«In Wohler Politik muss Ruhe einkehren»

Der Gemeinderat Wohlen soll wieder als Einheit auftreten. Sachpolitik soll politisches Gezänk ablösen. Das sagt Gemeindeammann Walter Dubler. Der trotz viel Opposition wiedergewählte Gemeindeammann wurde bei einem Online-Voting der AZ als «Kopf des Jahres» auf Platz eins gesetzt.

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Wohlens Ammann Walter Dubler: «In die Wohler Politik muss Ruhe einkehren.»

Wohlens Ammann Walter Dubler: «In die Wohler Politik muss Ruhe einkehren.»

Eddy Schambron

Eddy Schambron

Hinter dem Schreibtisch steht eine Wohler Fahne, eine solche weht auch neben der Aargauer Fahne im Wind, wenn der Blick aus dem Büro von Walter Dubler nach draussen geht. Der Arbeitsraum des Gemeindeammanns selber ist bescheiden eingerichtet. Ein farbenfrohes Bild von Beat Rosenberg, im Besitz der Gemeinde, und eine private Skulptur, ein Vogel auf einem Dreirad aus Recyclingmaterial des Künstlers Josef Häfliger aus Eschenbach sind die prägenden Schmuckstücke.

Herr Dubler, welche Vorsätze haben Sie sich für das neue Jahr persönlich und politisch gefasst?

Walter Dubler: Ich will alles daran setzen, dass der Gemeinderat gut funktioniert und als Einheit wahrgenommen wird. Dazu müssen alle Gemeinderäte ihren Beitrag leisten. Ausserdem habe ich mir noch mehr Gelassenheit verordnet.

Sie sind seit zwölf Jahren als Gemeindeammann im Amt. Was hat sich in dieser Zeit in Wohlen verändert?

Dubler: Als ich anfing, hatte Wohlen beispielsweise keinen eigenen Saal. Die Casino-Abstimmung ging positiv über die Bühne, was für die Gemeinde sehr wichtig war. Ausserdem konnte der Schulraummangel mit dem Bau des Musiksaales Halde, der Erweiterung Junkholz, dem Bau von Bünzmatt III sowie der Erneuerung und Erweiterung des BBZ – Berufsbildungszentrums Freiamt – behoben werden. Verhärtet hat sich das politische Klima. In letzter Zeit haben die Parteien vereinzelt an Eigenständigkeit und Profil verloren, sodass sich sogar Parteileute abwandten oder aus der Partei austraten. Das Niveau in der Wohler Politik ist teilweise tief. Was in letzter Zeit abging, das wollen viele Stimmberechtigte nicht mehr mitmachen. Eine interessante Feststellung übrigens: Bei den Lokalabstimmungen (Gemeindeammannwahl und Voranschlag 2010) vom letzten November wurden 4372 Stimmrechtsausweise abgegeben. Bei den Einwohnerratswahlen wurden jedoch rund 1300 Stimmzettel weniger eingelegt. Das heisst, dass 30 Prozent der Urnengänger bei den Einwohnerratswahlen gar nicht mitmachten. Dies muss allen politisch Tätigen zu denken geben.

Beneiden Sie manchmal Amtskollegen in ruhigeren Gemeinden?

Dubler: Daran habe ich noch nie herumstudiert. Ich bin hier gross geworden, und ich habe mich in der Politik freiwillig zur Verfügung gestellt. In Wohlen war die politische Kultur schon immer härter als in anderen Aargauer Gemeinden. Und es gab immer Leute, die an meinem Stuhl sägten. Aber ich stelle fest: Eine Verrohung in der Politik hat nicht nur in Wohlen, sondern auch in anderen Gemeinden und auf der Ebene Kanton und Bund stattgefunden.

Sie haben ja selbst einmal als Oppositionspolitiker für die Gruppe «Eusi Lüüt» angefangen.

