Unbekannte Schweiz
In Emmen spielt man durch, was auf jede Agglo zukommt

Emmen scheint unrettbar. Alteingesessene prallen mit Neu-Emmer zusammen. Erstere treffen sich im Privatklub und hoffen auf Neo-Urbanität. Letztere kommen zum Beispiel aus dem Kosovo und wohnen im Quartier, das die Alt-Emmer Klein Bosnien nennen.

Max Dohner, Emmen
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Sehenswert in Emmen – ja fast exklusiv: Die einstige Laden- und Flaniermeile Gerliswilstrasse
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Der ehemalige Luzerner Regierungsrat Daniel Bühlmann (SVP) steht vor seinem Elternhaus, heute ein türkisches Café: «Mein Grossvater würde sich im Grab umdrehen.»
Der Seetalplatz, Verkehrsknotenpunkt zwischen Hinterland, Seetal und Stadt Luzern.
Emmen, die Aggo von Luzern in Bildern
Kebabstand
Industrie in Emmen.
Zahlreiche Blöcke und viele Ausländer charakterisieren Emmen.
Industrie, Blöcke und Kirche: Der Luzerner Vorort hat von allem etwas abbekommen.
«Es geht immer länger, bis du ein Gesicht siehst, das du kennst»: Fasan-Joe Müller, Ex-Hotelier

Sehenswert in Emmen – ja fast exklusiv: Die einstige Laden- und Flaniermeile Gerliswilstrasse

Chris Iseli

Dieser Ort ist dauer-verstopft. Beispiel für den baldigen Verkehrsinfarkt jeder Agglo. Es gibt Kreisel (z.B. der Seetalplatz), die für Auswärtige so verwirrend sind, dass man sich darauf alle Tricks am Steuer erwerben könnte, um die berühmt chaotische Place de la Concorde in Paris wie ein Autohai zu kreuzen.

Doch ohne dass jemand hupt, lässt man uns abrupt abzweigen in die Emmenweid: ehemalige und heutige Industrie, die zur Ausgehmeile werden soll. Dieselloks mit Güterwagen kreischen über die Kantonsstrasse. Am Himmel schmettern tiefe Donnervögel der Armee. Es ist das Merkmal eines «alten Emmers»: Er muss den Kopf nicht heben und erkennt den Düsenjet-Typ trotzdem: F/A-18.

«Alt-Emmer» nennen es «Klein-Bosnien»

«Alt-Emmer» sagen «Klein-Bosnien» zur Gegend hier und grinsen etwas schief. «Alt-Emmer» kennen das Image ihrer Heimat, die für sie immer weniger Heimat ist. Das Image ist Abwehr, Gegenwehr – Ausländer bissen bei Einbürgerungen hier besonders hartes Brot. 31 Prozent beträgt der Ausländer-Anteil. Emmenbrücke (der ungleich grössere «Dorfteil» der Gemeinde Emmen) habe weltweit die grösste Kosovo-Diaspora ausserhalb des Kosovo, sagt ein «Alt-Emmer». Er sagt es, um dem dramatischen Prozess Nachdruck zu verleihen, aber ein wenig klingts auch stolz: Emmer müssen beispielhaft mit etwas zurande kommen, das die Agglo überall vor Herausforderungen stellt. Und die Agglo deckt die Schweiz stetig fugendichter zu.

Geschehen ist all das in Emmen in einem Tempo, das ins Düsenzeitalter passt. Oder noch schneller. «Das war nicht eigentlich mehr Tempo», präzisiert der «Alt-Emmer»: «Das war eine Explosion.» Der «Alt-Emmer» ist 64 Jahre alt und heisst Joe F. Müller, genannt «Fasan-Joe». Der «Fasan» war zwei Generationen lang das Hotel, das Lokal und Geschäft für Vater und Sohn Müller. Als sich Joe wegen eines Golfplatzes überhob, musste er den «Fasan» verkaufen, mit der Vereinbarung, ihn zurückkaufen zu können. So sieht es «Fasan-Joe». So hat er die komplizierte Geschichte in einem Buch beschrieben, produziert im Selbstverlag: «Die Vereinbarung». Der Streit dauert an. Währenddessen ist «Fasan-Joe» ein Emmer ohne Stammtisch, wenngleich nicht ohne Stamm.

