Giuseppe Gracia

«In der Nacht war ich Laras Sklave. Sie fesselte mich ans Bett.»

Prosa à la Giuseppe Gracia: «In der Nacht war ich Laras Sklave. Sie fesselte mich ans Bett.»

Prosa à la Giuseppe Gracia: «In der Nacht war ich Laras Sklave. Sie fesselte mich ans Bett.»

Giuseppe Gracia bewegte sich in seiner Jugend in einer Clique von St.Galler Teilzeitbeschäftigten, Stromern, Studenten, Beizendebattierern. Darüber schrieb er ein Buch. Ein Blick in den ersten Roman des bischöflichen Sprechers im Bistum Chur.

Die Wege des Herrn sind verschlungen. Wüsste man zum Voraus, was sich später tut – vielleicht wäre man dann eher auf der Hut. Davon können alle Facebook-Enthusiasten ein Trauerlied singen. Scham ist vielfältig und bei weitem nicht nur moralisch begründet. Früh riskiert man mal gern eine Lippe, später hütet man eher die Zunge.

Giuseppe Gracia (43) bewegte sich in seiner Jugend in einer Clique von St.Galler Teilzeitbeschäftigten, Stromern, Studenten, Beizendebattierern. Darüber schrieb er einen Roman mit dem Titel «Riss». Heute ist Gracia, Sohn eines Sizilianers und einer Spanierin, neuer Beauftragter für Kommunikation im unruhigen Bistum Chur (angestellt in einem 70-Prozent-Pensum) und sitzt als solcher auch im Bischofsrat.

Gracia ist eidgenössisch diplomierter Public-Relations-Berater und Schriftsteller. Er veröffentlichte Bücher bei Nagel&Kimche und beim Ammann-Verlag. Gegenwärtig arbeitet er offenbar an einem Horrorroman. Dazu studiert er in Luzern Theologie. Seit 2010 berät er zudem Weihbischof Marian Eleganti in «öffentlichkeitsrelevanten Fragen».

«Riss», Gracias Erstling, ist 1995 im St.Galler Verlag Saiten erschienen, der ausdrücklich darauf hinweist, dass es sich hierbei um eine «unzensurierte Ausgabe» handle. Gracia schrieb damals in einem Vorwort: «Es ist immer ein Wahnsinn, ein Buch zu schreiben, aber noch wahnsinniger ist die Intention, es auch zu veröffentlichen.» Der Autor dürfte darum mit gemischten Gefühlen verfolgen, wie Leser mit gemischten Gefühlen sein Frühwerk zur Kenntnis nehmen. «Der Roman geriet ins Gravitationsfeld einiger nahmhafter (sic!) Verlage», schreibt Gracia, «wo er alsdann in meine Schublade zurückdirigiert wurde.» Nicht ausgeschlossen, dass Gracia heute wünschte, das Werk wäre auch in der Schublade geblieben – und das nicht nur wegen «nahmhafter» Orthografiefehler.

Der Roman spielt im erwähnten Cliquen-Milieu; Riss heisst die Hauptfigur – natürlich ist das symbolisch. Ein Riss geht auch durch sein Leben. Er verfasst in Zeiten des Sonnenbadens und der Sonnenfinsternis, des alkoholisierten Müssiggangs und der Arbeitslosigkeit eine Art Tagebuch über seine Clique und deren Partys und Promiskuität. Langsam enthüllt sich ein frühes tödliches Unglück. Am Ende kommt es zwischen zwei Männern, die durch eine äussere und eine innere Wüste gegangen sind, zu einem Tötungsdelikt.

Notiert, er habe nichts zu notieren

Die Prosa des bischöflichen Sprechers Gracia klingt – nicht nur phasenweise – so: «Ata hat eine neue Bumspartnerin, irgendeine Susi, und Ellis hat sich von Mina getrennt. Darüber bin ich froh, sie hat ihm nur geschadet, das kleine Biest.» Oder: «In der Nacht war ich Laras Sklave. Es war intensiver als sonst, sie fesselte mich ans Bett und verband mir die Augen, beherrschte die Rolle der Herrin vorzüglich, hörte mittendrin auf und liess mich öfter als sonst in heissester Hitze frei.» Den Superlativ – «heisseste Hitze» – versucht der Autor später im Buch noch zu steigern, eine Szene, zu der er sogar ein Kind verdonnert, zuzuschauen, die wir uns hier darum ersparen. Das Letzte – «Der Raum dehnt sich, die Öfen explodieren» – soll genügen.

Zwischendurch lässt uns Riss an seinen Mühen teilhaben: «Es entstanden auch gute Sätze, aber es ist mir wieder nicht gelungen, einen Zusammenhang zu finden. Verfluchte Plage, diese Handlungen!» Oder, rührend schlicht: «Wieder zwei Tage vergangen, ich habe nichts Brauchbares geschrieben.» Doch einen brauchbaren Satz haben wir gefunden: «Jenseits des Weihers existiert der See und jenseits des Sees existiert das Meer. Der Gedanke beschäftigte mich.» Ohne «Beschäftigung» wäre das ein schönes Bild geworden zur natürlichen Weiterung der Seele.

Darf man jemandes Fingerübungen wieder hervorzerren? Sprache ist unerbittlich, Arm in Arm mit der Zeit erst recht ein höhnisches Duo. Man hat die frühen schwülstigen Novellen von alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz wieder gelesen. Warum soll man es bei einem bischöflichen Sprecher nicht ebenfalls tun?

Zitieren wir noch eine Stelle von Gracia, die mit Blick auf sein heutiges Amt besonders klingt. Riss schaut sich im Fernsehen eine Diskussionssendung an über Homosexualität: «Es wurde nichts Interessantes gesagt, etwas Neues schon gar nicht; ausser vielleicht, wenn der Priester sprach. Er schien mir der Einzige zu sein, der sich eine klare Stellungnahme leistete. Dafür bewunderte ich ihn, für seine zärtlich hingenommene Schwere, für den Mut, sich an den grossen Gesetzen seines Gottes festzuklammern ohne Augen für die Welt und voll von dieser grandiosen Blindheit.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1