Freerider und Skitourenfahrer
Immer mehr Wintersportler setzen auf einen Airbag

In der Schweiz boomt das Geschäft mit Freeridern und Skitouren-Gängern. Freerider und Skitourenfahrer erhalten durch Airbags mehr Auftrieb, wenn sie von einer Lawine mitgerissen werden.

Daniel Fuchs
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Der aufgeblasene Airbag macht den Sportler grösser und erhöht seine Überlebenschancen.J.-Ch. Bott/KEYSTONE

Der aufgeblasene Airbag macht den Sportler grösser und erhöht seine Überlebenschancen.J.-Ch. Bott/KEYSTONE

Diese Szene bleibt dem Publikum von «The World is not enough» in Erinnerung: Pierce Brosnan als 007 und Sophie Marceau (alias Elektra King) stehen in Einteiler und Pelzmütze auf Skiern irgendwo im Kaukasus. Plötzlich tauchen Bösewichte auf Schneemobilen auf. In einer für Bond-Filme typischen Verfolgungsjagd segnet ein Bösewicht nach dem anderen das Zeitliche. Doch geraten die beiden Hauptakteure in eine Lawine. Nur eine Erfindung des MI6-Tüftlers «Q» kann sie noch retten: Ein Ballon umschliesst die beiden und schützt sie vor den herabstürzenden Schneemassen.

Nicht «Q» war der Erfinder des Lawinen-Airbags, sondern Peter Aschauer. Bereits 1980 erwarb der Bayer das Patent für den Lawinen-Airbag. Allerdings rührt die Idee aus den 1970er-Jahren: Ein Forstmeister soll die Erfahrung gemacht haben, in Schneebrettern obenauf zu schwimmen, wenn er ein erlegtes Tier geschultert hatte und damit über mehr Masse als normal verfügte. Dies physikalische Prinzip nennt sich inverse Segregation: In einer Lawine werden grosse Partikel eher an die Oberfläche, kleine eher in die unteren Schichten geschoben.

Es sicherte dem Forstmeister das Überleben und Aschauer ein Geschäft: Bis heute stellt seine Münchner Firma die «ABS Rucksäcke» mit Lawinen-Airbags her. Sie machen den Wintersportler grösser und lassen ihn beim Stillstand der Schneemassen auf dem Kegel liegen. ABS beackert vorwiegend den Markt im Alpenraum, neuerdings aber auch jenen in Nordamerika.

Gute Testergebnisse

In der Schweiz boomt das Geschäft mit Freeridern und Skitouren-Gängern. Wachsende Umsatzzahlen von breiten Freeride-Ski, Tourenbindungen und Lawinenverschüttetensuchgeräten (LVS) zeugen davon. Die Schweizer Firma Snowpulse kupferte Aschauers Airbag-System schliesslich ab und entwickelte die Rucksäcke weiter. Im vergangenen Sommer wurde Snowpulse vom Bergsportgiganten Mammut einverleibt. Die Airbag-Rucksäcke sind damit für einen Massenmarkt bestimmt.

Denn das Sicherheitsbedürfnis der Wintersportler ist mit einer immer höher werdenden Tragedichte von Helmen und Rückenpanzern nicht nur auf Skipisten gestiegen, sondern auch abseits der Pisten. So enden Verschüttungen bis heute oftmals tödlich. Die Statistik ist deutlich: Bleibt der Kopf unter der Schneeoberfläche, so erstickt jedes zweite Opfer. Für die Bergung sind die ersten 15 Minuten die entscheidenden. Danach sinken die Überlebenschancen rapid.

Dummies gut sichtbar

Genau hier kommen die bis 1000 Franken teuren Rucksäcke ins Spiel. Wie ein Test des Magazins K-Tipp in Zusammenarbeit mit Forschern des Schweizerischen Lawinenforschungsinstituts (SLF) letztes Jahr zeigte, erweisen sie sich als brauchbar: Dummies, die man von Schneebrettern mitreissen liess, waren im Lawinenkegel gut sichtbar und – wenn überhaupt – nur von wenig Schnee zugedeckt, wenn sie einen Lawinen-Airbag trugen.

Doch warnt der SLF-Lawinenprognostiker Lukas Dürr vor zu viel Euphorie: «Wenn sich die Schneemassen in einer Mulde stauen oder wenn der Schneesportler von einer Nachlawine überschüttet wird, hilft auch der Airbag nicht.» Der Auftrieb spiele nur, während das Opfer mit den Schneemassen talwärts fliesse. Auch bleibe die Gefahr von Verletzungen bestehen. Die Standardausrüstung – LVS, Schaufel und Sondierstange – bleibe zudem zwingend nötig.

Vermisster Komfort

Für Ueli Mosimann vom Schweizerischen Alpen-Club (SAC) sind Rucksack-Airbags eine taugliche Ergänzung. Keuchend nimmt der SAC-Experte den Anruf des Journalisten entgegen, befindet er sich doch im Aufstieg zu den Lobhörnern im Berner Oberland. Doch der passionierte Tourengänger trägt einen konventionellen Rucksack: «Besonders bei Aufstiegen empfinde ich die schweren Airbag-Rucksäcke als unkomfortabel.»

Sie seien nicht nur schwerer, sondern böten auch weniger Volumen als die herkömmlichen Säcke. «Zudem muss man die Tragsysteme eng an den Körper zurren», was Mosimann während eines schweisstreibenden Aufstiegs wenig Freude bereitet. Zu den meisten Lawinenunfällen komme es just während des Aufstiegs. Wer aber Träger und Hüftgurt nicht eng genug zurrt, läuft Gefahr, dass sich der «Lebensretter» im Ernstfall vom Körper löst.