Impfoffensive
Busse, Berater, Gutscheine: So will der Bundesrat Unentschlossene erreichen – auch Gratistests gibt es in Zukunft keine mehr

Der Bundesrat wolle die Massnahmen gegen das Coronavirus möglichst bald aufheben. Aber dafür müssten sich erst deutlich mehr Menschen impfen lassen, sagte Gesundheitsminister Alain Berset (SP) am Freitag. Nun plant der Bund eine Impfoffensive und macht die meisten Tests kostenpflichtig. Die wichtigsten sechs Fragen im Überblick.

Christoph Bernet
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Impfaktion in einer Moschee in Schaffhausen (17.9.2021).

Impfaktion in einer Moschee in Schaffhausen (17.9.2021).

Ennio Leanza / KEYSTONE

«Wir wollen aus dieser Krise rauskommen», sagte Gesundheitsminister Alain Berset am Freitag vor den Medien in Bern. «Und die Impfung ist der beste Ausweg aus der Pandemie.» Doch bis dieser Ausweg gefunden ist, müsse die Impfquote in der Schweiz nochmals deutlich ansteigen, mahnte Berset. Die Schweiz liege bei diesem Wert im europäischen Vergleich auf einem der hinteren Plätze.

Noch über zwei Millionen Menschen in der Schweiz seien nicht immun gegen Covid-19. Diese Zahl sei zu hoch, um über den Winter Druck von den Spitälern zu nehmen. Für eine weitgehende Aufhebung der Massnahmen, wie dies andere Länder mit deutlich höherer Impfquote wie Dänemark oder Portugal zuletzt beschlossen haben, brauche es in der Schweiz mehr Geimpfte. Deshalb schlägt der Bundesrat eine Impfoffensive vor.

Was kostet die Impfoffensive?

Sie soll maximal 150 Millionen Franken kosten. Im Gegensatz zu den aktuell 50 Millionen Franken, die der Bund pro Woche für Tests ausgibt, sei das eine nachhaltige Investition: «Die Impfung macht immun, die Tests nicht», sagte Berste. Zunächst äussern sich die Kantone im Konsultationsverfahren zu den Vorschlägen. Der Bundesrat wird voraussichtlich am 13. Oktober einen endgültigen Entscheid fällen.

An wen richtet sich die geplante Impfoffensive?

Die Offensive soll in erster Linie Menschen ansprechen, «die noch vertiefte Informationen benötigen und noch unentschlossen sind». Für sie soll ein niederschwelliger Zugang zur Impfung geschaffen werden. Was ist das Ziel der Offensive? Die Impfquote soll deutlich erhöht werden. Bei den über 65-Jährigen beträgt die Zielgrösse mindestens 95 Prozent (aktuell 88,5 Prozent mindestens einmal geimpft), bei den 16- bis 64-Jährigen wird eine Quote von mindestens 80 Prozent angestrebt (aktuell 71 Prozent).

Die Entscheidung, sich impfen zu lassen oder nicht, bleibe «eine freie Wahl», stellte Berset am Freitag klar. Den bereits geimpften Personen dankte der Gesundheitsminister für ihren Beitrag im Kampf gegen die Pandemie.

Alain Berset am Freitag vor den Medien.

Alain Berset am Freitag vor den Medien.

Anthony Anex / KEYSTONE

Wie sieht die Impfoffensive konkret aus?

Sie soll vier Elemente umfassen. Erstens soll im Rahmen einer nationalen Impfwoche mit Kantonen, Gemeinden und Organisationen wie Kirchen oder Sportvereinen der «gesamtgesellschaftliche Nutzen» der Impfung betont werden. Zweitens will der Bundesrat zusätzlich zu den 50 bereits bestehenden mobilen Impfzentren, meistens Busse, 170 weitere einsetzen. Sie sollen an stark frequentierten Orten unkompliziertes Impfen ermöglichen.

Schlange vor einem Impfbus in Basel (13.9.2021).

Schlange vor einem Impfbus in Basel (13.9.2021).

Georgios Kefalas / KEYSTONE

Wie sieht sie konkret aus?

Als drittes Element sollen 1700 zusätzliche Beratungspersonen «gezielt und individuell» auf die noch nicht Geimpften zugehen. Deren Abwägungsprozesse mit ihnen telefonisch, via soziale Medien oder persönlich das Gespräch suchen und deren Abwägungsprozess begleiten. Das Beratungsangebot soll während mehreren Wochen bestehen.

Und viertens will der Bundesrat die gesamte Bevölkerung in die Impfoffensive miteinbeziehen. Dafür setzt er auf finanzielle Anreize. Wer sich neu impfen lässt, kann eine Person angeben, die für ihren Impfentscheid wichtig war. Diese Person soll als Dankeschön einen Gutschein im Wert von 50 Franken erhalten.

Wie funktionieren diese Gutscheine in der Praxis?

Gesundheitsminister Alain Berset nannte den Ansatz«neu und unkonventionell». Man sei gespannt auf die Rückmeldungen der Kantone. Die Details sind noch offen.

Klar ist: Prinzipiell kommen alle für einen Gutschein in Frage, die beim Impfentscheid einer anderen Person eine wichtige Rolle gespielt haben. Es liegt an der neugeimpften Person, ob sie jemanden nennen will, der einen Gutschein erhalten soll. Das können auch selber ungeimpfte oder im Gesundheitswesen tätige Personen sein. Natürlich seien Absprachen nicht auszuschliessen, bei denen bereits von der Impfung überzeugte Personen Freunden oder Angehörigen einen Gutschein zuschanzten, ohne dass diese Überzeugungsarbeit geleistet hätten, sagte ein BAG-Vertreter.

Man gehe aber davon aus, dass in den allermeisten Fällen nur Personen genannt werden, die tatsächlich eine wichtige Rolle gespielt haben. Wofür die Gutscheine eingesetzt werden können, entscheiden die Kantone. Denkbar sind beispielsweise Gutscheine fürs Kino oder für Restaurantbesuche.

Wer muss in Zukunft für die Tests bezahlen?

Bereit einen endgültigen Entscheid getroffen hat der Bundesrat zur Kostenübernahme von Tests für asymptomatische Personen. Ab 11. Oktober müssen sie grundsätzlich selber für ihre Tests aufkommen. Ausgenommen davon sind Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre und Personen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können.

Und einmal geimpfte Personen, die noch auf ihre zweite Impfdosis beziehungsweise die Ausstellung des Zertifikats warten, werden die Testkosten bis Ende November vergütet. Neu vergütet der Bund die Ausstellung von Zertifikate bei repetitiven Tests in Betrieben oder Schulen. Damit nimmt der Bundesrat eine Forderung aus dem Parlament auf.

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