Nur ein paar links-grüne Politiker interessierten sich für die Frage, ob Mitglieder der Landesregierung an die Olympischen Winterspiele in Sotschi (Russland) reisen sollten.

Doch seit ausländische Staatsmänner wie der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck, Frankreichs Präsident François Hollande und US-Präsident Barack Obama aus Kritik an der Menschenrechtslage auf eine Teilnahme an der Eröffnungsfeier verzichten, weitet sich die Skepsis auch hierzulande aus.

Bürgerliche fordern Verzicht

Pikant ist, dass gleich drei Mitglieder der Landesregierung nach Russland reisen wollen: Didier Burkhalter, Aussenminister und Bundespräsident 2014, sowie Sportminister Ueli Maurer besuchen die Spiele. Sozialminister Alain Berset macht den später stattfindenden Paralympics seine Aufwartung.

Dieses breite magistrale Aufgebot gerät nun in die Kritik: «Es reicht, wenn Ueli Maurer als Sportminister geht», sagt SVP-Aussenpolitiker Roland Rino Büchel (SG) der «Sonntags-Zeitung». Bundespräsident Burkhalter dürfe die Veranstaltung mit seiner Präsenz nicht noch politisch aufwerten.

Gleicher Meinung sind offenbar die SVP-Politiker Andreas Aebi (BE) und Christoph Mörgeli (ZH).

«Im Bundesrat geht es zu wie im Reisebüro. Man fliegt dahin, wo es schön ist, statt dorthin, wo es richtig ist», sagt Mörgeli.

Auch die CVP-Politiker Kathy Riklin (ZH), Gerhard Pfister (ZG) und Christophe Darbellay (VS) verlangen, dass Burkhalter zu Hause bleibt. BDP-Nationalrätin Ursula Haller möchte gar, dass gar keine Bundesräte nach Sotschi reisen.

Anderer Meinung ist die Baselbieter CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter. Angesichts der guten Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland solle man den Einfluss auf Moskau nicht unnötig aufs Spiel setzen.

Auch FDP-Frau Doris Fiala (ZH) lehnt einen Boykott der Spiele ab. Anlässe wie Olympia sollten dazu benutzt werden, freundschaftliche Beziehungen zu pflegen.

Kritik an Menschenrechtsverletzungen müsse in internationalen Organisationen eingebracht werden.

Geri Müller, Präsident der parlamentarischen Freundschaftsgruppe Schweiz - Russland und Nationalrat der Grünen, warnte gegenüber dieser Zeitung bereits vergangene Woche vor einem Boykott: «Das wäre ein Riesenfehler. Damit erreicht man gar nichts.»

Heikle Themen liessen sich nur diskret auf bilateralem Weg ansprechen. Müller warnt davor, die Vermittlerrolle der Schweiz zu gefährden und sich auf die Seite der Boykotteure zu schlagen.

Maurer: Sport ist nicht Politik

Bundespräsident Ueli Maurer verteidigt derweil in einem Interview mit dem «SonntagsBlick» die bundesrätlichen Reisepläne. Man dürfe den Sport nicht verpolitisieren. Russland könne kritisiert werden, etwa an Konferenzen oder bei der UNO – aber nicht im Sport. Das sei billig.

Auf die Frage, ob der Bundesrat mit einem Boykott nicht ein Zeichen setzen könnte, antwortet Maurer: «Dann könnte man aber nirgendwo mehr hin, oder? In kein islamisches Land, weil wir andere Rechtsvorstellungen haben, nicht mehr in die USA wegen der Todesstrafe.» Wenn Russland eine andere Haltung zur Homosexualität habe, dann habe er das zu akzeptieren, sagt Maurer.

Die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland sind intensiv. Das flächenmässig grösste Land der Welt ist ein Schwerpunktgebiet der Schweizer Aussenwirtschaftspolitik. Ein Freihandelsabkommen soll demnächst abgeschlossen werden. Auf hoher politischer Ebene sind regelmässige Treffen vereinbart.