Zwei Wochenenden, drei Delegiertenversammlungen, eine Funktion: In der Schweizer Politik wird heute und am kommenden Samstag gleich mehrfach ein neues Kapitel aufgeschlagen. Alle drei Präsidenten der bürgerli-chen Bundesratsparteien treten zurück: Toni Brunner bei der SVP, Philipp Müller bei der FDP und Christophe Darbellay bei der CVP. Damit gehen auch drei Ären zu Ende – von Parteipräsidenten, die sich persönlich zwar freundschaftlich begegneten, inhaltlich aber selten einig waren. Wenn sie es, wie im Fall des bürgerlichen Schulterschlusses im Vorfeld der letztjährigen Wahlen, mal vorgaben, zerbrach die Allianz rasch wieder.

Passiert kein Wunder – und Wunder passieren selten –, verspricht die Ernennung ihrer Nachfolger an den jeweiligen Delegiertenversammlungen zur langweiligen Angelegenheit zu werden. Längst ist klar, wer auf den Schild gehoben wird: Die Schwyzer FDP-Nationalrätin Petra Gössi, der Zuger CVP-Nationalrat Gerhard Pfister und der Berner SVP-Nationalrat Albert Rösti. Sie werden sich in den kommenden Monaten mit ihren Vorgängern messen müssen. Doch wer sind eigentlich die Vor-Vorgänger? Die «Nordwestschweiz» pickt die schillernsten Ex-Parteipräsidenten heraus.

Gottlieb Duttweiler, LDU, 1936 - 1947

Gottlieb Duttweiler

Gottlieb Duttweiler

Das Vermächtnis weniger Schweizer Persönlichkeiten bleibt bis heute so präsent wie jenes von Gottlieb Duttweiler. Den meisten ist er als Migros-Gründer in Erinnerung. Der Stadtzürcher war aber auch auf der politischen Bühne überaus aktiv. Nachdem er zuvor bereits in den Nationalrat gewählt worden war, gründete er aus Verdrossenheit gegenüber den anderen Parteien 1936 den Landesring der Unabhängigen (LdU) und präsidierte diesen während über zehn Jahren. In die Geschichte ging auch ein Eklat im Bundeshaus ein: Aus Protest gegen ein verschlepptes Ratsgeschäft zertrümmerte «Dutti» mit zwei Steinen von innen her eine Fensterscheibe.

Walther Bringolf, SP, 1952 - 1962

Walther Bringolf

Walther Bringolf

Heute gelten Bundesparlamentarier spätestens ab einer Amtsdauer von zwei Jahrzehnten als «politische Dinosaurier». Was wäre dann Walther Bringolf erst? Der Schaffhauser amtete zwischen 1925 und 1971 – also fast ein halbes Jahrhundert! – ohne Unterbruch als Nationalrat. Von 1952 bis 1962 stand er der SP als Präsident vor. Doch die Sozialdemokratie war keineswegs immer seine politische Heimat: 1921 war er Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei, wurde später aber ausgeschlossen. Seiner Popularität tat dies keinen Abbruch. Doch als er 1959 in den Bundesrat hätte gewählt werden sollen, wurde ihm bei der bürgerlichen Parlamentsmehrheit dann doch seine Vergangenheit zum Verhängnis.

Nello Celio, FDP, 1960 - 1964

Nello Celio

Nello Celio

Der Leventiner Nello Celio präsidierte die FDP Schweiz bereits bevor er auf nationaler Bühne politisierte – was heute nahezu undenkbar ist. 1966 wurde er in den Bundesrat gewählt und war in der Bevölkerung auf Anhieb der beliebteste des Siebenergremiums. Seine Leutseligkeit ist legendär, er soll jeweils bis in die Nachtstunden Tessiner Volkslieder angestimmt haben. Der «Landesvater» war aber auch ein umsichtiger Finanzpolitiker, der in Zeiten der Hochkonjunktur erfolgreich Massnahmen gegen die ökonomische Überhitzung ergriff. Als er 1972 zurücktreten wollte, startete ein Parteikollege spontan eine Bürger-petition, die über 20 000 Leute unterschrieben – was Celio tatsächlich dazu bewog, ein Jahr länger im Amt zu bleiben.

