Angestellte Schweiz

«In den Betrieben gibt es so etwas wie eine Zweiklassengesellschaft»

Stefan Studer HO

Stefan Studer HO

Stefan Studer, Geschäftsführer Angestellte Schweiz, über Mitwirkung in den Betrieben.

Herr Studer, was bedeutet der 1. Mai für ihre Organisation und für Sie persönlich?

Das ist für uns ein Tag, an dem es Raum gibt für grundsätzliche Gedanken über die Arbeit. Die Verunsicherung der Arbeitnehmerschaft nimmt mit der rasch fortschreitenden Digitalisierung der Wirtschaft deutlich zu. Trotzdem scheint es mir, wenn ich auf die Teilnehmerzahlen an den diversen Veranstaltungen schaue, dass die Bedeutung der 1. Mai seit Jahren rückläufig ist. Das könnte damit zu tun haben, dass viele Leute die Rechte der Arbeitnehmenden als gegeben betrachten und nicht mehr daran denken, dass sie durch die Generation vor uns hart erkämpft worden sind.

Angestellte Schweiz ist auch der Dachververband der betrieblichen Hausverände und diese trifft man am 1. Mai kaum auf der Strasse an. Sollten Vebände wie der Ihrige den 1. Mai offensiver zelebrieren?

Die Arbeitnehmer vertreten ihre Interessen am besten, wenn sie mit den Arbeitgebern auf Augenhöhe verhandeln können. Das passiert natürlich nicht auf der Strasse. Demonstrationen und der Arbeitskampf auf der Strasse sind vielleicht interessant für die Medien, aber letztlich geht es um sachliche Themen und um konkrete Forderungen, über die man eben besser in einem Sitzungszimmer spricht. Es mag ein Problem sein für uns, dass man davon nicht so viel hört. Aber der Umzug durch die Strassen ist für uns keine Lösung.

Also hat der 1. Mai für Ihren Verband doch keine praktische Bedeutung?

Doch. Auch wir sind auf diesen Tag in auf unsere Weise immer sehr aktiv. Der 1. Mai ist ja auch ein traditioneller Umzugstag, ein Tag an dem früher häufig auch Stellenwechsel stattfanden. Vor diesem Hintergrund sehe ich den 1. Mai auch als Tag der Besinnung. Das ist im aktuellen Umfeld für jeden Einzelnen von uns wichtiger denn je. Die Eigenverantwortung der Arbeitnehmenden wird mit der Digitalisierung steigen. Die Anforderungen nehmen zu, Arbeit und Freizeit verschmelzen, man spricht von Entgrenzung und das ist durchaus auch räumlich gemeint. Ein Berufsbschluss ist ist in diesen Zeiten keine Garantie auf lebenslange Beschäftigung mehr. Auch als Verband müssen wir uns fragen, ob wir unserer Leistungen noch zeitgemäss erbringen.

Aus vielen Hausverbänden sind im Zug des 1994 in Kraft gesetzten Mitwirkungsgesetzes Arbeitnehmerverretungen mit besonderen Mitbestimmungsrechten geworden. Was hat dieses Gesetz konkret gebracht?

Das Gesetz allein ist ein zahnloser Tiger. Es braucht in jedem Betrieb ein Klima von gegenseitiger sozialpartnerschaftlicher Wertschätzung. Diese Kultur können weder Politiker noch Ökonomen erschaffen, sie muss von den Menschen in den Betrieben selber gepflegt und entwickelt werden. Eine stärkere Mitsprache der Arbeitnehmenden und eine Demokratisierung in den Betrieben ist sicher hilfreich aber es braucht eben mehr als das Gesetze.

Wie steht es denn um diese Klima in den Betrieben?

Es gibt nach unserer Erfahrung so etwas wie eine Zweiklassengesellschaft. Manche Unternehmen haben die Mitwirkungsrechte weit über das gesetzliche Mininmum hinaus ausgebaut, was mit Blick auf den grossen Veränderungen in der Wirtschaft im Lauf der vergangen zwanzig Jahre auch das einzig richtige ist. Andere Firmen sind dagegen beim gesetzlichen Minimum stehen geblieben. Es ist unser Ziel und unser Auftrag auch dort Nachbesserungen zu erwirken.

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