Wahlkampf in Grenchen
In Grenchen tobt der vielleicht hässlichste Wahlkampf der Schweiz

Am Sonntag entscheidet sich, wer Grenchens Stadtpräsident wird. Boris Banga oder François Scheidegger? Vor der Stichwahl liegen die Nerven blank: In beiden Lagern agieren übereifrige Wahlkampfhelfer, die böse Gerüchte verbreiten.

Max Dohner
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Boris Banga und François Scheidegger

Boris Banga und François Scheidegger

Annika Bütschi

SP-Mann Boris Banga droht nach 22 Jahren die Abwahl als Grenchner Stadtpräsident. Im ersten Wahlgang hatte ihn sein bürgerlicher Herausforderer François Scheidegger hauchdünn geschlagen.

Die Nerven liegen kurz vor dem 2. Wahlgang blank. Böse Gerücht werden verbreitet. Boris Banga wollte sich seinerseits mit der Publikation eines persönlichen Schreibens aus der Feder von Nick Hayek die Wiederwahl sichern - zog damit aber nur den Zorn des Uhrenbarons auf sich.

Wer regiert künftig im Hôtel de ville? Das entscheidet sich am Sonntag.

Wer regiert künftig im Hôtel de ville? Das entscheidet sich am Sonntag.

Annika Bütschi

Wir stellen die beiden Kontrahenten Boris Banga und François Scheidegger im Portrait gegenüber:

Amtierender Stadtpräsident Boris Banga: «Da bleibt noch einiges abzurunden»

Keine Frage: Boris Banga ist schon eine Nummer. Ein «Urgestein». Allerdings mitnichten petrifiziert. Weiter instinktsicher, erfahren in allen Belangen der Macht. Man darf auch an einen Boxer denken. Oder – dank der robusten Statur und der Bewegungsweise – an einen «Bär», der die Pranke auch dann ausfahren kann, wenn sie mit Plüsch umgürtet ist.

Boris Banga

Boris Banga

Annika Bütschi

Als «Typ Bär» beschrieb ihn jüngst die «Basler Zeitung», während die «NZZ» schrieb: «Ein Kämpfer: Hat er ein Ziel vor Augen, unterlässt er nichts, um es auch zu erreichen.» In die Enge getrieben, bringe er erst sein ganzes Kampfgewicht auf die Waage, damit die letzte Runde doch noch zu seinen Gunsten kippt.

Und keine Frage: So wie die Suchmaschine im Internet auf ein Schlagwort sofort passend nahe Begriffe liefert, so schaltet auch das Gehirn so vieler Leute, zumal der Kopf vieler Nicht-Grenchner, beim Stichwort «Grenchen» sofort weiter um auf «Banga». Er selber wünschte, weitere Stichworte fielen automatisch dazu.

Beispiel «Velodrome». Die Visitenkarte mit dem Logo des «neuen Mekka des Velosports» sei ihm gegenwärtig «die liebste», scherzt er. Flachst man weiter im gleichen Stil: «Nur liegt das Mekka nicht gerade zentral ...», schaltet Banga gleich um – in einen Zwischenangriff: «Aarau auch nicht. Suchen Sie anderswo im Mittelland mal eine Generalversammlungs-Halle für 3500 Personen!»

Steht Grenchen vor einer «historischen» Wende?

1899 Seit diesem Jahr regiert die SP in der Uhrenstadt Grenchen, wo heute 16 000 Einwohner leben - mehr Reformierte als Katholiken, mehr Frauen als Männer. Der Ausländeranteil beträgt 31 Prozent.

1990 Boris Banga (SP) wird gewählt als Stadtpräsident von Grenchen. Das Amt tritt er

1991 an und regiert die Uhrenstadt seither, seit 22 Jahren. Banga vertrat den Kanton Solothurn auch von 1995 bis 2007 im Nationalrat. Nach der Uhrenkrise, die Grenchen stark getroffen hat, errichtete die Swatch in den folgenden Jahrzehnten eine neue Fabrik. Andere (Uhren-) Unternehmen bauten aus, Hightechfirmen siedelten sich an.


2008
Grenchen gewinnt den Wakker-Preis.

2013 Mit dem fertig gestellten Bau des Velodrome Suisse» steigt Grenchen auf zum «Rad-
Mekka der Schweiz».

Juni 2013 Im ersten Wahlgang um das Amt des Stadtpräsidenten erzielt Boris Banga weniger Stimmen als sein Herausforderer François Scheidegger (FDP), der auch von SVP, CVP, BDP und von den Grünliberalen unterstützt wird. Banga kommt auf einen Wähleranteil von 45,1 Prozent, Scheidegger auf 48,9 Prozent. Immerhin 107 Wahlzettel gingen leer ein.
22. Sept. 2013 Tag der Entscheidung ums Amt des Stadtpräsidenten.

Ein Hobby sei die Musik, tönt Banga an. Welche Taste für welche Resonanz sorgt – das muss ihn wohl keiner mehr lehren auf der Klaviatur der Politik. Und die Misstöne, die sich häuften in letzter Zeit? Misstöne, die alle in seinem Wesen liegen sollen, in seiner Unbeherrschtheit?