Helmut Hubacher, SP, 1975 - 1990

Helmut Hubacher

Helmut Hubacher

Gestern ist er 90 Jahre alt geworden – und noch immer mischt sich der «Doyen»
der SP ins politische Geschehen ein. Soeben kriegte der aktuelle SP-Präsident Christian Levrat sein Fett ab. «Hubi» kritisierte ihn in der «Basler Zeitung» für die letztjährige Wahlkampagne. Das passt zum beliebten Eisenbähnler und Gewerkschafter: Er nahm zeitlebens nie ein Blatt vor den Mund und prägte damit die Sozialdemokratie wie wenige vor und nach ihm. Besonders in Erinnerung bleiben Hubachers Forderung zum Austritt aus dem Bundesrat, die stetes harsche Kritik am Verteidigungsdepartement sowie an SVP-Übervater Christoph Blocher. Nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative schrieb er gar ein Buch über seinen historischen Gegenspieler.

Adolf Ogi, SVP, 1984 - 1987

Adolf Ogi

Adolf Ogi

 

In der Reihe der beliebten Magistraten mit Parteipräsidenten-Vergangenheit steht Adolf Ogi ganz vorne mit dabei. Als er der SVP vorstand, war diese noch nicht die tonangebende Kraft. Richtig aufblühen konnte er nach seiner Wahl in den Bundesrat 1987: Als hemdsärmliger Vorsteher des Verkehrs- und später des Verteidigungsdepartements gleiste er das Jahrhundertprojekt «NEAT» und das Transitabkommen mit der EU auf. Musste gleichzeitig aber bei der Alpen-Initiative eine bittere Niederlage einstecken – damals wurden Volksbegehren an der Urne in aller Regel noch deutlich abgeschmettert. Ogis Ausspruch «Freude herrscht», mit dem er den Astronauten Claude Nicollier im All begrüsste, wird den sportbegeisterten Kandersteger dereinst überdauern.

Eva Segmüller, CVP, 1987 - 1992

Eva Segmüller

Eva Segmüller

 

Würde es nur um den historischen Fussabdruck der alt Parteipräsidenten gehen, die ehemalige CVP-Chefin Eva Segmüller würde vermutlich nicht in dieser Auflistung figurieren – zu bescheiden ist ihr politisches Vermächtnis. Und dennoch hat die St. Gallerin Historisches geleistet: Sie war die erste Frau an der Spitze einer Bundesratspartei und engagierte sich in dieser Zeit insbesondere für die Familien-, Gesundheits- und Aussenpolitik. In einer Partei, in der schon damals Richtungskämpfe grassierten, hatte sie erst recht einen schweren Stand: «Ein Nachteil war, dass ich als Mutter und Hausfrau nicht in gleichem Masse vernetzt war wie die Männer in Beruf und Militär», sagte sie rückblickend der «Thurgauer Zeitung».

Franz Steinegger, FDP, 1989 - 2001

Franz Steinegger

Franz Steinegger

 

Wer kennt ihn nicht, den «Katastrophen-Franz» mit dem unüberhörbaren Urner Akzent. Er erwarb sich den Übernamen, weil er mehrfach – und erfolgreich – zur Stelle war, wenn es irgendwo «brannte». So 1977 und 1987, als Unwetter seinen Heimatkanton heimsuchten. Oder 1999, als der Bundesrat ihn beauftragte, die vor dem Scheitern stehende «Expo 02» zu retten. Dabei wäre der begeisterte Berggänger selbst gerne zu höchsten Polit-Weihen gekommen: 1989 beim Rücktritt von Elisabeth Kopp und 2003 bei jenem von Kaspar Villiger war der langjährige FDP-Präsident Steinegger jeweils aussichtsreicher Bundesrats-Kandidat, doch es hat nie sollen sein. Er schied in der Folge aus der Politik aus, amtet aber bis heute noch in zahlreichen Funktionen.

