Immer mehr Rekrutenschüler in der Schweizer Armee sind Muslime

In Rekrutenschulen wie jener in Liestal nimmt der Anteil an muslimischen Rekruten zu – und mit ihm die Verunsicherung des Kaders. Ein Merkblatt der Armee geht auf Unsicherheiten im Umgang mit muslimischen Ernährungs- und Gebetsregeln ein.

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Rekruten auf dem Weg in die Kaserne

Rekruten auf dem Weg in die Kaserne

Keystone

Dina Zwimpfer

In den kommenden Wochen wird die Armee ein Merkblatt für nicht christliche Armeeangehörige publizieren. «Damit reagiert man auf die sich häufenden Nachfragen von Offizieren bei Seelsorgern zum Umgang mit muslimischen Rekruten», erläutert Lorenz Lattner, oberster protestantischer Armeeseelsorger aus Buus.

In Liestal rücken pro RS etwa 400 Rekruten ein, rund fünf Prozent davon sind muslimischen Glaubens. «Die Integration in den militärischen Dienstbetrieb hängt zentral davon ab, wie diese Rekruten ihren Glauben und ihre Traditionen im Alltag leben», erklärt Oberst Hans Widmer, Kommandant der Infanterie Rekrutenschule in Liestal. Bei den meisten Anfragen geht es um den Bereich der Verpflegung. «Die Zusammensetzung der Verpflegung wird offen deklariert», sagt der Schulkommandant. «Zudem haben diese Rekruten die Wahl zwischen rein vegetarischer Kost oder Menus mit Fisch oder Poulet.»

Eine weitere Schnittstelle zwischen dem zivilen und dem militärischen Alltag sind die Feiertage. Für muslimische Feiertage besteht kein grundsätzlicher Anspruch. «Doch wenn es mit dem Dienst vereinbar ist, gewähren wir diese zusätzlichen Urlaube», sagt Widmer. Rekruten, die streng gemäss ihres Glaubens beten möchten, können dies - im Rahmen der Möglichkeiten eines Dienstbetriebs - in speziellen Räumen der Kaserne zu tun. «Meines Wissens gab es in Liestal aber erst einmal einen solchen Fall», merkt Widmer an. Die Nachfrage nach Imamen bei der Armee-Seelsorge sei nicht vorhanden. «Die Konfession der Seelsorger ist nebensächlich», erklärt der Buusner Seelsorger Lattner. Die meisten Fragen kämen sowieso zu allgemeinen Anliegen wie Familie oder Job. Religiöse Fragen - egal zu welcher Konfession - seien daher sehr selten.

Wie gross der Anteil an muslimischen Rekruten in der ganzen Schweiz ist, weiss niemand. «Die Armee ist konfessionell neutral, deshalb werden in unseren Statistiken keine Angaben zur Religion erfasst», sagt Armeesprecher Christoph Brunner. «Da die Armee aber ein Abbild der Schweizer Bevölkerung ist, kann man es dennoch abschätzen.»

Aus dieser Folgerung könnte man den Schluss ziehen, dass es wie in der Bevölkerung auch in der Armee heute mehr Muslime gibt als noch vor einigen Jahren. Lattner ist mit dieser Schlussfolgerung nicht einverstanden: «In der Armee sind nur Schweizer, nur Männer und hauptsächlich 20- bis 30-Jährige. Gerade beispielsweise in Kleinbasel sieht man aber viele Muslime, die nicht Schweizer sind und deshalb auch nicht in die Armee gehen.»

Nichtsdestotrotz sind Muslime in der Armee zahlreich genug, um eine Arbeitsgruppe des psychologisch-pädagogischen Dienstes (PPD) durchzusetzen, welche ein Merkblatt verfasste. Anstoss gegeben hat ein junger muslimischer Rekrut. «Aber auch schon davor war es bei uns ein Thema», sagt Peter Bolliger, Chef des PPD. «Bei jüdischen Armeeangehörigen hat sich mittlerweile ein modus vivendi eingespielt, doch bei muslimischen ist die Verunsicherung seitens des Kaders teilweise gross.»

Zudem sei es rein quantitativ etwas komplizierter. «Früher gab es pro RS vielleicht zwei Menschen jüdischen Glaubens, heute gibt es Rekrutenschulen mit zehn Prozent Muslimen», erläutert Bolliger. «Zudem haben Schiiten wieder andere Regeln als Sunniten, die Situation ist also relativ kompliziert.» Das Merkblatt soll als Orientierungshilfe für Rekruten und für das Armeekader dienen. «Wir bieten Hinweise auf Auskunftsnummern und zuverlässige Informationen, die Misstrauen und Missverständnisse abbauen sollen», sagt Bolliger.