«Integrieren heisst auch Abschied nehmen von Traditionen»

Saïda Keller-Messahli will einen modernen Islam – und wird dafür bedroht. Doch nur 15 Prozent der Muslime in der Schweiz gehen regelmässig in die Moschee. Keller-Messahli vertritt mit ihrer Haltung eine Mehrheit, im Januar auch bei einem Treffen mit Bundesrätin Widmer-Schlumpf.

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SAÏDA KELLER-MESSAHLI Es braucht jetzt «harte Diskussionen». Emmanuel Freudiger

SAÏDA KELLER-MESSAHLI Es braucht jetzt «harte Diskussionen». Emmanuel Freudiger

Benno Tuchschmid

«Ich stehe zwischen den Fronten», sagt Saïda Keller-Messahli lächelnd und bläst den Rauch ihrer «American Spirit»-Zigarette aus. Sowohl für konservative Muslime wie auch für SVP-Politiker ist Keller-Messahli ein Feindbild. Für die einen eine Ungläubige, für die anderen ein Gutmensch. Keller-Messahli sitzt in einer Beiz in der Nähe des Bahnhofs Winterthur, im Hintergrund spielen Jugendliche mit gelierten Fransen, Baseballkappen und Migrationshintergrund am Töggelikasten. «Ich weiss, dass meine Stimme die Stimme der schweigenden Mehrheit unter den Muslimen in der Schweiz ist», sagt Keller-Messahli in breitem Berner Dialekt. Die Mehrheit der Schweizer Muslime «trinkt, raucht und ist wie sie und ich», sagt sie und deutet auf die Teenager am Töggelikasten. 85 Prozent der Muslime in der Schweiz gehen nicht regelmässig in eine Moschee, leben nicht nach den strengen Regeln des konservativen Islam. Das zeigen die Zahlen der Schweizer Kommission für Migrationsfragen.

Doch ausser den Zahlen spricht fast niemand für die schweigende Mehrheit. Es fehlt eine Lobby. «Weltoffene Muslime haben Angst sich zu exponieren», sagt Keller-Messahli. Vor fünf Jahren gründete Keller-Messahli darum das Forum für einen fortschrittlichen Islam. Es hat nur wenige hundert Mitglieder. Auch wenn die Mitgliederzahl in den letzten Wochen laut Keller-Messahli anstieg: Das Forum ist noch weit davon entfernt, ein straff organisierter Verbund zu sein, wie die konservativen islamischen Verbände Fids (Föderation islamischer Organisation in der Schweiz) und Kios (Koordination islamischer Organisationen Schweiz).

Muslimische Friedhöfe: unnötig

Saïda Keller-Messahli bekommt Drohbriefe, vor allem von Muslimen, aber auch von rechts, sie hält ihren Wohnort geheim und sagt Dinge wie: «In einem islamischen Land wäre ich längst tot.» Wieso tun sie sich das an, Frau Keller-Messahli? Sie lacht ihr kehliges Lachen und sagt: «Weil ich muss, ich habe das Gefühl, dass das mein Schicksal ist.» Die 51-jährige Frau ist Anhängerin der muslimischen Reformbewegung, die den Islam ins 21.Jahrhundert bringen will. Minarette sind ihr nicht wichtig – «Türme», nennt sie sie. Muslimische Friedhöfe? Unnötig. «Was spielt es für eine Rolle, wo unsere Knochen liegen.» Sie sagt, der Islam in der Schweiz müsse aufhören, ständig zu fordern.

Von Wertvorstellungen lösen

Das Einzige, das Keller-Messahli mit den Strenggläubigen teilt, ist der Schock über das Ja zum Minarett-Verbot. «Dieses Resultat richtet sich gegen alle Muslime.» Ihre erste Reaktion war: Das kann so nicht stehen bleiben. Nach drei Wochen sagt sie nüchtern. «Es gibt nur eines: Jetzt muss in der Schweiz ein Dialog über echte Integration entstehen.» Echte Integration, nicht bloss eine «mechanische Integration». «Wer unsere Sprache spricht, eine Stelle hat und seinen Abfallsack pünktlich auf die Strasse stellt, ist deswegen noch lange nicht integriert.» Keller-Messahli verlangt mehr. Die wichtigste Integration finde im Kopf statt. «Integration heisst für Immigranten auch Abschied nehmen von Traditionen und Wertvorstellungen». Keller-Messahli selbst kam im Alter von sieben Jahren von Tunesien in die Schweiz in eine Pflegefamilie, vermittelt von der Hilfsorganisation Terre des Hommes. Ihr Vater war erblindet, es gab nicht mehr genug zu essen für die zehnköpfige Familie. Nach fünf Jahren im Berner Oberland trennten sich die Pflegeeltern, Saïda Messahli musste nach Tunesien zurückkehren. Mit 22 floh sie fürs Studium wieder in die Schweiz, wo sie immer leben wollte. Sie wurde zur Schweizerin. Und blieb Tunesierin.

Im Januar wird Saïda Keller-Messahli mit Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf über ihre Vorstellungen von Integration reden. Zusammen mit Vertretern der islamischen Verbände hat sie Widmer-Schlumpf eingeladen. Schon beim ersten Treffen, das noch Bundesrat Christoph Blocher durchgeführt hatte, war Keller-Messahli dabei. «Das war unbefriedigend», sagt sie. Die Vertreter der islamischen Verbände hätten eine enorme Ehrfurcht vor Blocher gehabt. «Das war nur ein Austausch von Höflichkeiten.» Das sei das Letzte, was die Schweiz jetzt brauche. «Es braucht harte Diskussionen.» Sie glaubt, dass ein grosser Teil der Muslime – die schweigende Mehrheit – dafür bereit ist. Doch: «Den Initianten liegt nichts an diesem Dialog. Man redete gegen eine Wand.» Saïda Keller-Messahli hat Geduld. Irgendwann wird die Wand bröckeln – hoffentlich.