Impfzwang wird zum Thema

Weil nur ein kleiner Teil des Pflegepersonals geimpft ist, könnten die Masern in Spitäler eingeschleppt werden. Eine Arbeitsgruppe des Bundes prüft nun ein Impfobligatorium für das Medizinalpersonal. Der Baselbieter Kantonsarzt Dominik Schorr unterstützt die Bestrebungen.

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Keystone

Von Rolf Zenklusen

Am Kantonsspital Bruderholz ist gerade mal ein Drittel des Personals gegen Grippe geimpft. Noch schlechter sieht die Impfrate am Universitätsspital Basel aus: Nur ein Viertel des Personals hat dort die freiwillige Impfung über sich ergehen lassen. «Das erstaunt mich nicht», erklärt ein Pfleger am Unispital, der anonym bleiben will. Das Pflegepersonal entwickle über die Jahre eine Art Abwehrreflex gegenüber vielem, was die Medizin den Patienten vorschreibt.

«Nicht alle Personen, die im Gesundheitswesen arbeiten, zeigen bezüglich Impfverhalten die gleiche Einstellung», sagt auch der Baselbieter Kantonsarzt Dominik Schorr. Vor allem das Pflegepersonal habe sich in der Vergangenheit als besonders unmotiviert gezeigt; Ärzte zum Beispiel seien überdurchschnittlich gut geimpft. «Über die Gründe dafür gibt es nur Mutmassungen.» Schorr glaubt jedoch, dass die Durchimpfung sich eher verbessert. Doch auf der Baselbieter Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion (VGD) werden dazu keine Zahlen erfasst.

Die Grippewelle ist inzwischen zwar vorbei. Aber noch immer besteht die grosse Gefahr, dass durch medizinisches Personal, das nicht dagegen geimpft ist, Masern in ein Spital eingeschleppt werden. «Laut Bundesangaben benötigen 7,7 Prozent aller gemeldeten Masernpatienten in der Schweiz eine Spitalbehandlung», sagt Schorr. Auch im privaten Umfeld der Spitalangestellten gebe es einige Kontaktmöglichkeiten zu Masernpatienten. Und im Spital seien auch alle Personen übervertreten, für die Masern eine überdurchschnittlich grosse Gefahr darstellt - zum Beispiel Transplantierte, Leukämiepatienten, Krebskranke oder Frühgeborene. «Mir wäre es lieber, wenn ich wüsste, dass alle Spitalmitarbeiter gegen Masern adäquat geimpft sind», unterstreicht Schorr.

«In keinem Land gibt es so viele Masernfälle wie in der Schweiz», warnt Franz Wyss, Zentralsekretär der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe die Schweiz wegen der vielen Masernfälle gerügt. Eine Arbeitsgruppe des Bundes kläre deshalb nun ab, wie der Kampf gegen die Masern verstärkt und die Impfquote erhöht werden kann. Nach Auskunft von Wyss soll ein Impfobligatorium für Medizinalpersonen geprüft werden. «Die Impfpflicht könnte ein Bestandteil des Arbeitsvertrages werden.»

In spezialisierten Spitälern würden bereits heute in bestimmten Diensten nur Personen angestellt, die genügend immun gegen bestimmte Krankheiten sind, sagt Schorr. Zum Beispiel dürften auf Schwangeren-Abteilungen nur Personen mit einer Immunität gegen Röteln arbeiten. Ein Impfobligatorium könnte sich der Baselbieter Kantonsarzt am ehesten für Angestellte von Alters- und Pflegeheimen vorstellen. «Meines Wissens ist das nirgendwo umgesetzt. Vielleicht würde man dann aber zu wenig Mitarbeiter finden.»

Die Baselbieter Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion will sogar prüfen, ob eine Impfpflicht auch für Lehrpersonen und Leiterinnnen von Kinderkrippen gelten soll. Aus Sicht der VGD ist das eine Option, die nicht von vornherein ausgeschlossen werden sollte, wie der Kantonsarzt ausführt. «Solche Massnahmen müssten aber angemessen sein.»

Vor dem Verwaltungsgericht St. Gallen hat kürzlich eine Krankenschwester verloren: Sie hatte sich geweigert, sich gegen Hepatitis B zu impfen und war deswegen vom Kanton entlassen worden. Das Gericht hat den Entscheid des Kantons gestützt.