Serie - Wahlen 2011
In den Stammlanden verliert die BDP einen Sitz an die SVP

Graubünden und Glarus: Das sind die beiden BDP-Kantone der Schweiz. In Graubünden stehen spannende Wahlen an – in Glarus dagegen ist die Sache so gut wie gelaufen.

Olivier Berger und Rolf Hösli
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Landwasserviadukt bei Filisur

Landwasserviadukt bei Filisur

Keystone

So haben sich die nationalen Wahlen in Graubünden in den vergangenen Jahren präsentiert: zum Gähnen langweilig. Seit die SP im Jahr 1999 ihren vier Jahre zuvor überraschend eroberten zweiten Sitz an die damalige SVP abtreten musste, hat sich an der Parteienzusammensetzung der fünfköpfigen Bündner Delegation im Nationalrat nichts geändert: die nunmehr zur BDP gewordene Bündner SVP schickt seit zwölf Jahren zwei der Ihren nach Bern, CVP, FDP und SP je ein Nationalratsmitglied. Übertroffen wurde die Monotonie bei den Nationalrats- einzig durch die Ständeratswahlen: Seit 1995 bilden Christoffel Brändli (SVP) und Theo Maissen (CVP) das Bündner Gespann im «Stöckli»; bei den Wahlen siegte jeweils Brändli vor Maissen.

Hansjörg Hassler, BDP Der Wechsel zur BDP war für den gut- mütigen Bergbauern eine spürbare Befreiung. Politische Schwerpunkte: Landwirtschaft und Randregionen.

Hansjörg Hassler, BDP Der Wechsel zur BDP war für den gut- mütigen Bergbauern eine spürbare Befreiung. Politische Schwerpunkte: Landwirtschaft und Randregionen.

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Tarzisius Caviezel, FDP Der ungestüme Präsident des HC Da- vos hat sich in den vier Jahren in Bern als Mitstreiter des aufmüpfigen FDP- Unternehmerflügels etabliert.

Tarzisius Caviezel, FDP Der ungestüme Präsident des HC Da- vos hat sich in den vier Jahren in Bern als Mitstreiter des aufmüpfigen FDP- Unternehmerflügels etabliert.

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Und jetzt dies: Mit der traditionellen Wahl-Lethargie ist es vorbei. Nachdem beide Ständeräte und drei der fünf Nationalratsmitglieder auf eine Kandidatur verzichten – darunter das SP-Urgestein Andrea Hämmerle –, ist das Rennen so offen wie nie zuvor.

Ähnlich und doch verschieden

Auf den ersten Blick ähneln sich Graubünden und Glarus stark. Die beiden Nachbarn werden durch ihre gebirgige Topografie geprägt und sind entsprechend dünn besiedelt: Graubünden mit 27, Glarus immerhin mit 56 Einwohnern pro Quadratkilometer; gesamtschweizerisch leben auf einem Quadratkilometer 188 Menschen. Unterdurchschnittlich ist auch die Arbeitslosenquote in beiden Kantonen: 1,5 Prozent in Graubünden, 2,3 Prozent in Glarus (Schweiz: 2,9 Prozent).

Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass Graubünden wie Glarus zu jenen Kantonen gehören, in welchen die BDP rasch Fuss gefasst hat. In beiden Kantonen ist sie im vergangenen Jahr auf Anhieb zur drittstärksten Partei geworden: in Graubünden hinter FDP und CVP, in Glarus hinter SVP und FDP. In beiden Kantonsparlamenten spielt die SP eine Aussenseiterrolle.

Bei allen Gemeinsamkeiten gibt es aber auch gewichtige Unterschiede: Graubünden ist der flächenmässig grösste Kanton der Schweiz, während Glarus eher im unteren Mittelfeld liegt. Umgekehrt ist Glarus der höchstindustrialisierte Kanton des Landes; Graubünden lebt fast zur Hälfte vom Tourismus. Glarus gehörte 1352 zu den ersten Kantonen der Eidgenossenschaft, Graubünden 1803 zu den Spätberufenen. Und: Glarus hat die Zahl seiner Gemeinden von 29 auf drei gesenkt, während in Graubünden nach wie vor über eine Strukturreform und die Reduktion der fast 180 Kommunen debattiert wird. (obe)

Einzig die Nationalräte Hassler (BDP) und Caviezel (FDP) stellen sich der Wiederwahl; für beide dürfte der neuerliche Einzug in die grosse Kammer reine Formsache sein. Gleiches gilt wohl auch für die Ständeratswahlen: Mit dem früheren Regierungsrat Stefan Engler (CVP) und dem amtierenden Finanzdirektor Martin Schmid (FDP) stellen sich zwei kantonsweit bekannte und weitgehend unbestrittene Politiker zur Verfügung.