Dubler: Oppositionspolitiker ist zu hoch gegriffen. Ich trat als kritischer Politiker an. Aber wir mussten uns den Erfolg erarbeiten, intensiv und seriös arbeiten, damit wir ernst genommen wurden. Rückblickend möchte ich sagen: Wir politisierten hart, aber immer anständig, fair und konstruktiv. Das kann man heute nicht von allen behaupten.

Schreckt denn die Wohler Politkultur potenzielle Politiker ab?

Dubler: Überraschenderweise haben sich für die Einwohnerratswahlen mehr Leute beworben als vor vier Jahren. Interessante Persönlichkeiten wurden neu gewählt. Aber es gibt viele fähige Leute, die sich wegen des rauen Klimas nicht zur Verfügung stellen, obwohl sie für Wohlen etwas bringen würden. Persönlich lasse ich mich nicht abschrecken, nicht zuletzt auch deshalb, weil ich mich auf eine tüchtige und loyale Verwaltung verlassen kann.

Sie stehen am Beginn der neuen Legislatur. Welche Ziele setzen Sie sich, und wann werden Sie das Legislaturprogramm dem Einwohnerrat präsentieren?

Dubler: Das Allerwichtigste ist jetzt zuerst einmal, dass in der Wohler Politik Ruhe einkehrt und wieder Sachpolitik betrieben wird. Wie seine beiden Vorgänger fordert auch der vorgesehene Einwohnerratspräsident Arsène Perroud mehr Anstand in der Politik. Es wird eine Herausforderung sein, die grossen Bauvorhaben (Stichworte: Friedhofhalle, Schwimmbad, Eisbahn, Renovation Gemeindehaus) mit den Finanzen in Einklang zu bringen. Wichtig für die Entwicklung Wohlens ist sicher die Erschliessung des Rebbergs. Was das Legislaturprogramm angeht: Der Gemeinderat wird dieses diskutieren, anpassen und möglichst rasch präsentieren. Es wird wohl inhaltlich nicht weit vom letzten Programm entfernt sein, das im August 2009 verabschiedet wurde. Die Prioritäten in der Gemeinde haben sich seither nicht grundlegend verändert.

Wenn Sie eine Rangliste der hauptsächlichsten Anliegen von Wohlen erstellen müssten: Welche belegen die ersten drei Plätze?

Dubler: 1. Rückkehr zur konstruktiven Sachpolitik, zu einem motivierenden politischen Klima; 2. Vollzug der Rebberg-Erschliessung, von der interessanten Baulandlage profitiert die ganze Gemeinde; 3. die wichtigsten Investitionen zu tätigen und gleichzeitig die Finanzlage im Gleichgewicht zu behalten.

Der neue Einwohnerratspräsident Arsène Perroud sagte am Neujahrsapéro, Wohlen sei misslich an den öffentlichen Verkehr angebunden, stehe finanziell schlecht da und es fehlten attraktive Wohnlagen. Teilen Sie diese Meinung?

Dubler: Beim öffentlichen Verkehr ist die Vernetzung grundsätzlich gut, Verbesserungen bei den Anschlüssen sind nötig, passieren aber nicht von heute auf morgen. Ab Dezember 2010 gibt es im Freiamt neues Rollmaterial und bessere Verbindungen. Auch die BDWM Transport AG erneuert ihre Bahnflotte. Nicht dramatisieren darf man die Finanzlage. Die verzinsliche Nettoschuld betrug Ende 2008 rund 15 Mio. Franken. Das ist tief. Das Problem ist die relativ schwache Ertragskraft der Gemeinde Wohlen. Und was die Wohnlage anbetrifft: Wohlen bleibt Wohlen, wir werden nie Seesicht anbieten können.

Wohlen ist mit dem Steuerfuss von 113 Prozent an drittletzter Stelle im Bezirk Bremgarten. Wie ist diese Situation zu verbessern?