Peter Bodenmann, SP, 1990 - 1997

Peter Bodenmann

Peter Bodenmann

Man glaubt es kaum: Seit 1999 hat Peter Bodenmann kein politisches Amt mehr inne – und doch ist er in der Öffentlichkeit fast so präsent wie eh und je. Das hat der Walliser vor allem seiner spitzen Feder zu verdanken. Damit ruft sich das «Orakel von Brig» über verschiedene Publikationen regelmässig Freund und Feind in Erinnerung. Besonders hart ins Gericht geht der Hotelier mit der Nationalbank, seit die-se den Euro-Mindestkurs aufhob und damit der Tourismusindustrie einen schweren Genickschlag versetzte. Während seiner langjährigen Amtszeit als SP-Präsident konnte sich Bodenmann stets auf die treuen Dienste seines Generalsekretärs André Daguet verlassen – das «Dreamteam» galt als Architekt des letzten SP-Wahlerfolgs anno 1995.

Carlo Schmid, CVP, 1992 - 1994

Wer in so jungen Jahren – mit 30 Ständerat, mit 34 Landammann – schon zentrale politische Ämter innehat, der muss auch im überschaubaren Kanton Appenzell Innerrhoden ein «animal politique» sein. Kein Wunder nannte man Carlo Schmid im Ständerat, dem Altherrenklub, zuerst «jüngster Greis». Er blieb stolze 27 Jahre Mitglied der kleinen Kammer und gehörte innerhalb der CVP stets zu den Taktgebern. Nicht immer sang er jedoch im Chor mit – und manchmal wechselte er auch mitten im Lied die Tonart. So kämpfte er zuerst gegen einen UNO-Beitritt der Schweiz, befürwortete ihn Jahre später aber. Gegen Ende seiner Karriere machten dem wortgewaltigen CVP-Urgestein Mauschelei-Vorwürfe zu schaffen, die er jedoch zurückwies.

Verena Diener, Grüne, 1992 - 1995

Verena Diener

Verena Diener

Sie war – zusammen mit Präsident Martin Bäumle – das Aushängeschild der noch jungen Grünliberalen Partei (GLP). Dabei geht fast vergessen, dass Verena Diener (wie Bäumle) den Grossteil ihrer politischen Karriere bei den Grünen absolvierte. Ab 1992 stand sie ihnen sogar drei Jahre als Präsidentin vor. Nach zahlreichen Meinungsverschiedenheiten trat sie 2004 jedoch aus der Partei aus und gehörte zu den Mitgründern der GLP. Obwohl sie bereits zuvor auf nationaler Ebene politisierte, war es ihr im Ständerat, dem sie 2007 bis 2015 angehörte, am wohlsten. Dabei tat sie sich in der Raumplanung und der Energiepolitik hervor und zog den Zorn der SVP auf sich, als sie sich erfolgreich für eine moderate Umsetzung der Ausschaffungsinitiative einsetzte.

Ueli Maurer, SVP, 1996 - 2008

Ueli Maurer

Ueli Maurer

 

Er dürfte hierzulande einer der meistunterschätzten Politiker der jüngeren Geschichte sein. Die halbe Schweiz lachte, als Viktor Giacobbo ihn in den Neunzigerjahren als Schosshund von Christoph Blocher veräppelte. Ueli Maurer liess sich davon nicht beirren und führte die SVP als langjähriger Präsident zur stärksten Partei im Land. Als nächster Karriereschnitt wurde
er 2008 in den Bundesrat gewählt, wo er als Verteidigungsminister nicht nur glückhaft agierte – die verlorene Gripen-Abstimmung und das aktuelle Bodluv-Fiasko lassen grüssen. So ist sein Schritt ins Finanzministerium auch eine Flucht nach vorne, die sich aber bislang auszahlt. Er hat merklich mehr «Luscht» an seinem Amt als zuvor und kriegt gar von politischen Gegnern Lob.

