Die Postkutsche in Rudolf Kollers Ölgemälde von 1873 rast mit fünf PS den Gotthardpass hinunter. Der technische Fortschritt bringt die Post an ihre Leistungsgrenze. Damals war es ein Pferdegespann, heute sind es Glasfasern und selbstfahrende Autos. Nur der Name Postauto erinnert daran, wie einst Briefe und Pakete transportiert wurden. Das Problem ist dasselbe: Wie kann das Unternehmen mit der Entwicklung schritthalten? Die Post wurde vom Kutschenbetrieb zu einem Mischkonzern, der den grössten Gewinn mit Finanzdienstleistungen erzielt und den Personenverkehr als Nebengeschäft betreibt. Er ist ein Fremdkörper, ein Überbleibsel aus der Geschichte, das zu einem System gehört, das nach ganz anderen Regeln funktioniert.

Post-Konzernchefin Susanne Ruoff versuchte, alle Geschäftsfelder in den Gewinnbereich zu peitschen. Ihre Tochterfirma Postauto Schweiz AG macht 85 Prozent des Umsatzes im subventionierten Regionalverkehr. Deshalb darf sie eigentlich kaum Gewinne machen. Nach der Enthüllung von dieser Woche, wonach die Postauto Schweiz AG in den vergangenen zehn Jahren mindestens 78 Millionen Franken Gewinn in der Buchhaltung versteckt hat, verteidigte sich Ruoff, persönlich nichts Verbotenes verlangt zu haben. Die Gesetzesverstösse hätten die Untergebenen der Tochterfirma begangen. Deshalb stellte sie Postauto-Chef Daniel Landolf und Finanzchef Roland Kunz per sofort frei.

Hatte Post-Chefin Susanne Ruoff die Zügel in der Postauto-Affäre selbst in der Hand?

Hatte Post-Chefin Susanne Ruoff die Zügel in der Postauto-Affäre selbst in der Hand?

Gegenüber dieser Zeitung äussert sich nun erstmals Landolf selber. Er schweigt zwar zu den Vorwürfen, zu seiner privaten Situation sagt er aber: «Für mich und meine Familie ist die Situation sehr belastend.» Es werde für ihn nun schwierig, seine vorzeitige Pensionierung wie geplant mit Verwaltungsratsmandaten anzureichern. Die Verhandlungen für Ämter im Verkehrsbereich seien zwar am Laufen. «Wenn man aber so in den Durchzug gerät wie ich, wird es schwierig.» Er werde sich deshalb auf sein privates Projekt konzentrieren: Er restauriert das denkmalgeschützte Restaurant Traube in seinem Wohnort Münsingen BE und will dort Blues-, Rock- und Soulkonzerte veranstalten. Landolfs juristische Verteidigungsschrift machte der «Blick» diese Woche publik. Der geschasste Manager dokumentierte darin, wie er die Konzernleitung regelmässig auf die mit legalen Mitteln unerfüllbaren Zielvorgaben hingewiesen hatte.

Bauernopfer?

Zwei ehemalige Kadermitarbeiter von Postauto erklären sich auf Anfrage bereit, das System Postauto zu erklären. Sie bestätigen, dass ihr früherer Chef mit seinen Bedenken abgeblitzt sei. Der eine sagt: «Landolf und Kunz sind die Bauernopfer.» In der Geschäftsleitung von Postauto hätten alle gewusst, dass die Ziele nur mit Buchhaltungstricks erreicht werden könnten: «Der Finanzchef war einfach der arme Siech, der sie irgendwie umsetzen musste.»

Der andere Ex-Postauto-Manager lobt Landolf. Er sei bei den Mitarbeitern beliebt gewesen und habe so eine tiefe Fluktuation in seinem Bereich erreicht. Und: «Dank ihm ist Postauto nicht beim Passfahren und den Randregionen stehen geblieben. Auch der Markteintritt in Frankreich ist sein Verdienst.» Doch der Insider hat eine wenig schmeichelhafte Erklärung, weshalb Landolf tat, was man von ihm verlangte: «Boni waren ein Motivator, einen möglichst hohen Ebit zu erreichen. Sie sind wie das Rüebli vor der Nase des Esels.»

Landolf sass in der Konzernleitung, in der ein Mitglied durchschnittlich 650'000 Franken kassiert – mehr als ein Bundesrat. 180'000 Franken sind Boni, wovon 20 Prozent an den Ebit des Konzernbereichs gekoppelt sind, den Gewinn vor Zinsen und Steuern. Der Ex-Postauto-Manager kritisiert: «Ich finde Ebit-bezogene Leistungsanreize falsch in einem Unternehmen, das zum grossen Teil keinen Gewinn erzielen darf. Was wir jetzt sehen, sind möglicherweise die Konsequenzen dieses Anreizsystems.»

