Frühförderung

In manchen Familien haperts am Banalsten

Frühförderprogramm soll Kinder aus schwierigen Verhältnissen helfen

Hochuli Frühförderung

Unter dem Titel der Suchtprävention und daher aus dem Alkoholzehntel finanziert, startet das Departement Gesundheit und Soziales ein Frühförderprogramm für Eltern und Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen.

Urs Moser

Die Idee knüpft an einer alten Binsenweisheit an: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Es sei erstaunlich und erschreckend, was für ganz banale Dinge in manchen Familien nicht mehr klappen, so Regierungsrätin Susanne Hochuli.

Kinder bekommen zu Hause nichts über eine vernünftige Ernährung mit oder haben kaum Kontakt mit Gleichaltrigen auf einem Spielplatz oder wachsen in Migrantenfamilien auf, ohne sich in den ersten Lebensjahren in der Landessprache zu unterhalten. So starten sie mit sozialen, emotionalen und intellektuellen Defiziten, die später in der Schulzeit nur schwer und mit grossem Aufwand aufzuholen sind. Kinder, die so aufwachsen, haben schlechtere Aussichten auf schulische Erfolge, dafür umso grössere, in eine Suchtkarriere abzudriften.

Und das nicht unbedingt aufgrund von eigentlichen Lernschwächen, sondern weil ihr kindliches Entwicklungspotenzial in den ersten Lebensjahren nicht ausgeschöpft wurde. Sie starten einfach mit schlechteren Chancen ins Leben als Kinder aus sozial privilegierteren Verhältnissen.

Familien werden begleitet

Dem will ein Programm entgegenwirken, das im Aargau in einer dreijährigen Pilotphase in Rheinfelden und Wohlen und Umgebung lanciert wird: das in anderen Kantonen bereits erprobte Frühförderprogramm «schitt.weise».

Das Departement von Susanne Hochuli lanciert das Programm zusammen mit dem Verein Erziehung und Bildung (VEB). Die von Ständerätin Christine Egerszegi präsidierte Kommission zur Verteilung des Alkoholzehntels hat dafür 650000 Franken bewilligt.

Das Projekt läuft unter dem Titel «Frühförderung als Suchtprävention», wobei es sich um mehr als ein Suchtpräventionsprojekt handelt. Es geht genauso um Gesundheitsförderung, Erziehungs- und Familienberatung sowie allgemein um die Förderung der familiären Ressourcen und Kompetenzen.

Der Plan sieht vor, dass für den Piloten in den Agglomerationen Rheinfelden und Wohlen fünf Personen gesucht werden, die als Familienbesucherinnen (man hat vor allem Frauen im Auge) mit einem Pensum von 25 Prozent amten.

Sie müssen Erfahrung in der Kindererziehung haben, aber nicht über eine pädagogische Fachausbildung verfügen. Sie sollen rund 90 Familien mit Kindern im Vorschulalter begleiten. Es geht darum, den Eltern dabei zu helfen, sich sinnvoll mit ihren Kindern zu beschäftigen. Auf einem Spaziergang über den Wald erzählen oder woher ein Apfel kommt und warum er gut für sie ist.

An sich ganz banale Dinge eben, die aber erschreckenderweise in manchen Familien nicht mehr funktionieren. Kinderärzte würden melden, dass etwa 30 Prozent der Kinder im Kindergarten motorische Probleme haben, beschreibt Brigitte Rüedin, Rheinfelder Stadträtin, das Problem. Sie sind in ihrem Leben noch kaum jemals über eine Wiese oder Waldboden gelaufen.

Delikate Aufgabe

Ein heikler Punkt des Projekts ist, überhaupt die teilnehmenden Familien zu finden bzw. zum freiwilligen Mitmachen zu motivieren. Man könne ja schlecht auf Eltern zugehen und ihnen sagen, man habe gehört, ihnen würde Nachhilfe in der grundlegendsten Erziehungsarbeit guttun, so Alice Liechti-Wagner vom Verein Erziehung und Bildung.

Es wird die Aufgabe einer Projektleiterin mit 50-Prozent-Pensum sein, in einem halbjährigen Vorlauf ein Netzwerk mit Kinderärzten, Spielgruppenleiterinnen, Sozialdiensten etc. aufzubauen, um an die potenziellen Zielfamilien heranzukommen.

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