Unbekannte Schweiz

In Pruntrut: Wo die Schweiz Paris am nächsten liegt

In Pruntrut will man Paris nahe sein und sehnt einen direkten Eisenbahnanschluss und die Fertigstellung der A16 herbei. Dabei ist Paris schon längst da: mit Ordensschwestern, einem Hamam-Betreiber und einem Eiffelturm-Modell auf einem Kreisverkehr.

Pruntrut - schon die vom Genfer Komiker Joseph Gorgoni erfundene Kultfigur Marie-Thérèse Porchet machte sich über die deutsche Bezeichnung Porrentruys lustig. Doch vielen Deutschschweizern ist das 7000-Seelenstädtchen im jurassischen Bezirk Ajoie unbekannt. Es sei denn, die Tour de France macht gerade in Pruntrut Halt, so geschehen Anfang Juli.

Marie-Thérèse Porchet über die Deutschschweizer und Pruntrut

Rendez-vous beim Bürgermeister, Gérard Guenat (CVP). «Die Ajoie ist das Ende der Schweiz», erklärt er mit dröhnender Stimme. Dazu gehöre auch Pruntrut. Für die Deutschschweizer sei die Region sowieso schon fast Frankreich, wo sie einst auch dazugehörte. Erst mit dem Wiener Kongress wurde die Ajoie 1815 dem Kanton Bern zugesprochen. Bis zur Gründung des Kantons Jura 1979 sollte es so bleiben.

Drei Stunden nach Paris

Heute spielt die Nähe zu Frankreich wieder eine wichtigere Rolle, zumindest in Bezug auf die Standortförderung: «Porrentruy, la ville la plus proche de Paris» - mit diesen Worten wirbt das malerische Städtchen für seine Vorzüge. So will man Investoren, Arbeitgeber, neue Mitbürger, aber auch Touristen anziehen. Tatsächlich ist Pruntrut seit der Eröffnung der neuen TGV-Linie Rhin-Rhône im vergangenen Dezember noch näher an die französische Metropole gerückt. Gerade einmal eine halbe Stunde dauert die Autofahrt zum neu eröffneten TGV-Bahnhof Belfort-Montbéliard. Von dort sind es zweieinhalb Stunden bis Paris.

Zwar fehlt eine direkte Bahnanbindung Pruntruts an die TGV-Linie, die Basel mit Paris verbindet. Bis 2015 sollen aber schnellere Züge Delsberg über Pruntrut mit dem neuen TGV-Bahnhof verbinden. «Unser Problem ist, dass es auf zwei Baustellen nicht wirklich vorwärts geht», erklärt Bürgermeister Guenat im schmucken Rathaus. Neben dem Bahnanschluss hapert es an der nie fertig gestellten «Transjurasienne», der Autobahn A16, die dereinst den Kanton Jura mit dem französischen Autobahnnetz auf der anderen Seite verbinden soll.

Die Schwester

Die französische Hauptstadt begleitet die az-Reporter während ihres gesamten Rundgangs durch Pruntrut: Da ein mit einem Modell des Eiffelturms geschmückter Kreisverkehr, dort das Kloster des Ordens St-Paul de Chartres, der seine Wurzeln in Paris hat und in Pruntrut eine Privatschule für Mädchen führt.

Eine der Ordensschwestern heisst Irène Chappuis. Ursprünglich kommt sie aus Wettingen, besuchte als Kind aber oft ihre Grosseltern in der Ajoie. Nach einem Welschlandjahr in Pruntrut hätte sie sich dazu entschieden, Nonne zu werden. Doch liess sie sich zuerst im Aargau zur Pflegerin ausbilden. Dann, mit 21, trat Schwester Irène in den Orden ein und musste zur Ausbildung: nach Paris. Nach pflegerischen Tätigkeiten in Alle - einer Nachbarsgemeinde - und in Biel liess sie sich vor drei Jahren in Pruntrut nieder. Im Kloster kümmert sich die 55-Jährige seither um pflegebedürftige Mitschwestern.

Neben dem Kloster, befindet sich die Mädchenschule St-Paul, in der Schülerinnen aus der Deutschschweiz ihr zehntes Schuljahr absolvieren. Französischsprachige Mädchen können die Schule ab der 7. Klasse besuchen. Pruntrut ist die Bildungsmetropole des Juras: Hier steht das einzige Lycée des Kantons, wo die Schüler ihre Matura machen. Laut Bürgermeister Guenat kommen 3500 Schüler täglich nach Pruntrut zum Büffeln. Das bei einer Einwohnerzahl von 7000. Pruntrut ist aber nicht nur Bildungsstätte, sondern auch jene der Justiz. Sämtliche jurassischen Justizbehörden haben ihren Sitz im unübersehbaren Schloss, das gleichzeitig als Gefängnis für Untersuchungshäftlinge dient.

Der Pendler

In einem Haus innerhalb der Stadtmauer besitzt der Berner Beat Brodbeck ein kleines Paradies: In einem verwinkelten Haus eröffnete er mit seiner Frau das erste Hamam in der Ajoie. Das Lustige daran: Das Paar wohnt nicht etwa in Pruntrut, sondern in Paris. Eine Angestellte umsorgt täglich die Gäste.

Doch an diesem Tag ist Brodbeck selber da. Pruntrut gefalle ihm zwar, erklärt er im gemütlichen Garten hoch über dem Stadtgraben. Doch redet er sich in Rage, als er auf das wilde Durcheinander von Einfamilienhäusern am gegenüberliegenden Hang zeigt. «Die Bodenpreise sind zu tief», kritisiert er. Für viele Bruntrutains sei es attraktiver gewesen, Land zu kaufen und ein Häuschen zu bauen, als die alten Gebäude in der Altstadt zu sanieren, was dringend notwendig wäre. Das Resultat: ein Siedlungsbrei sondergleichen.

Tatsächlich: Bei Bodenpreisen zwischen 95 und 106 Franken pro Quadratmeter machen Interessenten und Investoren, aber auch Spekulanten ein gutes Geschäft. Oder um es wie Gérard Guenat zu sagen: Eines «à bon marché». Nicht nur Beat Brodbeck ist gespannt, in welche Richtung sich die Preise entwickeln werden, wenn Pruntrut dank Autobahn und direktem Bahnanschluss ans französische Hochgeschwindigkeitsnetz noch näher an Paris rückt.

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