Kein Vergleich zur Grossratswahl

Hinter den beiden praktisch gesetzten Bisherigen bei den Nationalratswahlen setzt allerdings das grosse Gerangel um die drei noch zu vergebenden Sitze ein. Unter Druck geraten dürfte – ausgerechnet vor der schwierigen Wiederwahl «ihrer» Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf – die Bündner BDP. Zwar widerstand die Partei dem Ansturm der abgespalteten SVP bei den kantonalen Wahlen im Sommer vergangenen Jahres noch problemlos; damals wurde allerdings nach dem Majorzrecht gewählt, und die BDP stellte die bekannteren Persönlichkeiten.

Bei den Proporzwahlen in den Nationalrat wird sich dies ändern: Die BDP wird aller Wahrscheinlichkeit nach einen ihrer Sitze an die SVP abtreten müssen. Diese bläst denn auch zum Grossangriff: Sie hat nicht weniger als vier Listen eingereicht – neben zwei Hauptlisten je eine der Jungpartei und der SVP International, für welche unter anderen Ex-Skirennfahrer Paul Accola ins Rennen steigt. Die Hauptlisten werden von Kantonalpartei-Präsident Jon Peider Lemm und dem im vergangenen Jahr gescheiterten Regierungskandidaten Heinz Brand angeführt.

Letzterer ist noch für kurze Zeit Chef des kantonalen Migrationsamtes und zugleich Präsident der Vereinigung der kantonalen Migrationsbehörden, ein Vorsitz, der Brand regelmässige Präsenz in den Schweizer Medien garantiert. Die BDP ihrerseits will ihren zweiten Sitz – und damit eine sichere Stimme für Widmer-Schlumpf – mit dem Kantonalpartei-Chef Jon Domenic Parolini verteidigen.

Grüne sind «Quantité négligeable»

Allenfalls eine kleine Prise zusätzlicher Würze in den Wahlkampf bringen Grüne und Grünliberale. Erstere bildeten in Graubünden bislang eine vernachlässigbar schwache Kraft, Letztere treten zum ersten Mal an. Spannend dürfte vor allem die Frage sein, auf welche Seite sich die Grünliberalen schlagen: Ein Entscheid über eine Listenverbindung ist noch nicht gefallen. Mit dem Thema tut sich auch die Mitte schwer. BDP, FDP und CVP diskutieren noch immer, ob sie gemeinsam gegen die SVP-Listenvielzahl antreten sollen.

In Glarus ist fast alles schon vorbei

Während Graubünden also einen heissen Wahlherbst erleben dürfte, ist der Urnengang in Glarus bereits so gut wie gelaufen: Die drei Bisherigen treten alle wieder an und haben derzeit keine Konkurrenz. Ändern können das von den etablierten Parteien noch die Grünen und die SP. Die Bürgerlichen haben sich mit dem Status quo arrangiert. Selbst die in Bern nicht vertretene Glarner CVP und die sonst so angriffslustige SVP lancieren keine Kampfkandidaturen.

This Jenny, Ständerat, SVP Der originellste, erfrischendste Kopf im ganzen Parlament. Beim Kernthe- ma seiner Partei, der Ausländerpolitik, liegt er aber klar auf SVP-Linie.
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Martin Landolt, Nationalrat, BDP In die Schlagzeilen hat es Landolt bis- lang nur darum geschafft, weil er sich von der UBS hat anstellen lassen - als Politlobbyist.
Pankraz Freitag, Ständerat FDP Der frühere Glarner Baudirektor ist primär Energiepolitiker. Und als sol- cher gilt er als einer der zuverlässigsten AKW-Befürworter im Ständerat.

This Jenny, Ständerat, SVP Der originellste, erfrischendste Kopf im ganzen Parlament. Beim Kernthe- ma seiner Partei, der Ausländerpolitik, liegt er aber klar auf SVP-Linie.

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Die Wiederwahl der beiden Ständeräte This Jenny (SVP) und Pankraz Freitag (FDP) sowie des einzigen Nationalrats Martin Landolt (BDP) scheint daher schon fast gegeben. Das linksgrüne Lager hat zwar eigene Kandidaturen angekündigt, doch werden es diese gegen das kaum umstrittene Bisherigen-Trio nicht einfach haben.

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