Einst war sie Diakonin. Studierte an einer kirchlichen Fachhochschule für Diakonie und Religionspädagogik. Heute betreibt die evangelische Seelsorgerin in der Schweiz einen Rotlicht-Betrieb. Gutausgebildete Puff-Betreiberinnen und -betreiber sind in der Schweiz keine Ausnahmeerscheinung: Jede vierte Frau, die ein solches Etablissement führt, hat das Gymnasium besucht. Gar jede achte die Uni. Bei den Puff-Chefs verfügt jeder siebte über einen akademischen Abschluss. Der bekannteste ist der Jurist Ingo Heidbrink, der unter anderen den Saunaclub «Globe» in Schwerzenbach ZH besitzt.

Die Studie

Die Angaben über den beruflichen Hintergrund von Salon-Betreibern und -Betreiberinnen finden sich in der soeben veröffentlichten Studie der Kriminologen Lorenz Biberstein und Martin Killias, die sie im Auftrag des Bundesamtes für Polizei (fedpol) erstellt haben. Sie untersuchten «Ausmass und Struktur des Sexarbeitsmarkts in der Schweiz». Die Autoren versandten an 543 Rotlicht-Betriebe einen detaillierten Fragebogen. 99 haben ihn beantwortet. Es ist die umfassendste Studie über das Rotlicht-Business.

Die Betriebe

Polizeilich registriert sind 1879 Milieu-Betriebe. Das Internetregister der Branche, lustmap.ch, führt 1055 auf. Die Differenzen sind darum so gross, weil viele, vor allem kleinere Etablissements, relativ schnell nach ihrer Eröffnung wieder eingehen. Fanden sie mal Eingang in ein Register, verbleiben sie meist auch dort. Identifizieren konnten die Studienautoren Lorenz Biberstein und Martin Killias 902 Salons, Saunaclubs, Kontaktbars oder Escortservices. In 331 arbeiten mehr als 3 Frauen, in 436 weniger als 3. 135 Betriebe machten dazu keine Angaben. Effektiv kontaktiert werden konnten, wie gesagt, 543.

Am meisten Bordelle gibt es in den Kantonen Basel-Stadt und Zürich. An vierter Stelle liegt der Kanton Aargau mit 90 und an siebter Stelle der Kanton Solothurn mit 55. Mehr als die Hälfte werden von Frauen geführt. Gar drei Viertel sind es bei Kleinbetrieben. Hingegen werden Grossbordelle mehrheitlich von Männern beherrscht. Sieben von zehn Chefs oder Chefinnen sind mehr als 40 Jahre alt.  

Die Zahlen zum Geschäft Sex.

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Die Stripclubs

Cabarets oder Nightclubs haben heute wirtschaftlich einen schweren Stand. Mitte der 90er-Jahre gab es rund 450. Nun sind es noch 130. Der Hauptgrund für den Einbruch ist die 1992 erfolgte Revision des Sexualstrafrechts. Zuvor waren bordellähnliche Betrieb verboten. Danach investierten clevere Geschäftemacher in lukrative Grossbordelle. Eingebaut haben sie diese in Industrieliegenschaften oder nicht mehr rentablen Fitnesszentren. Dutzende von Frauen bieten hier ihre Dienste an. Möglich machte dies auch die Personenfreizügigkeit mit der EU. Sie führte dazu, dass seit 2002 Frauen aus West- und seit 2006 auch aus Osteuropa legal in der Schweiz anschaffen dürfen. Die Konkurrenz dieser «Lusttempel» machte Stripclubs den Garaus, wo Freier erst viel Geld für Champagner ausgeben müssen, bis es zur Sache geht.

Die Sexworkerinnen

Gestützt auf die Angaben des Branchenregisters im Internet haben die Studienautoren errechnet, dass die Rotlicht-Betriebe täglich rund 4700 Sexarbeiterinnen beschäftigen. Davon befinden sich 1452 im Kanton Zürich. Allerdings werde ein solcher Arbeitsplatz oft von mehreren Frauen pro Jahr belegt. Nur jede siebte Sexarbeiterin hat einen Schweizer Pass. Rund 37 Prozent aller anderen Prostituierten stammen aus Rumänien, Ungarin und Deutschland.

Für die Auskunft gebenden Puff-Betreiber ist es offenbar kein Problem, Frauen zu rekrutieren. Kleinbetriebe erhalten wöchentlich bis zu fünf Bewerbungen. Bei den Grossbetrieben sind es bis zu zehn. Im Milieu tätig sein wollen mehr als die Hälfte der Frauen, weil sie damit ihre Lebensumstände verbessern sowie schneller und obendrein mehr Geld verdienen können als mit einem anderen Job.

