Masseneinwanderung
Inländische Fachkräfte mobilisieren: Wieso dauert das bloss so lange?

Vor vier Jahren startete Johann Schneider-Ammann eine Fachkräfte-Initiative, um das inländische Arbeitspotenzial besser zu nutzen. Nun gibts neue Ideen, für deren Umsetzung sich niemand verantwortlich fühlt.

Anna Wanner
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Der Bundesrat will das Arbeitspotenzial in der Schweiz besser nutzen – doch er lässt sich Zeit.

Der Bundesrat will das Arbeitspotenzial in der Schweiz besser nutzen – doch er lässt sich Zeit.

Keystone

Fachkräfte. Der hiesigen Wirtschaft fehlen Informatiker, Pfleger und Ingenieure. Also werden die leeren Stellen mit ausländischem Personal besetzt. Noch geht das.

Erwerbstätige: 5-Millionen-Grenze ist geknackt

Die Zahl der Erwerbstätigen in der Schweiz hat im 4. Quartal 2014 erstmals die Schwelle von 5 Millionen überschritten. Insgesamt waren im letzten Quartal
5,008 Millionen Personen erwerbstätig. Das sind 2,2 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie das Bundesamt für Statistik (BFS) gestern mitteilte. Die Jugenderwerbslosigkeit verringerte sich von 8,3 auf 6,2 Prozent. Das ist der niedrigste Stand seit zweieinhalb Jahren. Weniger erfreulich entwickelte sich die Situation bei den Langzeitarbeitslosen. Die Zahl der Personen, die seit einem Jahr oder länger ohne Arbeit sind, erhöhte sich innert Jahresfrist um fast ein Viertel auf 84 000. (sda)

Die Personenfreizügigkeit gilt solange, bis sich der Bundesrat mit der EU über die Einführung von Kontingenten geeinigt hat. Darauf will er es aber nicht ankommen lassen.

Die Stellen sollen auch künftig mit qualifizierten Personen besetzt werden können. Deshalb lancierte die Regierung eine Fachkräfte-Initiative (FKI) mit dem Ziel, vorhandenes inländisches Potenzial besser auszuschöpfen.

Das war vor vier Jahren. Die Zuwanderung konnte seither nicht gedrosselt werden. In der Praxis ist also nicht viel passiert – bis im letzten Herbst. Da hat Bundesrat Johann Schneider-Ammann den Faden wieder aufgenommen, um die Arbeiten an den Zielen der FKI zu «intensivieren».

Alles nochmals von vorne Nun erhält der geneigte Beobachter erneut den Eindruck, das nichts passiert. An der Medienkonferenz vor zwei Tagen spielte Schneider-Ammann die altbekannte Platte wieder ab und warb für die immer gleichen Massnahmen: Vereinbarkeit von Beruf und Familie, bessere Integration von älteren Arbeitnehmern, Bildungsinitiative für schlechter Qualifizierte und Innovation. Diesmal beteuerte er, die Wirtschaft habe die Notwendigkeit erkannt und trage die Massnahmen mit.

Vielen Parteien reichen die Lippenbekenntnisse nicht. BDP-Präsident Martin Landolt fordert, der Bundesrat müsste anstatt auf Kontingente voll auf die inländischen Arbeitskräfte setzen. Und SP-Präsident Christian Levrat sagt: «Der Bundesrat hat die nötigen Reformen im Innern komplett verschlafen.» In der Tat muss die Frage erlaubt sein: Wieso dauert das alles so lange?

Das hängt vor allem damit zusammen, dass das viel beschworene inländische Potenzial nicht einfach brach liegt. Die Erwerbsquote in der Schweiz ist höher als im internationalen Durchschnitt. Fast 88 Prozent der Männer zwischen 15 und 65 Jahren sind erwerbstätig. Bei Frauen im selben Alterssegment sind es 79 Prozent. Kommt hinzu: Ältere Arbeitnehmer kosten ein Unternehmen mehr, nicht alle Frauen wollen eine Vollzeitstelle antreten und die Unterqualifizierten bilden sich nicht von selbst aus.

Der Bundesrat muss nicht nur im Parlament neue Gesetze durchbringen, er ist auch auf die Mitarbeit der Unternehmen angewiesen.

Dennoch gibt es Grund, am Gestaltungswillen der Regierung zu zweifeln: Zwar will sie Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene in den Arbeitsmarkt integrieren – das Staatssekretariat für Migration geht immerhin von einem Potenzial von 17 000 Arbeitskräften aus. Doch der Bundesrat verkaufte den Medien am Mittwoch vier angeblich neue Massnahmen:

  • Behinderte in den Arbeitsmarkt integrieren – eine Massnahme, die seit der letzten IV-Revision umgesetzt wird.
  • Überprüfung, ob der Kredit zur Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt erhöht werden soll. Hier soll womöglich eine bestehende Massnahme verstärkt werden.
  • Bildungsangebot im medizinischen Bereich ausbauen – eine Massnahme, die längst auf der Agenda des Gesundheitsministers Alain Berset steht.
  • Den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) einen Vorteil verschaffen, indem ihnen die offenen Stellen der Bundesverwaltung vorzeitig mitgeteilt werden.

Bemerkenswert daran: Die Massnahmen wurden zwar im Plenum beschlossen. Dabei ging aber offenbar vergessen, die Zuständigkeit zu bestimmen, wie eine Umfrage bei den Departementen zeigt.

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