Interview
«Es geht wieder los»: Chefarzt zur Coronalage in den Spitälern

Sven Staender arbeitet auf der Intensivstation in Männedorf. Die Zahl der Corona-Patienten habe in den letzten Tagen wieder angezogen, sagt er im Interview. Zudem habe sich die Situation auf der Intensivstation verschlechtert seit den ersten Wellen.

Corsin Manser, watson.ch
Drucken
Teilen

Wie sieht es auf der Intensivstation aus? Behandeln Sie Covid-Patienten?

Sven Staender: So ungefähr vor 10 Tagen ist es wieder losgegangen. Die Covid-Patienten kommen wieder und sie werden wieder intensivpflichtig. Wir merken das an der Front. Es zieht wieder an. Wir müssen wieder vermehrt Personen ans Beatmungsgerät anschliessen. Das ist nicht nur bei uns in Männedorf so, sondern auch in den anderen Spitälern, mit denen wir in Kontakt stehen.

Covid-Patienten in Schweizer Spitälern:

Patrick Mathys vom Bundesamt für Gesundheit sagte am Dienstag, die Situation auf den Intensivstationen sei derzeit noch unbedenklich. Teilen Sie diese Einschätzung?

Im Moment haben wir noch Kapazitäten. Stand heute können wir noch problemlos Patienten aufnehmen und behandeln.

Wer kommt auf die Intensivstation? Sind es vor allem ältere Personen?

Die Patienten sind deutlich jünger als noch bei der ersten und zweiten Welle. In der Regel behandeln wir jetzt Personen, die unter 60 oder gar unter 50 Jahre alt sind. Auf die Intensivstation kommen zum Grossteil ungeimpfte Personen, geimpfte Personen sind deutlich in der Minderheit.

Sie behandeln aber auch geimpfte Personen?

Ja, das gibt es leider auch. Der letzte doppelt geimpfte Patient war jedoch über 70 Jahre alt. Aber wie gesagt: Die allermeisten Patienten sind ungeimpft.

Gibt es neue Medikamente, mit denen die Patienten behandelt werden?

Nicht wirklich. Da gibt es noch keinen Durchbruch. In der Frühphase wird nach wie vor Remdesivir verabreicht. Wir geben auch Steroide, aber das haben wir schon während der zweiten Welle gemacht.

Zur Person

Herr PD Dr. med. Sven Staender ist Chefarzt Anästhesie und Intensivmedizin am Spital Männedorf. Er arbeitet seit 22 Jahren im Spital Männedorf und hat die ganze Corona-Krise an vorderster Front miterlebt.
Herr PD Dr. med. Sven Staender ist Chefarzt Anästhesie und Intensivmedizin am Spital Männedorf. Er arbeitet seit 22 Jahren im Spital Männedorf und hat die ganze Corona-Krise an vorderster Front miterlebt.

Die Antikörper-Kombinationstherapien werden noch nicht eingesetzt?

Nein, die finden noch keine breite Verwendung. Grundsätzlich werden die Patienten immer noch mit den gleichen Medikamenten behandelt wie in der zweiten Welle.

Neu ist die Delta-Variante dominant. Hat dies eine Auswirkung darauf, wie lange die Patienten auf der Intensivstation liegen? Kürzer oder allenfalls länger?

Die Patienten kommen jetzt erst gerade wieder. Von dem her kann ich dazu noch nichts sagen. Es ist natürlich zu hoffen, dass die jüngeren Patienten nicht so lange bleiben müssen. Aber da bin ich wenig zuversichtlich. Schon während der zweiten Welle mussten auch jüngere Patienten lange auf der Intensivstation bleiben.

Wenn sich die Fallzahlen nochmals verdoppeln, drohe wieder eine Überlastung des Gesundheitssystems, sagte Taskforce-Chefin Tanja Stadler am Dienstag. Was löst das bei Ihnen aus?

Uns allen ist relativ unwohl. Wir haben jetzt August und es zieht schon wieder an. Das macht uns Sorgen.

Hat Ihr Team noch Energie, um eine neue Welle an Corona-Patienten zu behandeln?

Eine gewisse Frustration ist schon zu spüren. In der Schweiz hätten wir die Kapazitäten, eine hohe Impfquote zu erreichen. Jetzt machen hier aber schon wieder die Impfzentren zu, weil die Nachfrage so gering ist. Gleichzeitig zieht die Situation hier wieder an. Die Situation auf der Intensivstation zudem schwieriger geworden.

Weshalb?

Es hat nach den ersten zwei Wellen zahlreiche Berufsaussteiger gegeben. Wir haben diverse Stellen, die wir nicht besetzen können. Wir machen uns ernsthaft Sorgen, wie sich die Situation in den kommenden Wochen weiter entwickelt. Wenn das uns alles nochmals um die Ohren fliegt, ist das nicht gut.

Was sind die Gründe dafür? Weshalb gab es so viele Berufsaussteiger?

Die Betreuung von Covid-Patienten ist körperlich sehr anstrengend. Wenn man an all die Schutzbekleidung denkt: Überschürzen, teils Doppelmasken, Schutzbrillen und so weiter. Zudem ist es auch emotional belastend. Die Behandlungen erstrecken sich oft über einen langen Zeitraum und sind am Ende nicht selten frustrierend, da es trotz all der Bemühungen einen fatalen Ausgang gibt. Zudem ist man permanent diesem Virus ausgesetzt und eine gewisse Angst, sich trotz maximaler Schutzmassnahmen selbst anzustecken, schwingt immer mit.

Gibt es ungeimpfte Personen, die während der Behandlung ihren Entscheid bereuen?

Eine Person sagte mir, sie habe sich impfen lassen wollen, hätte jedoch keine Zeit dafür gehabt. Die meisten Patienten auf der Intensivstation sind jedoch nicht in der Lage, eine Neubeurteilung zu machen. Es geht ihnen schlicht zu schlecht.

Sind Sie nicht manchmal sauer auf einen Patienten, wenn dieser sich nicht hat impfen lassen?

Auf die individuelle Behandlung hat das keinen Einfluss. An der professionellen Hilfe ändert sich nichts. Ich persönlich ärgere mich aber schon über die schlappe Impfquote von 50 Prozent. Diese Krise hätten wir auch anders meistern können.

Aktuelle Nachrichten