Corona-Virus

Immer mehr Geschäfte bleiben zu – Kantone setzen Bund zunehmend unter Druck

Euroairport Basel-Mülhausen schliesst Läden und Restaurants

Der Euroairport Basel-Mülhausen hat wegen des Coronavirus die Läden und Restaurants auf seinem Terrain geschlossen. Der Schritt auf dem binationalen Flughafen erfolgt im Zuge der verschärften Massnahmen der französischen Regierung.

Bereits fünf Kantone schliessen alle Geschäfte ausser Lebensmittelläden und Apotheken. Epidemieforscher Christian Althaus sagt, es sei nur eine Frage der Zeit, bis andere Kantone nachziehen. Die Zahl der Neuinfizierten steigt drastisch.

Das Corona-Virus verändert das Land in rasantem Tempo. Die Situation ist unbekannt, Gewissheiten rar. Doch eine Konstante gibt es bislang: Was im Tessin passiert, erreicht früher oder später die ganze Schweiz. Der erste Corona-Fall: im Tessin. Die ersten geschlossenen Schulen: im Tessin. Am Samstag hatte der Tessiner Staatsrat das Regime weiter verschärft. Alle öffentlichen Lokale wie Restaurants, Hotels oder Bars sind ebenso geschlossen wie Geschäfte. Offen bleiben dürfen Lebensmittelläden, Apotheken und Tankstellen. Auch Post- und Bankschalter werden nicht geschlossen. Die Devise im Kampf gegen das Virus lautet: Alle Geschäftsaktivitäten auf das Minium reduzieren. Am Sonntag zogen mit Basel-Landschaft und Jura zwei weitere Kantone nach.

Die Erklärungen der beiden Kantonsregierungen ähneln sich. Der Kanton sei sich bewusst, dass diese Massnahmen einschneidend sind, es sei aber wichtig, den verletzlichen Teil der Bevölkerung zu schützen und die Krise einzudämmen, teilte die Baselbieter Regierung mit. Die jurassische Regierung sprach von erheblichen Auswirkungen auf Bevölkerung und Unternehmen. Doch seien diese unerlässlich, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Sie behält sich explizit «weitere Verschärfungen vor».

Die Konferenz der Gesundheitsdirektoren äusserte leise Kritik am Vorpreschen der Kantone: «Wir empfehlen den Kantonen, möglichst einheitlich vorzugehen – und sich dabei von der Lagebeurteilung des Bundes leiten zu lassen», teilte ein Sprecher mit. Bis Redaktionsschluss vermeldete dann auch Neuenburg den Notstand und Graubünden massive Einschränkungen. Hotelbetriebe in Graubünden dürfen jedoch geöffnet bleiben.

Gespenstische Ruhe auf den Tessiner Strassen

Was die drastischen Massnahmen bedeuten, liess sich gestern in Locarno beobachten. Auf der Piazza Grande am Sonntagmorgen: Nur vereinzelt laufen Menschen durch die Stadt. «Wir räumen noch ein wenig auf», sagt der Mitarbeiter einer Bar, die schon geschlossen hat. Auf einem Zettel an der Tür steht: «Lokal geschlossen, um die Gesundheit zu schützen und die Epidemie zu bekämpfen.» Die Tessiner Kantonspolizei erklärt gegenüber CH Media, dass nach bisherigen Erkenntnissen die am Vortag erlassenen Richtlinien im Gaststättengewerbe eingehalten wurden.

Nur einige Bäckereien sind geöffnet, ebenso Kioske und Tankstellen. In den Tankstellen sind die Snackbars und Speiseecken mit Sperrbändern abgeriegelt. Viele Geschäfte haben bereits Schilder angebracht, dass sie vorläufig nicht mehr öffnen. Neben den Verweisen auf die Verordnungen des Kantons fallen auch viele positiven Botschaften auf: «Forza Ticino: Insieme ce la faremo»; vorwärts Tessin, gemeinsam werden wir es schaffen, Hashtag #andràtuttobene. Alles wird gut gehen.

Haben Schweizer Behörden die Geschwindigkeit unterschätzt?

Derzeit dominieren jedoch die schlechten Nachrichten. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zählte gestern bereits 2200 Infizierte. Innert eines Tages kamen also 841 Ansteckungen dazu. Die Zahl der Todesfälle lag bei 14. Die BAG-Verantwortlichen sprechen von einem «raschen» Anstieg. Der Berner Epidemieforscher Christian Althaus sagt, die Behörden hätten die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Corona-Virus leicht unterschätzt. Er kritisiert die Strategie des Bundes, dass in erster Linie Erkrankte mit schweren Verläufen sowie besonders gefährdete Personen getestet werden und appelliert: «Es ist dringlich, dass die Testkapazitäten weiter ausgebaut werden. Sonst verliert man den Überblick über die Epidemie, was fatal sein könnte.»

Der Bund solle seine Strategie überdenken: «Die Labors, Diagnostikzentren und die Industrie könnten hier zusammenarbeiten und auch die Armee könnte mithelfen.» Eine Möglichkeit wäre der Aufbau von Drive-in-Stationen für Tests, wie es Deutschland gemacht hat. Derzeit werden in der Schweiz rund 2000 Personen pro Tag auf den Corona-Virus getestet. Das BAG betont, dass die Schweiz – auf die Bevölkerung umgerechnet – eines der höchsten Testvolumen weltweit habe.

Für Althaus hingegen ist klar, dass zu wenig Tests durchgeführt werden, wenn 40 Prozent positiv ausfallen. Er geht von einer Dunkelziffer von etwa 10000 infizierten Personen aus. Handlungsbedarf hat das BAG erkannt: «Möglichkeiten zum weiteren Ausbau des Testangebotes werden mit den zuständigen nationalen und kantonalen Stellen gegenwärtig geprüft und der Situation entsprechend angepasst werden», erklärte die Behörde gestern auf Anfrage.

Der Bundesrat traf sich gestern zu Krisensitzung – heute Information Althaus bemerkt: «Dass Länder wie Österreich oder Deutschland die Grenze langsam schliessen, zeigt, dass die Schweiz ein Epizentrum ist. Um die weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen, braucht es wohl drastischere Massnahmen.» Er rechnet damit, dass nach dem Tessin, Baselland, Jura, Neuenburg und dem Kanton Graubünden nun auch andere Kantone und der Bund unter Druck kommen, und es zu weiteren Einschränkungen kommen wird. Tatsächlich hat sich gestern auch der Bundesrat zu einer Krisensitzung getroffen.

Kurz nach 20 Uhr bestätigte Bundesratssprecher André Simonazzi auf dem Kurznachrichtendienst Twitter die ausserordentliche Sitzung. «Der Bundesrat hat Bilanz gezogen über die Situation in den Kantonen und Nachbarländern und das weitere Vorgehen im Kampf gegen die Epidemie diskutiert.» Der Bundesrat werde in Kürze eine weitere Sitzung zu diesem Thema abhalten. Informierte Kreise gehen davon aus, dass die Landesregierung heute weitere Massnahmen ankündigt. Und sich die ungeschriebene Regel bestätigt: Was im Tessin passiert, erreicht früher oder später die ganze Schweiz.

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