Ursula Koch, SP, 1997 - 2000

Ursula Koch

Ursula Koch

 

Ursula Koch ist sozusagen das Gegenbeispiel von Peter Bodenmann: Auch sie bekleidet seit über 15 Jahren kein politisches Amt mehr, doch um sie ist es seither totenstill geworden. Sie gibt seither weder Interviews noch schreibt sie Kolumnen – die ehemalige SP-Präsidentin hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Dabei war die streitbare Feministin während ihrer Aktivzeit nie um eine Wortmeldung verlegen, ihr Ausspruch «Zürich ist gebaut» während ihrer Zeit als Stadträtin ging gar in die Annalen ein. Und auch während ihrer Zeit als SP-Präsidentin ging sie keinem Konflikt aus dem Weg, schaffte sich damit aber parteinterne Feinde. Das kostete sie 2000 schliesslich das Amt.

Christiane Brunner, SP, 2000 - 2004

Christiane Brunner

Christiane Brunner

Christiane Brunner war ab Ende der 1980er-Jahre eine der profiliertesten Persönlichkeiten
der SP. Kein Wunder nominierte sie die Partei 1993 für die Bundesrats-Ersatzwahl. Was dann passierte, ging in die Geschichte ein: Das Parlament verweigerte der SP den lange ersehnten Frauensitz und wählte stattdessen Francis Matthey in die Regierung – Brunner war der Mehrheit zu kämpferisch. Unter dem Druck seiner Partei verzichtete der Neuenburger Staatsrat schliesslich auf das Amt, was Ruth Dreifuss den Weg ebnete. Für Brunner war der Zug damit abgefahren. Gleichzeitig erhielt dank ihr die Frauenbewegung nach Jahren der Lethargie wieder Aufschub («Brunner-Effekt»). Nach insgesamt 16 Jahren in National- und Ständerat zog sich die Genferin 2007 aus der Politik zurück.

Rolf Schweiger, FDP, 2004 - 2004

Rolf Schweiger

Rolf Schweiger

 Es war die kürzeste Amtsdauer eines Schweizer Parteipräsidenten in der jüngeren Geschichte – und eine, die mit einem Knall zu Ende ging. Er leide unter einem akuten «Burnout», vermeldete Rolf Schweiger Ende 2004, kein halbes Jahr, nachdem zum Präsidenten der FDP gewählt worden war. Die Überraschung war perfekt, eiligst musste die Partei einen Nachfolger suchen. Nach zweimonatiger Abwesenheit kehrte der Zuger zwar in den Ständerat zurück, bündelte seine Kräfte jedoch. 2011 hatte der Steuer- und Wirtschaftspolitiker ganz genug von
der Politik, eine zunehmend «irrational argumentierende Grundstimmung» mache es immer schwerer, sich Gehör zu verschaffen. Seither widmet er sich wieder seiner Anwaltskanzlei.

Doris Leuthard, CVP, 2004 - 2006

Doris Leuthard

Doris Leuthard

Im politischen Leben von Doris Leuthard ging immer schon alles ziemlich rasant: Jung wurde sie Nationalrätin, nur gerade zwei Jahre stand sie der CVP als Präsidentin vor, bevor sie vor bald zehn Jahren in den Bundesrat gewählt wurde – und schnell wurde sie gemäss Umfragen zur beliebtesten Magistratin. Die sendungsbewusste Aargauerin stand bis 2010 dem Volkswirtschaftsdepartement vor, danach schnappte sie sich das zentrale Verkehrs- und Energiedepartement (UVEK). Allgemein wird erwartet, dass die amtsälteste Bundesrätin nach ihrem Präsidialjahr 2017 zurücktritt.