Medizin

Impfen, Blut entnehmen, Medis abgeben: Die Apotheke wird zur Arztpraxis

Bald mehr als einfach Medikamenten-Ausgabestelle: Apotheker sollen auch diagnostizieren dürfen.

Bald mehr als einfach Medikamenten-Ausgabestelle: Apotheker sollen auch diagnostizieren dürfen.

Apotheker sollen sich Grundkenntnisse über Diagnose und Behandlung häufiger Krankheiten aneignen. Das verlangt ein neuer Passus im Medizinalberufegesetz, der vom Nationalrat angenommen wurde. Die Apotheker bauen ihre Kompetenzen damit weiter aus.

Wer von Kopfschmerzen geplagt wird, holt sich eine Packung Schmerztabletten in der Apotheke. Wer hingegen eine Antibabypille kaufen will, muss für das Rezept einen Arzt aufsuchen.

Der Nationalrat will das nun ändern. Auch der Apotheker soll Patienten impfen und in gewissen Fällen rezeptpflichtige Medikamente an seine Kunden abgeben dürfen.

Gestern hat die grosse Kammer einen solchen Passus im Medizinalberufegesetz verabschiedet. Ohne eine einzige Gegenstimme.

Zwar zeichnet sich schon länger ab, dass andere Gesundheitsberufe auch Aufgaben der chronisch überlasteten Ärzte übernehmen sollen.

Dass diese Kompetenzverschiebung ohne Zwischentöne über die Bühne geht, hat auch damit zu tun, dass die Ärzte diese ­Entwicklung selbst vorangetrieben haben – und sie mittlerweile zumindest teilweise akzeptieren.

Grundkenntnisse in Diagnosen

Die Ermächtigung der Apotheker erfolgte in zwei Schritten. Zunächst wurde ihnen im Mai über die Revision des Heilmittelgesetzes erlaubt, rezeptpflichtige Medikamente in bestimmten Fällen abzugeben, ohne ­dafür eine ärztliche Verschreibung einfordern zu müssen. Patienten mit einer chronischen Krankheit müssten so nicht jedes Mal zum Arzt rennen, wenn ihr Rezept abgelaufen ist.

Diese Gesetzesänderung brachte die Ärzte in Rage. Sie ereiferten sich darüber, dass den Apothekern das Wissen fehle, um eine medizinische Diagnose zu stellen. Auch die praktizierende Ärztin Yvonne Gilli, die als grüne Politikerin für den Kanton St. Gallen im Nationalrat sitzt, wehrte sich zuerst dagegen, dass Apotheker rezeptpflichtige Medikamente herausgeben dürfen.

«Doch die parlamentarische Kommission hat sich dafür entschieden», sagt sie heute. Ihre Opposition blieb damals erfolglos. Unterdessen gewinnt sie dem Entscheid auch etwas Positives ab: «Für Hausärzte ist es eine Entlastung.» Als Beispiel nennt sie die Kleinstadt Wil, wo sie selbst praktiziert. Dort gebe es kaum einen Hausarzt, der noch neue Patienten aufnehmen könne. «Wir müssen froh sein, wenn alle Patienten umsorgt werden können.»

Nach dem Heilmittelgesetz erfolgte gestern der zweite Schritt, über den Apotheker mehr Kompetenzen erhalten. Der Nationalrat entschied sich einstimmig für die neue Fassung des Medizinalberufegesetzes.

Darin steht, dass Pharmaziestudenten nicht nur in der Herstellung von Arzneimitteln und deren Wirkungsweisen geschult werden müssen. Sie sollen sich auch «Grundkenntnisse über Diagnose und Behandlung häufiger Gesundheitsstörungen und Krankheiten» ­aneignen. Auch die Ärztin Yvonne Gilli hat dagegen nichts einzuwenden: «Es ist nur konsequent, dass die Apotheker auch entsprechend den neuen Kompetenzen ausgebildet werden.»

Ärzte verwerfen die Hände

Weniger erfreut darüber, dass Apotheker zunehmend im gleichen Garten grasen wie die Ärzte, zeigt sich Marc Müller, Präsident des Hausärzteverbands. Für viele Ärzte sei die aktuelle Entwicklung unverständlich. «Sie verwerfen die Hände.»

Er selbst scheint sich mit der Entwicklung abgefunden zu haben: «Bei derartigen Reformen melden alle Berufsgruppen ihre Bedürfnisse an. Das ist normal.»

Und angesichts des zunehmenden Hausärztemangels müsse die Politik reagieren. «Denn es fehlen nicht nur Ärzte, es fehlen auch Pflegekräfte.» Für Müller ist klar: Es geht nur miteinander in die Zukunft.

Das sieht der Apothekerverband Pharmasuisse ähnlich: Ziel sei es, gemeinsam mit den anderen Gesundheitsberufen die Grundversorgung sicherzustellen, sagt Sprecherin Silvia Weigel. Angesichts des Hausarztmangels und einer alternden Bevölkerung erhalten nun die Apotheker mehr Kompetenzen.

Weigel sieht darin neben der Entlastung der Hausärzte einen weiteren Nutzen: «Die Behandlung leichter und eindeutiger Gesundheitsstörungen und Krankheiten soll nicht mehr die Notfalleinrichtungen der Spitäler und Ambulatorien verstopfen.» Die Ausbildung biete bereits heute Kurse in klinischer Pharmazie an. Weibel sagt deshalb: «Die Apotheker sind bereit für diese Aufgabe.»

Abgesehen von der Ausbildung unterscheidet sich auch die Art und Weise, wie die Leistung einer Beratung abgegolten wird. Während der Arzt für die Untersuchung über den Ärztetarif abrechnen kann, bezahlt der Patient die Beratung des Apothekers über den Medikamentenpreis. Darin enthalten ist eine Pauschale.

Über mögliche Auswirkungen auf die Pauschale könne Pharmasuisse noch nichts sagen, so die Sprecherin. Vielleicht werden Forderungen konkreter, wenn der Ständerat den beiden Gesetzen ebenfalls zustimmt. Stand heute, sollte das der Fall sein.

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