Ein Mann über 80 hatte nur noch einen Wunsch: Er wollte auf eine natürliche Art sterben. Er war unheilbar krank und konnte sich kaum mehr bewegen. Die beste Methode schien ihm das Sterbefasten zu sein: einfach nicht mehr essen und trinken. Doch dafür war er am falschen Ort. Er lag in einem Reha-Center der Region Basel. Zwar war er privat versichert und profitierte von einem Einzelzimmer. Doch der Arzt teilte ihm mit, dass das Haus ausschliesslich für die Rehabilitation zuständig sei. Wenn er an diesem Ziel nicht mitwirke und weiterhin nicht esse und trinke, müsse er die Institution verlassen.

Deshalb machten sich die Angehörigen auf die Suche nach einem Sterbeheim. Doch auch da stiessen sie auf Ablehnung. Das angefragte Hospiz erklärte, das Sterbefasten widerspreche den Vorstellungen der Palliativmedizin. Die Angehörigen sahen danach nur einen Ausweg: Sie kontaktierten die Ärztin und Freitodbegleiterin Erika Preisig, Präsidentin der Stiftung Eternal Spirit. Sie führte mehrere Gespräche mit dem Mann und der Familie, attestierte ihm Urteilsfähigkeit und organisierte ihm das Sterbemittel Natrium-Pentobarbital. Kürzlich nahm er sich damit das Leben. Er starb nicht so, wie er es sich gewünscht hatte.

Der Mann ist mit seinem Schicksal nicht alleine. Das Sterbefasten ist eine Methode, die von Senioren vermehrt gewünscht wird. Es gibt Befürworter, die diese natürliche Todesart propagieren. Doch es gibt auch Kritiker, die vor einer Romantisierung warnen. Schon die Debatte über Sterbehilfe ist kompliziert. Beim Sterbefasten wird es noch schwieriger, weil es auf kleine Unterschiede ankommt.

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Hospiz in der Kritik

Preisig sagt, sie würde es begrüssen, wenn eine Reha-Klinik unheilbar kranke Senioren beim Sterbefasten begleiten würde. Sie könne aber nachvollziehen, wenn diese für sich eine andere Aufgabe sähen. Doch dass ein Hospiz das Sterbefasten ablehne, könne sie nicht verstehen: «Es ist meines Erachtens die Aufgabe eines Hospizes, die Patienten liebevoll in den Tod zu begleiten und ihnen die Schmerzen zu nehmen, wenn sie sich zu Tode hungern wollen.» Das Sterbefasten benötige ärztliche Betreuung. Preisig machte selber die Erfahrung, was passiert, wenn man falsch vorgehe.

Als Hausärztin habe sie vor Jahrzehnten zwei Bäuerinnen in den Sterbefastentod begleitet. Sie assen nichts mehr, aber tranken Wasser. Das sei ein Fehler gewesen: «Wenn man trinkt, kann es elend lange gehen.» Drei bis vier Wochen, bis man auf Haut und Knochen abgemagert sei. Das sei extrem belastend. Man solle nicht trinken, aber regelmässig Mundpflege machen. So trockne der Mund nicht aus und das Durstgefühl verschwinde. Meistens trete der Tod nach rund zehn Tagen durch Nierenversagen ein. Das sei eine natürliche Art, zu sterben, sagt sie.

Preisig fragt: «Was macht ein Hund oder eine Katze, wenn sie alt und schwer krank ist? Das Tier legt sich in eine Ecke und wartet den Tod ab.» Und die Aborigines seien früher auf einen Traumpfad gegangen und hätten nichts mehr gegessen und getrunken. «Damals hatte man noch eine Kultur des Sterbens. Man sah den Tod weder als Feind noch als Versagen der Medizin an», sagt sie.

