In einem neuen sechsmonatigen Lehrgang bildet das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) St. Gallen Flüchtlinge zu Betreuungshelfern aus. Wie das «St. Galler Tagblatt» berichtet, absolvieren fünf Flüchtlinge aktuell das sechsmonatige Praktikum, bei dem sie in einem Pflegeheim als Betreuer arbeiten und während 160 Lektionen auch theoretisch geschult werden. Im Oktober startet der nächste Lehrgang, bei dem weitere zehn anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene ausgebildet werden sollen.

Die Idee dazu stammt von der Vereinigung der St. Galler Gemeindepräsidentinnen und -präsidenten. Sie sehen das Projekt als Win-Win-Situation: Die Zahl der älteren Menschen, die Betreuung brauchen, steige stark an. Und die Gemeinden hätten die Aufgabe, Flüchtlinge und Asylsuchende möglichst gut zu integrieren.

In der Schweiz zeichnet sich in der Tat ein massiver Notstand in der Pflege ab. Bis 2020 könnten bis zu 30000 Arbeitskräfte fehlen. Gleichzeitig ist es für aufgenommene Flüchtlinge enorm schwierig, Zugang zum ersten Arbeitsmarkt zu finden. Wie die Sendung «10 vor 10» berichtete, haben fünf Jahre nach dem positiven Asylentscheid nur 19 Prozent der anerkannten Flüchtlinge im erwerbsfähigen Alter eine Arbeit.

Angst vor Lohndumping

Nicht alle aber sehen im SRK-Pionierprojekt nur Gewinner: In einer Mitteilung äussert sich die Ostschweizer Sektion des Schweizer Berufsverbands Pflege kritisch. Zwar bestehe in der Schweiz ein Bedarf nach diplomierten Pflegefachpersonen, heisst es in der Mitteilung. Jedoch: „Für sogenannte Hilfen besteht keine Nachfrage. Pflegeheime können aktuell jederzeit genügend Hilfspersonal rekrutieren." Das Problem des Pflegenotstandes werde mit «billigen», wenig gut ausgebildetem Hilfsperson nicht verringert.

Zudem weist der Verband darauf hin, dass die Gefahr von Lohndumping bestehe. Der Verband will sich dafür einsetzen, dass «in diesem sensiblen Arbeitsgebiet» der Schutz der Löhne der Betreuungs- und Pflegehilfen diskutiert werde.

Beim Roten Kreuz hingegen ist man überzeugt, dass es eine Nachfrage nach Hilfspersonal gibt. «Umfragen im Kanton bei verschiedensten Heimen ergeben, dass die Altersinstitutionen sehr wohl auf Hilfspersonal angewiesen sind», sagt Daniela Paci, die das Projekt leitet, auf Anfrage der «Nordwestschweiz». Es gebe immer mehr Pflegeplätze, deshalb brauche es auch Hilfspersonal.

Die Betreuungshelfer, die das SRK ausbildet, sind in der Hauswirtschaft tätig, verrichten einfache Körperpflege und betreuen Nachmittagsaktivitäten. Von den fünf Pionieren, die derzeit den ersten Lehrgang abschliessen, hätten zwei bereits eine feste Anstellung erhalten, sagt Paci. Mit besseren Deutschkenntnissen können sie auch den SRK-Lehrgang Pflegehelfer absolvieren.

Projekt schweizweit aufbauen

Auf der SRK-Geschäftsstelle in Bern verfolge man das St. Galler Projekt mit Interesse, sagt Paci. «Es ist geplant, eine Empfehlung an die Kantonalverbände herauszugeben, ebenfalls ein entsprechendes Angebot aufzubauen.»