr Diekmann*, bis jetzt galten die Vox-Analysen nach Abstimmungen und Wahlen immer als zuverlässig. Doch wahrscheinlich sind die per Telefoninterviews ermittelten Zahlen zur Stimmbeteiligung der jungen Generation viel zu tief. Überrascht?

Andreas Diekmann: Keineswegs. Abweichungen gibt es immer. In diesem Fall dürfte die Diskrepanz aber extrem gross sein. In der Vox-Analyse zur Abstimmung vom 9. Februar beträgt die Stimmbeteiligung der 18- bis 29-Jährigen 17 Prozent, während die offiziellen Zahlen aus einzelnen Kantonen bei über 40 Prozent liegen. Das spricht für einen systematischen Fehler. Man muss der Sache nachgehen.

Wo vermuten Sie das Problem?

Zuerst einmal: Die Meinungsforschungsinstitute, GfS Bern ist da keine Ausnahme, arbeiten leider ausserordentlich intransparent. Das kritisierte ich schon nach dem Debakel bei den Umfragen zur Minarettinitiative 2009. Das Institut veröffentlicht zwar eine Tabelle mit den verwendeten Methoden. Aber es beschreibt nicht im Detail, wie es seine Umfragen durchführt und nachbearbeitet. Gerade bei der Stichprobenziehung des jungen Alterssegmentes passieren Fehler. 18- bis 29-Jährige sind viel unterwegs und oft nur per Handy erreichbar. Auch ihre Teilnahmebereitschaft kann geringer sein als die der älteren Generation.

GfS Bern hat immerhin 200 junge Stimmberechtigte befragt.

Das ist eine relativ geringe Zahl. Entsprechend gross sind die Zufallsschwankungen, selbst wenn es keine systematischen Fehler gibt, was ich in diesem Fall aber bezweifle. Das Hauptproblem liegt neben der Stichprobe wahrscheinlich bei der Nachbearbeitung der Umfrageergebnisse.

Konkret?

Je nach Parteiaffinität der angegebenen Teilnahme an früheren Urnengängen und weiteren Merkmalen fliessen die Antworten der Befragten stärker oder schwächer ins Endergebnis ein. Man bezeichnet dies im Fachjargon als Gewichtungsverfahren. Wie genau in den Vox-Analysen und anderen Umfragen gewichtet wird, weiss ausserhalb der Hexenküchen der Institute niemand.

Warum ist das ein Problem?

Heutzutage müssen auf jedem Joghurtbecher die Inhaltsstoffe stehen. Nicht so bei Meinungsumfragen. Als Konsequenz kann man die Fehler von aussen nicht identifizieren. Man kann nur mutmassen.

Aus welchen Gründen hält ein Meinungsforschungsinstitut wie GfS Bern die Methoden unter Verschluss?

Jedes Institut hat eigene Formeln, die es aus Konkurrenzgründen für sich behalten will. Man lässt sich nur ungern in die Karten schauen. Man will auch nicht nach aussen dringen lassen, wie gering der Anteil der Personen ist, die effektiv erreichbar und bereit sind, an den Umfragen teilzunehmen.

Was würden Sie jetzt an der Stelle von GfS Bern tun?

Ich würde zuerst einmal für Transparenz sorgen. Jeder soll die Zahlen in den Vox-Analysen nachrechnen können. Dann würde ich einen Stab mit geeigneten Personen einsetzen, die sich die Sache anschauen können. GfS Bern hat einen Beirat mit sehr kompetenten Mitgliedern.

Ganz allgemein: Ist es heute, im Zeitalter von Internet und Mobiltelefonen, schwieriger geworden, verlässliche Umfragen durchzuführen?

In den Achtziger- und Neunzigerjahren war die Dichte der Festnetzanschlüsse noch extrem hoch und es bestand eine Registrationspflicht. Die Verbreitung neuer Technologien macht die Sache bestimmt nicht weniger kompliziert. Die Verlässlichkeit der Ergebnisse hängt zudem stark von der Qualität der Umfragemethodik ab. Es gibt ein ganzes Bündel von Massnahmen, um diese zu erhöhen. Nur kosten diese eben auch.

Kann man die Ergebnisse der Demoskopen noch ernst nehmen?

Meinungsumfragen können stark danebenliegen. Ein Schuss Skepsis schadet sicher nie.

*Andreas Diekmann (62) ist seit 2003 Professor für Soziologie an der ETH Zürich und Verfasser eines Standardwerkes über die Methoden der empirischen
Sozialforschung.

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