Verglichen mit dem Gesamtlohn ist der gewinnabhängige Anteil von etwa 30'000 Franken klein. Er genügt aber, um sich am Jahresende einen Zweitwagen und einen Whirlpool zu beschaffen. Es sind vier bis sechs Monatslöhne eines Postauto-Chauffeurs.

Ein Busfahrer und Kontrolleur, der nach dreissig Dienstjahren kurz vor der Pensionierung steht, erinnert sich an seine Lohnverhandlungen. Die Verantwortlichen hätten ihm immer gesagt: «Wir müssen Gewinne machen, sonst können wir nicht innovativ sein.» Wenn er darauf hingewiesen habe, dass im Regionalverkehr Gewinne nicht erlaubt seien, habe ihm sein Chef gesagt: «Du kommst nicht draus.»

Die aktuelle Situation sei verrückt: «Wir sitzen am Steuer, während unsere Passagiere auf den Bildschirmen die Schlagzeilen lesen.» Wenn er den Passagieren Zuschläge für ungültige Billette verrechnen müsse, heisse es: «Mich hängen Sie auf wegen einer Kleinigkeit und Ihre Chefs tricksen mit meinen Steuergeldern.»

Ruoffs Ruf ist dahin

Nicht nur an der Basis ist das Unverständnis gross. Auch in den Chefetagen der öV-Branche hat Ruoff den Rückhalt verloren. Ueli Stückelberger, Direktor des nationalen Dachverbands der öV-Unternehmen, unterbricht seine Skiferien, um sich in die Debatte einzuschalten. Er sagt: «Es ist für Postauto gar nicht möglich, mit legalen Mitteln im Regionalverkehr grössere Gewinne zu erzielen.» Die Gewinnziele der Post würden sich mit den gesetzlichen Vorgaben für den regionalen Personenverkehr von Postauto beissen. Er hinterfragt die von Ruoff verfügten Freistellungen: «Es sind sicher nicht diese beiden Personen, welche die gesamte Schuld tragen.»

Muss Postauto nun aus dem Postkonzern herausgebrochen werden, um das Geschäft den regionalen öV-Unternehmen zu übergeben? Stückelberger sagt: «So weit würde ich nicht gehen. Die SBB zeigen, dass man das gewinnorientierte und das subventionierte Geschäft sauber trennen kann.» Andere öV-Unternehmen hätten diese Probleme nicht, weil keines in ein derartiges System eingebunden sei: «Bei den meisten ist der regionale Personenverkehr das Kerngeschäft.»

Der Vertreter der Schweizer öV-Betriebe kritisiert zudem, wie der Skandal nun von einigen für die eigene Agenda ausgenützt werde. So war Preisüberwacher Stefan Meierhans diese Woche prompt zur Stelle, um eine Tarifsenkung zu fordern. Stückelberger: «Das ist populistisch. Der Postauto-Bschiss geht nicht zulasten der Kunden, sondern der Kantone und des Bundes.»

Für Ruoff lief diese Woche nur der Start gut. Als sie am Dienstag mit BAV-Direktor Peter Füglistaler die «Unregelmässigkeiten» bekannt gab, gelang es ihr, sich kurzfristig als die Frau zu inszenieren, die Transparenz schaffe und nun die Missstände aufarbeite. Die ersten Meldungen transportierten diese Botschaft weiter. Danach wurde die Berichterstattung von Tag zu Tag kritischer. Immer mehr Details sickerten durch. Ende Woche sah sich BAV-Direktor Füglistaler genötigt, ein zweites Mal vor die Medien zu treten. Diesmal ohne Ruoff. Aus den «Unregelmässigkeiten» wurde nun eine «sehr aktive Täuschung». Die Buchhaltung wurde offenbar nicht nur geschönt, sondern gefälscht. So wurden in einer von Tausenden Buchungen Pneus verrechnet, die nie beschafft worden waren.

Das war der Zeitpunkt, als die CVP-Führungsriege ihren Schutzschild über Ruoff nicht mehr aufrechterhalten konnte. CVP-Verkehrdirektorin Doris Leuthard meldete sich mit einem kritischen Statement aus den Ferien zu Wort und Post-Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller (CVP) entzog ihr das Skandal-Dossier.

Nun braust die Postauto Schweiz AG nicht mehr wie die Gotthardpost durch das Land, sondern führungslos wie die «Smart Shuttle» in Sion.

Mehr zum Postauto-Skandal