Die meisten Frauen erfahren von anderen Prostituierten, wo sie anschaffen können. Ein Fünftel der Kontaktaufnahmen zu Bordellen geschieht über Internetwerbung oder Inserate. Sehr selten versuchen spezialisierte Vermittler oder Familienangehörige einen Kontakt anzubahnen. Daher kommen die Studienautoren zum Schluss: «Die hohe Zahl der Bewerbungen spricht nicht dafür, dass die Sexarbeiterinnen durch viel Druck oder Täuschung dazu gebracht werden müssen, in diesem Sektor zu arbeiten.» Zwangssituationen seien in erster Linie Frauen ausgesetzt aus Ländern, die nicht legal in der Schweiz arbeiten dürfen. Sie stammen meist aus Afrika.

Die Zahl der für Escort-Services tätigen Prostituierten schätzen die Autoren auf 250. Stripclubs beschäftigen rund 800 Tänzerinnen mit einer sogenannten L-Bewilligung. Sie dürfen während acht Monaten arbeiten. Auf der Strasse schaffen 250 Frauen an. Einen Strassenstrich gibt es in neun Kantonen, darunter einen in Olten SO sowie weitere in den Städten Basel und Zürich. Deren Anteil am gesamten Sexarbeitsmarkt beläuft sich auf lediglich fünf Prozent. Die auf der Strasse anschaffenden Frauen sind weit mehr Gewalt ausgeliefert als «Indoor»-Sexarbeiterinnen – sei es durch Zuhälter oder durch Freier.

Total gebe es in der Schweiz rund 6000 Arbeitsplätze für Sexarbeiterinnen in der Schweiz, schreiben die Studienautoren. Insgesamt könnten in der Schweiz in den rund 900 «Indoor»-Betrieben alljährlich bis zu 16'000 Prostituierte anschaffen, da sich im Schnitt vier einen Arbeitsplatz teilen.

Die Freier

Gemäss den Befragungen suchen täglich zwischen 6200 und 18'700 Männer die Rotlicht-Etablissements auf. Diese Zahlen beruhen auf zwei Hochrechnungen: Eine auf der Basis der 543 angeschriebenen Bordelle, eines auf der Basis der 1000 im Internetregister verzeichneten Betrieben. Jährlich dürften diese Etablissements also 2,2 bis 6,7 Millionen Kunden bedienen.

Die Studienautoren schätzen, dass rund 125 000 Männer regelmässig ein Rotlicht-Betrieb frequentieren. Das sind 5 Prozent aller Männer im Alter zwischen 20 und 64 Jahren. Rund die Hälfte dürften im Alter zwischen 40 und 60 Jahren sein. Jünger als 20 sind 2,6 Prozent, älter als 60 weitere 3,5 Prozent.

Die Preise

In den Siebzigerjahren galt: Sex kostet mindestens 100 Franken. Diese Grenze ist längst gefallen: Heute zahlen Freier für 15 Minuten Sex meist weniger. Mehr als 200 Franken kosten Dienste ab 30 Minuten bis eine Stunde. Gutverdienende Prostituierte erzielen in der Regel ein Netto-Tageseinkommen von bis zu 1000 Franken. Es gibt aber auch viele, die weniger als 200 Franken einnehmen. Im Schnitt verdiene eine Prostituierte ein Brutto-Jahreseinkommen von 125'000 Franken. Der Nettoverdienst ist erheblich tiefer: Ein Teil der Erträge geht an die Bordelliers. Dazu kommen Ausgaben für die An- und Abreise sowie die Unterkunft zum Übernachten.

Der Umsatz

Seit 2012 fliessen die Umsätze des Rotlicht-Milieus auch in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ein. Rund 3 Milliarden Franken tragen die Umsätze der Sexworkerinnen gemäss Bundesamt für Statistik zum Bruttoinlandsprodukt bei. Das ist gemäss der Studienautoren viel zu hoch. Aufgrund ihrer Hochrechnungen auf der Basis der täglichen Puff-Kunden kommen sie auf 0,5 bis 1 Milliarde Franken. Dazu kommen die Erträge der Frauen, die auf der Strasse arbeiten, sowie der Stripperinnen. Letztere prostituieren sich meist auch. Vom kargen Lohn, den ihnen Cabaret-Betreiber bezahlen, können sie nicht leben. Diese 1000 Frauen dürften weitere 110 Millionen Franken einnehmen.

Die Hälfte der Kleinbetriebe erwirtschaftet einen Gewinn von bis zu 5000 Franken im Monat. Das erreicht auch ein Viertel der Grossbetriebe. Jeder Fünfte kommt auf bis zu 10'000 Franken. Den grössten Reibach machen meist Saunaclubs, in denen Dutzende von Frauen anschaffen. Freier zahlen hier meist einen Eintritt im Schnitt von etwas über 100 Franken. Dazu kommt der Umsatz im Gastronomiebereich — beispielsweise mit alkoholischen Getränken. Hier lassen sich die Kunden eben stundenlang rundum bedienen. Auch in der Sauna oder im Pornokino.