Dubler: Der Finanzplan sieht vor, dass der Steuerfuss ab 2014 auf 111 Prozent gesenkt wird. Man muss den Steuerfuss auch relativieren. Wohlen ist eine der wenigen Gemeinden, die auf Grüngutgebühren verzichtet. Das macht drei Steuerprozente aus. Somit beträgt der Steuerfuss faktisch 110 Prozent. Wohnen ist günstiger als beispielsweise auf dem Mutschellen. Mögliche Einnahmequellen werden nicht oder zu wenig ausgenützt: Das Parkierungsregime ist nicht mehr zeitgemäss. Das Parkplatzbewirtschaftungskonzept, welches im September 2008 vom Volk abgelehnt wurde, war einfach überladen. Wir müssen auch darauf achten, dass bei regionalen Aufgaben unsere Kosten bezahlt werden.

Wo liegen die Stärken der Gemeinde Wohlen?

Dubler: Unsere Gemeinde bietet alles und funktioniert, obwohl wir eine sehr heterogene Gesellschaftsstruktur mit einem hohen Ausländeranteil haben, gut. Wir verfügen über ein Schulwesen vom Kindergarten bis zur Kantonsschule, der Berufsschule und privaten Schulen mit sehr guter Infrastruktur und ebensolchem Lehrkörper. Das Sportzentrum Niedermatten besitzt nationale Ausstrahlung. In Wohlen kann eine breite kulturelle Palette genutzt werden. Die Wege in die Städte Zürich, Bern und Basel sind kurz.

Vizeammann Matthias Jauslin hat sich im Wahlkampf gegen Sie als Gemeindeammann ausgesprochen. Ist unter diesen Umständen jetzt eine konstruktive Zusammenarbeit möglich?

Dubler: Ja, wir haben uns ausgesprochen. Der Gemeinderat hat bereits zwei Sitzungen gehabt. Ich habe das Gefühl, dass jeder weiss, dass eine konstruktive Zusammenarbeit erforderlich ist. Nur so bringen wir Wohlen vorwärts.

Sie haben gestern eine Art Hilferuf zur Ausländerproblematik veröffentlicht. Ist der hohe Ausländeranteil für Wohlen eine besondere Herausforderung?

Dubler: Wir haben einen Ausländeranteil von rund 33 Prozent. Ende 2008 stammten rund 4600 von 14200 Einwohnern aus dem Ausland, davon sind 1300 Italiener. Diese sind sehr gut integriert und verfügen beispielsweise mit der Begegnungsstätte ACLI über eine für Wohlen sehr wertvolle Institution. Fast 1800 Personen kommen aus dem Balkan. Dieser sehr hohe Anteil ist seit Anfang der 90er-Jahre entstanden und ist für Wohlen tatsächlich sehr anspruchsvoll. Ich bin mir bewusst, dass unsere Infrastruktur ohne ausländische Arbeitskräfte nicht so gut funktionieren würde. Aber: Recht und Ordnung müssen durchgesetzt werden. Konkret bin ich der Ansicht, dass Ausländer, die sich nicht an unsere Rechtsordnung halten wollen, ausgewiesen werden.

Sie sind Vorsitzender des Regionalplanungsverbandes Unteres Bünztal. Wo sehen Sie den Platz von Wohlen im regionalen Umfeld?

Dubler: Wohlen ist klar die grösste Gemeinde. Aber wir sind nicht von Kleinstgemeinden umgeben, sondern von mittelgrossen mit einer hohen Selbstständigkeit und guter finanzieller Lage. So bestehen zurzeit keine Fusionsbedürfnisse. Wohlen hat auch nicht «Grossmachtsansprüche». Aber wir sind selbstverständlich offen für Zusammenarbeit, zum Beispiel mit dem Regionalen Zivilstandsamt, der Regionalpolizei, dem Steueramt oder neuerdings mit dem Betreibungsamt Hägglingen. Als Zentrumsgemeinde sehen wir uns auch verpflichtet, regionale Anliegen gegenüber Kanton und Bund vorwärtszubringen. Ich denke da etwa an Verkehrsfragen, die grossräumig zu beurteilen sind.