Der bekannteste Befürworter des Sterbefastens ist Albert Wettstein, ehemaliger Stadtarzt von Zürich. Er propagiert die Methode als «natürliche Art des Loslassens» im Gegensatz zum «unnatürlichen Exit-Suizid». Zwar sei die Angst in der Bevölkerung tief verankert, dass das Verdursten ein schrecklicher Tod sei. Doch das stimme nicht. Die meisten älteren Leute hätten ohnehin gar keinen Durst mehr. Das Sterbefasten sei eigentlich etwas ganz Normales: «So sterben die meisten Leute in den Pflegeheimen. Sie essen und trinken in der letzten Zeit nicht mehr und schlafen friedlich ein.» Dass die Methode auf Ablehnung stösst, hänge mit dem Begriff zusammen: «Es klingt nach Sterbehilfe.» Wettstein rät Patienten, die auf Widerstand treffen, ihren Wunsch anders zu formulieren. Sie sollten einfach sagen, dass sie weder essen noch trinken wollen. Auch ihre Patientenverfügung sollten sie entsprechend formulieren.

Versuche mit Ratten

Doch das Sterbefasten ist mehr als ein Problem der Begrifflichkeiten. Während die Befürworter beklagen, dass falsche negative Vorstellungen damit verbunden seien, sagen die Kritiker, dass falsche positive Erwartungen geweckt würden.

Heike Gudat ist Chefärztin des Hospizes in Arlesheim. Sie führt eine der Institutionen, die dem Sterbefasten skeptisch gegenüberstehen. Sie sagt: «Das Sterbefasten wird romantisiert. Der Begriff ist beschönigend. Es ist kein Fasten. Es ist Sterben.» Verbreitet sei der Irrglaube, dass Menschen unter Durst weniger Schmerzen hätten: «Das ist nicht bewiesen. Diese Aussage stützt sich auf Versuche mit Ratten aus den 1950er-Jahren.» Sie erklärt, wenn sie Patienten den letzten Wunsch verwehrt: «Wenn jemand zum Beispiel die Diagnose eines nicht behandelbaren Tumors bekommt und bei uns eintreten will mit der Absicht, sofort mit dem Sterbefasten zu beginnen, dann lehnen wir das ab. Da stellen sich zu viele ethische Fragen.»

Wenn jemand auf natürliche Weise nicht mehr essen und trinken möge, sei der klinische Verlauf meist problemlos: «Wenn eine Person aber deklariert, sie wolle nun sterbefasten, gibt es oft Probleme.» Das Thema werde aber ohnehin überschätzt: «Beim Sterbefasten ist es wie beim assistierten Suizid: Alle reden darüber, doch kaum jemand will die Methode für sich tatsächlich in Anspruch nehmen.»

Zunahme im Aargau

Andere Hospize machen andere Erfahrungen. Dieter Hermann, Geschäftsführer des Hospizes Aargau, sagt, seine Statistiken würden zeigen, dass diese Art der Sterbebegleitung zunehmend durchgeführt werde. Aktive Sterbehilfe toleriere seine Institution in ihren Räumen nicht, aber gegen Sterbefasten nennt er nur wenige Einwände. Er sagt: «Über allem stehen der Mensch und sein Selbstentscheidungsrecht.»

Auch Jan Gärtner, Chefarzt des Palliativzentrums Hildegard in Basel, sagt: «Die Patientenautonomie steht bei uns zuoberst. Wenn jemand bei uns sterbefasten will, dann darf er das.» Er gebe seinen Patienten jeweils folgenden Rat: «Achten Sie nicht auf Laborwerte oder Konzepte, sondern auf Ihre Bedürfnisse, auf Ihr Wohlbefinden.» Er warne sie aber auch: «Das Sterbefasten wird tatsächlich von einigen romantisiert. Wenn man Hunger und Durst hat, ist es oft kein angenehmer Tod.» Gärtner ist kürzlich von Deutschland in die Schweiz gezogen. Er stellt zwischen den Nachbarländern einen Unterschied fest: «In der Schweiz ist das Interesse viel grösser als in Deutschland.»

Dennoch ist der letzte Wunsch des über 80-Jährigen, der sterbefasten wollte, aber nicht durfte, hierzulande nicht in Erfüllung gegangen. Der Gang durch die Institutionen war auch für seine Angehörigen unangenehm. Sie verlangen, dass seine Geschichte in der Zeitung so geschildert wird, dass keinerlei Rückschlüsse auf ihn möglich sind. Sterbefasten bleibt wie Sterbehilfe ein Tabu-Thema.

Wie leben, wie sterben? Albert Wettstein tritt morgen Donnerstag, 18.30 Uhr, mit weiteren Experten an einer Podiumsdiskussion in Liestal im Hotel Engel auf.