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In den Städten steigt die Lebensqualität – die Entwicklung hat aber auch Schattenseiten

Zürich dürfte bald wieder den Rekord von 440'000 Einwohnern erreichen.

Zürich dürfte bald wieder den Rekord von 440'000 Einwohnern erreichen.

Kaum nähern sich Zürich und Basel wieder ihrer Einwohnerhöchstzahl, wird schon geschnödet.

Das Wort Dichtestress wurde im Jahr 2014 zum Unwort des Jahres gewählt. Es fiel zuvor oft im Zusammenhang mit der Masseneinwanderungs- beziehungsweise der Ecopop-Initiative. Beide hatten zum Ziel, die Migration mehr oder weniger radikal zu reduzieren. Das Wort tauchte auf Social Media auf, manchmal illustriert mit vollen Bahnhofshallen oder Zugabteilen. Das Gefühl der Enge hatte aber nicht nur mit der Zuwanderung aus dem Ausland zu tun, sondern auch mit einer quasi binnenschweizerischen Entwicklung: der Wanderung aus ländlichem in den städtischen Raum − oder wie es lange Zeit war − vor allem umgekehrt.

Die Sehnsucht nach dem Lande war in der Schweiz nämlich lange grösser als die Anziehungskraft der Städte. Und als sich dies im letzten Jahrzehnt zu ändern begann, wurde es enger. Der Dichtestress war ein Phänomen davon.

Nehmen wir als Beispiel den Kanton Basel-Stadt als typisch städtisch geprägtes Gebiet. Um 1970 hatte er noch mehr als 230'000 Einwohner. Zur Jahrtausendwende waren es nicht einmal mehr 190'000, und die Zahl der Stadtbewohner ging weiter zurück. Erst in den 2010er-Jahren drehte der Trend, und es wanderten fortan wieder mehr Personen in den Stadtkanton ein als aus. Zum Jahresende 2018 knackte Basel wieder die Zweihunderttausender-Grenze. Zum Vergleich: Der ländlich geprägte Kanton Aargau wuchs in der gleichen Periode kontinuierlich von 420'000 auf 670'000 Einwohner.

Die zentrifugalen Kräfte wirken weiter

Die nun langsam wiedergewonnene Attraktivität der Städte besteht vor allem aus grösserer Lebensqualität. Wohl am anschaulichsten demonstriert wird die Entwicklung von der Weststrasse in Zürich. Die Stadt hatte 1962 mehr als 440'000 Einwohner, bis 1997 verlor sie beinahe einen Viertel davon. Die Weststrasse hatte daran ihren Anteil.

Wer vor Mai 2009 einmal die Stadt durchqueren und die Autobahn Richtung Süden nehmen musste, kennt die Strasse, die vom Lochergut zur Autobahneinfahrt beim Sihlhölzli führt. Noch Mitte der Nullerjahre standen hier Lastwagen und Autos Stossstange an Stossstange. Die Wände waren schwarz wegen der Abgase. Die Bremsen der Lastwagen quietschten zuweilen derart laut, dass manch ein Anwohner in besonders exponierten Schlafzimmern in den frühen Morgenstunden mit Oropax schlief. Der Rapper Phenomden besang das Quartier damals als Ort «vo Bäum und Lastwäge». Die Lastwagen sind in den letzten Jahren von der Weststrasse verschwunden, die Bäume sind geblieben, und es kam noch eine verkehrsberuhigende Strassenführung hinzu. Die ehemalige Transitstrecke ist nun eine 30er-Zone. Der Verkehr wird hauptsächlich um die Stadt herumgelenkt. Und wenn es doch einmal zu einem Stau kommt in der Gegend, sind es die mit Kindern bepackten Veloanhänger der Väter, die ihren Nachwuchs in die Krippe bringen. Solche Betreuungsangebote haben ebenfalls zur Attraktivität der Städte beigetragen. Zürich dürfte den Rekord von 440'000 bald wieder erreichen.

Es ist schöner, aber wer kann sich das noch leisten?

Allerdings hat die Entwicklung auch Schattenseiten. Konnte man um das Jahr 2005 herum noch eine 4,5-Zimmer-Wohnung für 1500 Franken finden, ist man heute mit dem doppelten Preis in der gleichen Gegend schon gut bedient. Viele langjährige Mieter mussten die zentrale Lage in Richtung der Aussenquartiere verlassen. Und die Verkehrsberuhigung schränkt die Autofahrer ein. Auch auf mancher Hauptstrasse gilt nun Tempo 30, und Parkplätze sind in den rot-grünen Städten je länger je weniger akzeptiert.

Noch kann man nicht von einer kompletten Umkehr des Trends der Stadtflucht sprechen. Die Städte schrumpfen zwar nicht mehr, schaut man aber genau hin, wird ein Teil der Stadtflucht durch Zuwanderung aus dem Ausland ausgeglichen. Die Anziehungskraft der Städte ist zwar klar gestiegen, doch zentrifugale Kräfte wie etwa die Sehnsucht junger Familien nach einem Heim ausserhalb der Stadt wirken weiter. Zahlen aus den fünf grössten Städten, welche Forscher im Auftrag der Credit Suisse zusammengetragen haben, zeigen etwa, dass weiterhin mehr Familien aus urbanen Gebieten abwandern als neu in die Stadt ziehen.

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