Die Antwort orchestriert Banga mit sanften Streichern und lässt wüsten Lärm von früher einfliessen, als wäre die Gegenwart nur mildes Plätschern: «Schon der Wahlkampf 1990 war heftig. Fünf Kandidaten für ein Amt!» Wie ein Veteran tippt er weiter das eine oder andere Gemenge auf kantonalpolitischer Ebene oder im Nationalrat an. Ohne dick aufzutragen, eher im Stil der ebenso lehrreichen wie amüsanten Anekdote.

Keine Frage zum Dritten: Boris Banga macht Politik keinen Spass; das wäre kreuzfalsch formuliert. Politik ist für ihn mehr: Lebenselixier. Er umschreibt seine Motivation so: «Die Liebe zu Grenchen und zu den Menschen hier. Da sind noch einige Projekte abzurunden.» Banga listet sie in einem Sechs-Punkte-Plan auf und fügt an: «Einen Plan hat die Gegenseite nicht. Sie eint lediglich der Kampf gegen meine Person. Aber danach?» Die gleiche Frage stellt sich freilich auch ihm, wenn er am Sonntag verliert. Wie fatal wäre das Vakuum, der Cold Turkey eines Animal politique? Banga beschwichtigt: «Kein Problem.» Schon jetzt hielten ihn «drei Tierschutzhunde» auf Trab, und im Übrigen halte er sich an die alte elegante Losung bernisch patrizischer Politiker: «Servir et disparaître.»

Am Schluss erzählt Banga einen Witz: «Ein Rabbi und ein Christ gehen zum Boxen. Ein Boxer bekreuzigt sich. Fragt der Rabbi den Christ: ‹Nützt das was?› Sagt der Christ: ‹Nur wenn er boxen kann›.» Politboxer Banga lacht. Und stellt mit schnellem Seitenblick fest: auch wir.

François Scheidegger: «Gewinnt... er, ziehe ich mich zurück»

Hätte er gewusst, wie hart dieser Wahlkampf wird - wäre er auch eingestiegen? «Es wurden tatsächlich alle Register gezogen», antwortet François Scheidegger (FDP): «Die gegnerische Seite polarisiert, nicht erst seit heute. Von daher war das schon zu erwarten gewesen.» Jetzt, im Schlussspurt, werde er bestimmt «nicht den Schwanz einziehen. Dieses Eis muss endlich aufgebrochen werden».

Wessen «Eis» ist klar.

François Scheidegger

François Scheidegger

Annika Bütschi

Aber den Namen seines Gegners nimmt Scheidegger partout nicht in den Mund. Er sagt «diese Person» (meist mit vielsagenden drei Pünktchen dahinter, in Form einer Kunstpause). Er sagt «der Gegenkandidat» oder «dieser Mann». Einmal jedoch tut er es indirekt, mit einem Wortspiel: «Die Leute in Grenchen», sagt Scheidegger, «schauen dem Sonntag sehr bange entgegen.»

Und er selbst - gesetzt, er verlöre? Macht er weiter, unter Allzeit-Stapi Banga, als bereits gewählter Gemeinderat? Scheidegger zögert kurz und sagt: «Nein. Ich würde mich zurückziehen von der Politik.» Scheidegger und Banga sprechen kein Wort mehr miteinander, seit Monaten schon. Seit dem ominösen Spottwort Bangas über Scheideggers Wesen oder Temperament während eines kontradiktorischen Interviews, das die «Solothurner Zeitung» führte. Scheidegger geht mit müder Stimme die Liste dessen durch, was er als Titulierungen «unter der Gürtellinie» vonseiten seiner Gegner empfindet.

Aber auch umgekehrt, gemünzt auf Banga, zählt er eine Liste auf, fast im gleichen Ton: «Ein Selbstdarsteller, der nicht führen kann, mit grossen Problemen in der Verwaltung. Ein Mann, der nur schwarz und weiss kennt, mit wenig Empathie, sodass Personen, die bei ihm in Ungnade fallen, schlechterdings verloren sind.»

Passierte Scheidegger dergleichen womöglich selber, als er - nach siebeneinhalb Jahren minnevoller Zusammenarbeit mit Banga im Hôtel de Ville - als Gerichtspräsident nach Solothurn ging? Grenchner Küchenpsychologie auf der Strasse ist ja auch das: Der Adlatus fiel damals in Ungnade, sozusagen als Vatermörder. Scheidegger lacht: «Nein, ich war weiss. Persönlich bin ich kein Opfer.» Aber sein Lob über Banga, wonach er «der beste aller Chefs» sei, relativiert er heute stark: «Das ist lange her.»

Scheidegger spricht im Ton beherrscht, phasenweise mit leicht gequältem Ernst, inhaltlich aber unmissverständlich. Gelegentliches Zündpulver kracht nicht bei ihm, es implodiert, was indes auch von polemischer Wirkung sein kann. Ironie und Lachen erscheinen wie plötzliche Aufklarungen eines Geistes, der seine Worte zwar bedenkt, aber auch etwas gegen den Dégôut kämpft, sie zu oft wiederholt zu haben. Der Wahlsonntag wird definitiv etwas Befreiendes an sich haben.

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