Krankenkassen
Immer mehr Versicherte verzichten freiwillig auf die freie Arztwahl

Trotz deutlichem Nein an der Urne werden zwei Hauptanliegen der Managed-Care-Vorlage umgesetzt. Dies geschieht nicht gegen den Volkswillen, sondern weil sich Versicherte so entscheiden.

Anna Wanner
Drucken
Teilen
Hausarzt schaut sich das Ohr an

Hausarzt schaut sich das Ohr an

Keystone

Es ist noch nicht einmal ein Jahr vergangen, seit das Stimmvolk die Managed-Care-Vorlage mit rund 76 Prozent Nein-Stimmen ablehnte. Als Grund für die deutliche Niederlage wird die freie Arztwahl angeführt. Die Versicherten wollten sich nicht vorschreiben lassen, zu welchem Arzt sie gehen müssen, wenn sie krank sind.

Nun zeigen neuste Zahlen des Forums Managed Care (FMC), dass Versicherte doch aus freien Stücken bereit sind, sich in der Arztwahl einzuschränken. Mehr als jeder fünfte Versicherte (rund 1,7 Millionen) hat 2013 eine HMO- oder Hausarzt-Versicherung abgeschlossen und verzichtet zugunsten tieferer Prämien auf die freie Arztwahl.

Seit 2010 hat sich die Zahl der abgeschlossenen Hausarzt- und HMO-Versicherungen schweizweit verdoppelt – im Vergleich zum letzten Jahr haben sie um 25 Prozent zugenommen.

Portemonnaie steuert Versicherte

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und der Krankenversicherer-Verband Santésuisse führen ebenfalls Statistik. Allerdings sind erst Zahlen von 2011 öffentlich. BAG-Sprecherin Michaela Kozelka bestätigt aber die Tendenz, die zeige, dass die Versicherten nicht grundsätzlich gegen Modelle mit eingeschränkter Wahl sind.

Die deutliche Ablehnung an der Urne begründet FMC-Präsident Peter Berchtold so: Bei der Abstimmung habe es sich um einen Gesetzesartikel und nicht um ein Versicherungsmodell gehandelt. «Auch wenn das Gesetz keinen Zwang vorsah, fühlte es sich wohl für manchen so an.»

Ausserdem sei die Abstimmung ausserordentlich emotional geführt worden. Nur die Frage der freien Arztwahl stand im Vordergrund. Heute steuert das Portemonnaie den Wechsel von normalen Versicherungen zum Hausarzt- oder HMO-Modell. Wer auf die freie Arztwahl verzichtet, bezahlt weniger Prämien.

Verwirrung bei Versicherten

Berchtold sagt aber auch, dass die Managed-Care-Vorlage die unterschiedlichen Versicherungsmodelle überhaupt erst thematisiert hat. Viele Versicherten hätten nicht gewusst, welche Möglichkeiten es gibt. Er geht nun davon aus, dass sich zukünftig mehr Personen mit den Modellen auseinandersetzen und sich für integrierte Modelle entscheiden werden.

Santésuisse-Sprecherin Anne Durrer sieht diese Tendenz allerdings kritisch. Sie sagt, die günstigeren Prämien führten dazu, dass die Versicherten sich alleine vom Geld locken lassen und dann gar nicht wissen, was der von ihnen abgeschlossene Vertrag bedeutet. Denn: Wer sich für eine HMO- oder Hausarzt-Versicherung entschieden hat und trotzdem irgendeinen Spezialisten aufsucht, begeht Vertragsbruch und kann bestraft werden.

Risikoausgleich wird verbessert

Neben der integrierten Versorgung sah die Managed-Care-Vorlage auch einen verbesserten Risikoausgleich zwischen den Krankenkassen vor. So erhalten heute jene Krankenkassen mit vielen teuren Versicherten (Frauen und Alte) Ausgleichszahlungen von den Krankenkassen mit günstigen Versicherten (Männer und Junge).

Weil Geschlecht und Alter alleine nicht ausreichen, um ein gutes von einem schlechten (also teuren) Risiko zu unterscheiden, kam ab 2012 das Kriterium Spitalaufenthalt hinzu. Jetzt ist das Parlament daran, den Risikoausgleich noch weiter zu verbessern, indem berücksichtigt wird, welche Medikamente eine Person benötigt.

Aktuelle Nachrichten