Grenoble

In Grenoble liefern sich Jugendliche und Polizei ein Katz-und-Maus-Spiel

Auch in Grenoble gibt es Einwandererviertel. Dort kletterte die Jugendarbeitslosigkeit im Zuge der Wirtschaftskrise auf 40 Prozent oder höher.

Scharfschützen in Olympia stadt

Auch in Grenoble gibt es Einwandererviertel. Dort kletterte die Jugendarbeitslosigkeit im Zuge der Wirtschaftskrise auf 40 Prozent oder höher.

Der Tod eines Casino-Räubers zündete in Grenoble den Funken: Seit drei Nächten folgen sich in der französischen Alpenmetropole heftige Vorstadtkrawalle.

Stefan Brändle, Paris

Die Schüsse kommen von den Dächern und Balkonen. Von welchen, lässt sich nicht sagen, obwohl Helikopterscheinwerfer die Fassaden der zwölfstöckigen Wohnblöcke in grelles Licht tauchen. Sicher ist nur: Es sind scharfe Schüsse. Im Dunkeln patrouillieren vermummte Elitepolizisten mit eingezogenen Köpfen. «Wir haben die Nacht über Katz und Maus gespielt», sagte eine Polizeisprecherin am Montag, nachdem es in Ville-
neuve, einer schlecht beleumundeten Vorstadt von Grenoble, in der dritten Nacht in Folge zu Strassenschlachten und Brandschatzungen gekommen war. Bilanz: zwanzig Verhaftungen, darunter vier angebliche Scharfschützen, sowie ein Schaden in Millionenhöhe.

Die krawallgewohnten Einwohner des Pariser Grossraums staunen nicht schlecht über die Schlagzeilen aus der Stadt der Winterolympiade 1968, in deren Umgebung sie oftmals den Skiurlaub verbringen. Doch auch in Grenoble gibt es Einwandererviertel, auch dort klettert die Jugendarbeitslosigkeit im Zuge der Wirtschaftskrise auf 40 Prozent oder höher – und auch dort wird neuerdings scharf geschossen.

Casino-Überfall als Auslöser

Filmreife Actionszenen standen auch am Ursprung der neusten Gewaltexplosion. Karim Boudada (27), ein notorischer Bankräuber, hatte am Donnerstag mit einem Komplizen das Casino von Uriage-les-Bains ausgeraubt. Von der Polizei verfolgt, schoss er aus seinem Fluchtfahrzeug zurück, bis er vor seinem Wohnblock in Villeneuve selbst durch Schüsse in den Kopf getötet wurde.

Am Tag darauf begannen die schweren Krawalle, obwohl der Staatsanwalt zuvor auf polizeiliche Notwehr befunden hatte. Augenzeugen werfen der Polizei vor, den dreifach vorbestraften Räuber vorsätzlich erschossen zu haben. Seine Mutter will sogar Klage gegen die Polizei einreichen. Sie rief aber zugleich zur Ruhe auf. Vergeblich. Nach der ersten Krawallnacht suchte Innenminister Brice Hortefeux das teilweise ausgebrannte Banlieue-Viertel auf und versprach in die TV-Kameras, er werde wieder für «Ruhe und Ordnung» sorgen. Die Antwort kam prompt von oben: Unbekannte schossen auf die Polizeiwagen. Verletzt wurde niemand.

Sozialist fordert mehr Mittel für die Polizei

Die Linksopposition wirft Hortefeux vor, er schüre die Gewalt mit seinen TV-Auftritten. Er vertrete verbal die gleich harte Linie Nicolas Sarkozy, habe aber die Polizeipräsenz in Grenoble von 720 auf 600 Mann gekürzt. Noch am Nationalfeiertag des 14. Juli, zwei Tage vor Beginn der Krawalle, hatte der sozialistische Bürgermeister von Grenoble, Michel Destot, erklärt: «Um mit dieser urbanen Gewalt aufzuräumen, braucht es mehr Mittel, auch Polizeimittel.» In den französischen Vorstädten herrscht zudem der Eindruck vor, dass die Regierung Sarkozy in der Bettencourt-Affäre illegale Geldspenden einsackte, sich aber nur kriminelle Banlieue-Kids vorknöpft. Am Sonntag schauten Hunderte Gendarmen tatenlos zu, wie Fahrende das Dorf Saint-Aignan im Loiretal richtiggehend verwüsteten, um gegen den Tod eines der Ihren in einer Polizeikontrolle zu protestieren. Sie griffen eine Polizeiwache mit Eisenstangen an, sägten Bäume um und knickten Verkehrsampeln. Die Polizei blieb am Dorfrand, um nicht zusätzlich Öl ins Feuer zu giessen.

Meistgesehen

Artboard 1