Migration

In dieser Aargauer Schule sind Ausländer fast unter sich

Thapusija, Helena und Shadi sehen keine Probleme darin, dass in ihrer Sekundarklasse an der Schule Neuenhof fast nur Ausländer sind. «Die Nationalität spielt doch keine Rolle», sagen sie.

Thapusija, Helena und Shadi sehen keine Probleme darin, dass in ihrer Sekundarklasse an der Schule Neuenhof fast nur Ausländer sind. «Die Nationalität spielt doch keine Rolle», sagen sie.

Der Anteil ausländischer Schüler in der Schweiz erreicht ein Rekordhoch. Viele haben Schwierigkeiten. Doch die Multi-kulti-Klassen haben nicht nur Nachteile. Ein Besuch in einer Klasse in Neuenhof, in der vier von fünf Schülern nicht von hier kommen.

Die japanische Glückskatze, die mit der goldenen Pfote winkt, der asiatische Bambus, der der Sonne entgegen wächst, der Schweizer Schoggichäfer, dem im geheizten Raum der Schmelztod droht: Das Lehrerpult von Maren Gauch ist so international bestückt wie die 3.-Sek-Klasse, die in ihrem Neuenhofer Schulzimmer in iPads und Schreibhefte vertieft dasitzt. 20 Schülerinnen und Schüler drücken hier die Schulbank, drei haben einen Schweizer Pass, 17 sind Ausländer.

Damit liegt Gauchs Klasse deutlich über dem Schweizer Durchschnitt. Laut dem Bundesamt für Statistik hat jeder vierte Oberstufenschüler hierzulande keinen Schweizer Pass, Tendenz steigend. In Neuenhof aber ist Gauchs Klasse alles andere als aussergewöhnlich. Rund drei Viertel der 750 Primar- und Oberstufenschüler haben einen Migrationshintergrund.

Einen Grund zur Sorge sieht Lehrerin Gauch darin keinen, im Gegenteil. Als sie kürzlich in einem Kommentar in dieser Zeitung las, dass Integration in der Schule nicht mehr funktioniere, wenn im Schulzimmer mehr als die Hälfte der Kinder aus fremden Kulturen kämen, griff sie in die Tasten und schrieb an die Redaktion, man solle sich doch bitte selber mal ein Bild machen. Alle seien «bestens integriert», der Schulalltag laufe «weitestgehend friedlich». «Wir», schrieb Maren Gauch, «sind die Schweiz!»

Ausländer hinken hinterher

Dass der Schule Neuenhof die Integration gelingt, mag stimmen. Doch der hohe Anteil fremdsprachiger Jugendlicher in Schweizer Schulzimmern verursacht vielerorts Probleme. Das zeigt eine neue Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Die Organisation hat die Ergebnisse der jüngsten PISA-Erhebung ausgewertet und kommt zum Schluss: Schüler mit Migrationshintergrund – laut OECD jene Schüler, die entweder im Ausland geboren worden sind oder mindestens einen Elternteil haben, der im Ausland zur Welt kam – hinken ihren Gspänli mit Schweizer Pass schulisch hinterher.

Nur 58 Prozent von ihnen demonstrierten in der PISA-Studie 2015 grundlegende Kenntnisse in allen drei Testgebieten Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Zwei von fünf Jugendlichen mit Migrationshintergrund verpassten dieses Ziel.

Bei Schweizer Jugendlichen war es nur einer von fünf. Die OECD-Studie zeigt zudem, dass knapp die Hälfte der Migrantenkinder sich in der Schule nicht richtig integriert fühlen.

Diesen Befund findet Andreas Schleicher, der Erfinder der Pisa-Studie, besorgniserregend. Im Neuenhofer Klassenzimmer aber sieht man das anders. Der Brasilianer Rodrigo (15) blickt kurz von seinem Laptop auf und sagt: «Natürlich gibt es Leute mit Sprachproblemen in der Klasse. Das gibt uns die Chance, ihnen zu helfen. Was ist daran schlecht?»

Neben ihm sitzt die Schweizerin Natascha (15) und meint: «Ich lerne jeden Tag etwas Neues hinzu. Wenn jemand sagt, Integration funktioniere hier nicht, dann verstehe ich ihn nicht.» Und die aus Sri Lanka stammende Thapusija (16) sagt: «Es ist doch egal, wo wir geboren worden sind, solange wir die Regeln hier akzeptieren.»

Aber zugegeben, ab und zu sprächen sie und ihre Kollegin aus der Dominikanischen Republik Englisch miteinander, obwohl sie das nicht dürfen. «Deutsch», rufe ihnen Maren Gauch dann zu.

Die automatische Integration

Gauch lehnt am Fenstersims, neben ihr steht Schulleiter Simon Wullschleger. Im Flüsterton versuchen die beiden, die Vorurteile gegenüber Schulklassen mit hohem Migrationsanteil zu entkräften, während Thapusija und ihre Gspänli weiter an ihren Projekten arbeiten.