Statt der Beiz steht jetzt eine Bank da

Und jetzt wird auch noch die letzte «Beiz für Schweizer» geschleift (an ihrer Stelle entsteht eine Bank). Da kam Joe, mit Gleichgesinnten, auf eine Idee: Nahe bei «Klein-Bosnien» gründeten sie einen Privatklub, M4, im englischen Stil. Politisch und konfessionslos neutral, «aber sicher bürgerlich», wird selbstredend geprüft, wer als Member aufgenommen wird. Keine Frauen – die sind indes an gewissen Anlässen eingeladen. Der Club befindet sich im ehemaligen Direktorengebäude der alten Viscosuisse, einem wunderschönen Klinkerbau. «Weil wir alten Emmer», sagt «Fasan-Joe», nicht mehr wussten, wohin wir noch gehen sollen, um frei unter uns zu reden, zogen wir hierher.» Ein Refugium, eine Trutzburg? Joe überlegt und nickt.

Alle duzen sich, sogar die Journalisten. Die Gastfreundschaft ist zwanglos, der Kreis erweitert sich rasch. Zur Debatte steht die Frage, ob Emmen noch zu retten ist? Es sind Leute, die aus dem Klubsessel heraus die Geschicke in Emmen bestimmen können – oder etwa nicht? Der Kreis bestätigt nicht explizit, aber das Lächeln auf den Gesichtern tuts.

Konzeptlose Entwicklung

Daniel Bühlmann sagt: «Wir haben Mitglieder auch aus den Kantonen Zürich und Aargau.» Bühlmann sass für die SVP im Gemeinderat Emmen, war danach Luzerner Regierungsrat. Der Jurist zeigt uns sein Elternhaus, einst eine Apotheke, heute ein türkisches Café: «Mein Grossvater würde sich im Grab umdrehen.» Aber Bühlmann weiss auch: Das ist aktuelle Schweizer Geschichte, nicht Kapellbrücke oder Löwendenkmal von Luzern. Und er räumt ein, wie andere «Alt-Emmer» im Club M4, dass Emmen einen beträchtlichen Teil der konzeptlosen Entwicklung selber verantwortet: «Den Wechsel von der Industrie- zur Dienstleistungsepoche hat man verschlafen.» Dazu hat das neue Einkaufszentrum die zum Flanieren einladende Gerliswilstrasse erschlagen. Ein Zentrum sucht man seither. Am Seetalplatz werden 190 Millionen investiert dafür. Man setzt, sagt Bühlmann, auf eine Neo-Urbanisierung mit Chic, «ähnlich wie in Züri-West». Bis dahin scheinen sich Alt-Emmer zu verschanzen in britischem Flair.

Ein «Neu-Emmer» ist Vahid Gjuraj (27). Der verbindlich auftretende, redegewandte Versicherungsagent und ehemalige Fussball-Profi will mit einem Kollegen, Dritan Sylejmani, dort einen Kosovo-FC gründen, wo für ihn Emmen am schönsten ist: auf den Sportplätzen. Sein FC sei allen offen. Gjuraj ging ebenso umsichtig wie korrekt vor – und erhielt die Bestätigung für den Club. Plötzlich aber rückte die Emmer Behörde wieder ab davon und handelte sich – mindestens ungeschickt – ein Problem ein. «Jetzt wirds leider politisch», sagt Gjuraj, «aber ich lasse mich nicht biegen. Wir leben Gott sei Dank in der Schweiz, in einem Rechtsstaat.»

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