Bundesrats-Serie

In Bursins liest Bundesrat Parmelin jeden Sonntag früh Zeitung im Tea-Room

Guy Parmelin wohnt nicht in seinem Dorf Bursins, er wohnt unten an der Autobahn. Bundesrat wurde er trotzdem, oder gerade deshalb.

Das 800-Seelen-Dorf wirkt verschlafen- ruhig an diesem Mittwochmorgen. Es sind kaum Leute auf der Strasse, die Gemeindeverwaltung ist geschlossen. Wer beim Dorfplatz dem Strässchen bergwärts folgt, an der Kirche vorbei durch die Rebberge bis hinauf an den Waldrand, dem präsentiert sich als Belohnung ein prächtiges Panorama über die Reben und das Dorf und die weiten Felder. Im Tal liegt, ausgebreitet vor den französischen Alpen, der Genfersee. Dort unten ist auch die Autobahnraststätte zu erkennen, hinter der der berühmteste Bürger wohnt. Aber davon später.

Im Dorf unterwegs ist an diesem Morgen Olivier George. Er spaziert mit der Giesskanne zwischen dem Dorfbrunnen und den Blumenkübeln vor dem Gemeindehaus hin und her. Auf die Frage, ob er Guy Parmelin kenne, reagiert der Gemeindeangestellte mit einer Gegenfrage: «Sie wollen ihn doch nicht aufsuchen? Lassen Sie ihn in Ruhe, er hat jetzt Ferien.»

Als er die Zusicherung hat, dass kein Hausbesuch geplant ist, wird George gesprächiger. Natürlich kenne er Parmelin, er sei mit ihm zur Schule gegangen. «Und gestern sass er genau da, wo Sie vorhin sassen, und trank seinen Kaffee», sagt er, und zeigt über die Strasse auf die Terrasse der «Auberge du Soleil». «In kurzen Hosen und Mütze, keiner wäre draufgekommen, dass das ein Bundesrat ist.» Parmelin habe sich nicht verändert, keine Spur, sagt der Gemeindearbeiter, und fügt bei: «Ich habe Mitleid mit ihm. Bei dem Job, den er hat.»

SVP im FDP-Dorf

Parmelin, das ist einer der Ihren hier. Man spricht über ihn mit der fröhlichen Direktheit des Weinbauern, ohne geheuchelten Respekt oder Ehrfurcht. Man schätzt ihn, das wird schnell klar, auch, weil er geblieben ist, wie er war. Auch das Dorf ist geblieben, wie es war, ein solches Dorf ändert sich nicht wegen eines Bundesrats aus der SVP. Schon eher wegen der reichen Zuzüger, viele davon Ausländer, die sich millionenteure Villen mit Aussicht kaufen.

Bursins und Parmelin, sie gehören zusammen, und irgendwie auch nicht. Zwei Gründe mag das haben: Bursins ist ein traditionell freisinniges Dorf. Man merkt das spätestens, wenn Jean-Jacques Hauswirth, einflussreicher Patron des gleichnamigen Landmaschinen- und Sanitärbetriebs, im klimatisierten Bürocontainer mit der Hand gegen Osten Richtung Nachbardorf deutet: «Dort drüben, das Dorf Gilly, das ist SVP.» Aber Hauswirth betont auch: «Parmelin ist ein akzeptabler SVPler. Es ist eine Ehre für uns, diesen Bundesrat zu haben.»

Der andere Grund ist geografischer Art. Einige Jahre nachdem die A1 zwischen Lausanne und Genf 1964 eröffnet worden war, zogen Parmelins Eltern mit den Kindern aus dem freisinnigen Dorf weg, einen Kilometer hinunter ins Tal. Gleich hinter der damals neuen Autobahnraststätte, zwei Kilometer vom See entfernt, bauten sie einen neuen Bauernhof. Mit dem Geld, das der Landverkauf an die Autobahn eingebracht hatte, erzählt man sich im Dorf. Wie kommt jemand auf die Idee, von den sonnigen Hängen hinab ins vergleichsweise triste Exil hinter die Autobahn zu ziehen? Hier oben am Hang sei es manchmal lauter als unten, sagt Jean-Jacques Hauswirth. Es seien aber wohl praktische Gründe ausschlaggebend gewesen: Die Parmelins sind mehr Acker- als Weinbauern, und der Acker ist dort unten.

Wer freiwillig an die Schnellstrasse nach Genf, Lausanne und Bern zieht, der muss in der Tat mehr praktisch veranlagt sein denn ästhetisch. Kalkül statt Schwärmerei, das entspricht dem Bild, das sich insgesamt von Parmelin ergibt. «Er geht kein Risiko ein, wenn er redet», sagt Hauswirth noch. «Er ist sehr vorsichtig. Das hat sich für ihn ausbezahlt und ihn dort hingebracht, wo er jetzt ist.» Parmelin hätte Waadtländer Staatsrat werden können, aber er lehnte ab. Er bewirtschaftete mit seinem Bruder lieber vorerst weiterhin den elterlichen Hof. Aber vermutlich hatte er dort unten am lauten Tor zur weiten Welt schon längst Bern und den Bundesrat im Kopf.

Der Weinberg

Oben über dem Dorf zwischen den Villen haben die Parmelins, oder hat jetzt nur noch sein Bruder, noch immer Reben. Unter anderem einen Weinberg, der in der Bauzone steht. Daraus wurde nach Parmelins Wahl zum Bundesrat die Bauland-Affäre, weil sich der Waadtländer in einem Mitbericht für ein Steuerprivileg für Bauern einsetzte, die Bauland verkaufen. Davon würden auch die Parmelins profitieren, die in ihrer Familiengeschichte schon wiederholt Bauland verkauft haben. Von diesem Skandälchen bleibt in Bursins jedoch wenig bis nichts am Bundesrat hängen. Parmelin habe nie im Sinn gehabt, zu verkaufen, sagt Hauswirth, sondern wende sich jetzt im Gegenteil wieder mehr dem Weinbau zu.

Mehr Zuwendung zum Weinbau, das macht Sinn. Denn Parmelins Wein hat Verbesserungspotenzial. Das versuchen die Einheimischen gar nicht erst zu beschönigen. «Es gibt besseren Wein», sagt der Gemeindeangestellte Olivier George trocken. Aber das sei auch kein Wunder: «Parmelin ist kein Encaveur, er kellert nicht selbst ein». Er lässt sei- ne Trauben auswärts verarbeiten und in Flaschen abfüllen.

Vorteil Abgeschiedenheit

Bundesrat Parmelin hin oder her, es ist hier in Bursins so, wie es immer war. Parmelin, bescheiden und umgänglich, ist einer, der unten wohnt und manchmal heraufkommt. So war es, bevor er Bundesrat wurde, und so ist es jetzt. Jeden Sonntag früh, so erzählt einer, macht der Bundesrat sich auf Weg von der Autobahn hinauf ins Dorf. Man sieht ihn dann zwischen sieben und acht oben im Tea-Room sitzen und Zeitung lesen. Das nehmen die Leute zur Kenntnis und rechnen es ihm hoch an.

Die Abgeschiedenheit hat für Guy Parmelin mittlerweile neue Vorteile. So stört es niemanden, dass er immer mal wieder mit dem Bundesratshelikopter landet oder abhebt. 300 Meter neben seinem Haus, hinter dem Autobahnwerkhof, ist seit einigen Jahren ein Helikopterlandeplatz aufgemalt. Der sei im Hinblick auf das Bundesratsamt angebracht worden, mutmassen einige. Und amüsieren sich. Und wenn schon. Auch das nimmt Parmelin hier keiner übel.

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