«Die schulischen und sozialen Probleme der Jugendlichen haben nichts mit der Herkunft zu tun», sagt Wullschleger. «Entscheidend für den Erfolg ist eher die Frage, ob die Kinder durch Sprachförderung oder ein interessiertes Elternhaus unterstützt werden.»

Gauch pflichtet dem bei. Es könne zwar vorkommen, dass bestimmte Familien nicht verstünden, wieso ihre Tochter an die Bezirksschule gehen soll oder wieso es wichtig ist, dass ihr Sohn eine Lehre abschliesst. «Oft liegt das aber schlicht daran, dass die Eltern unser Bildungssystem zu wenig gut kennen. In diesen Fällen arbeiten wir mit kulturellen Vermittlern zusammen», erklärt Gauch.

Dass sich das teilweise Unverständnis der ausländischen Eltern über die Vorgänge an der Schule auf die Kinder und ihre Integrationsfähigkeit selbst übertrage, bestreitet Schulleiter Wullschleger. «Das Zusammensein der verschiedenen Kulturen führt automatisch zur Integration», sagt er. «Wir haben aufgrund des höheren Migrationsanteils nicht mehr Probleme als andere Schulen.»

Auch für die in der OECD-Studie aufgestellte Behauptung, Schüler mit Migrationshintergrund seien tendenziell unmotiviert, sieht Wullschleger an seiner Schule keinen Beleg. «Die Jugendlichen kommen sehr gerne zur Schule. Wenn wir sie als Strafmassnahme tageweise vom Schulbesuch ausschliessen, ist das für viele das Schlimmste, weil sie dann aus ihrem gesamten sozialen Umfeld ausgeschlossen sind.»

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Das soziale Umfeld ist das eine, die schulische Karriere das andere. Wer aktuelle Zahlen zum Ausländeranteil an Mittelschulen (Kantonsschulen, Berufsmittelschulen oder Fachmittelschulen) zur Hand nimmt, sieht schnell, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund weit weniger häufig nach einer höheren Bildung streben, als ihre Schweizer Kolleginnen und Kollegen.

Im Kanton Aargau hatten im Schuljahr 2016/2017 gerade mal 14,3 Prozent der 5589 Mittelschüler einen Migrationshintergrund. Zieht man Deutsche und Österreicher ab, die gegenüber Schweizern keinen sprachlichen Nachteil haben, dann bleiben noch 9,7 Prozent ausländische Mittelschüler.

Dieser Befund bestätigt sich sowohl in ländlichen Gegenden (im Kanton Baselland etwa sind 10,3 Prozent der Mittelschüler Ausländer, die nicht von Haus aus Deutsch sprechen) als auch in städtischen Zentren (in der Stadt Zürich sind es gerade mal 7 Prozent der Mittelschüler).

Die Stadt Zürich versucht seit nunmehr zehn Jahren, finanziell benachteiligten Jugendlichen mit Migrationshintergrund den Übertritt ans Gymnasium mit dem Projekt «Chancengerechtigkeit durch Arbeit an der Lernlaufbahn» (Chagall) zu erleichtern. Die Stiftung «Chagall Initiative Fonds» will ähnliche Projekte auch an anderen Schulen vorantreiben.

Schweizer: Was heisst das schon?

Bis nach Neuenhof hat es das Projekt noch nicht geschafft. An einer der grössten Schule des Aargaus setzt man für den schulischen Fortschritt auf pädagogisch hippe «Lernlandschaften», in denen die Schüler selbstständig an Projekten arbeiten – und auf ein gutes Klima in den Schulzimmern.

Darum ist auch Géraldine Eliasson bemüht. In ihrer Oberstufenklasse sitzen ausschliesslich Jugendliche mit Migrationshintergrund. Schweizerin oder Schweizer ist hier keiner. «Wir leben Multikulturalität. Das funktioniert bestens», sagt Eliasson. Sie glaubt daran, dass die integrative Kraft von Multikultiklassen wie der ihren über die Schule hinausstrahlen könne.

«Kinder aus verschiedenen Balkan-Ländern mit teils schwieriger Vergangenheit lernen hier friedlich miteinander. Das ist ein riesiges Geschenk.» Dass irgendjemand durch den hohen Ausländeranteil an der Schule ausgebremst werde, streitet sie ab. Einen Einfluss auf die Lernfähigkeit der Jugendlichen habe der Ausländeranteil nicht. «Sie wollen lernen, ganz egal, woher sie kommen.»

Zuhinterst im Zimmer sitzt Lorenzo (16) aus Italien. Integration? Ja, klappt. Und Probleme wegen all der Kulturen und Nationen, die hier aufeinandertreffen? «Nein, sehe ich nicht», sagt Lorenzo. Dass keiner Schweizer sei, stimme auch nur äusserlich. «Ich kenne ja Italien, und ich kenne jetzt die Schweiz. Da gibt es grosse Unterschiede. Und glauben Sie mir: Ich fühle mich viel besser hier in der Schweiz.»

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