Burnout

Immer mehr ausgebrannte Priester wenden sich an Seelsorger

Einsamer Beter in der Kirche: So ruhig ist es für Priester nicht immer.

Einsamer Beter in der Kirche: So ruhig ist es für Priester nicht immer.

Eigentlich sind sie dafür da, anderen zu helfen. Doch oft können Priester selbst nicht mehr. Noch nie war die Zahl der katholischen Geistlichen mit Burnout so hoch wie heute.

Gerade in der Weihnachtszeit will die Vorstellung so gar nicht passen, dass ein Priester eine beschädigte Seele haben könnte. Jetzt, wo doch von ihm erwartet wird, dass er tagelang predigt und feierlicher Stimmung ist. «Äusserlich muss man stark sein – und das nicht nur in der Bankenwelt, sondern auch in der Kirche», sagt Abt Urban Federer vom Kloster Einsiedeln. «Man muss für die Leute da sein, bereit sein, ihnen zuzuhören, sich mit ihren Problemen beschäftigen und dabei auch die restlichen Aufgaben nicht vergessen. Immer häufiger fühlen sich Priester deshalb überfordert.»

Dieses Gefühl hat unter anderem mit dem ausgefüllten Arbeitsalltag der Priester zu tun. Denn ihre Aufgabe besteht nicht nur darin, den Gottesdienst am Sonntag zu halten und die Predigt vorzubereiten. Es steckt viel mehr dahinter, wie ein Besuch in der Pfarrei Klosters-Küblis zeigt.

«Arbeitstag kann fordernd sein»

Es ist etwas kühl, wie so häufig in einer Kirche. Und relativ dunkel. Zwar durchdringen ein paar Sonnenstrahlen die milchigen Fenster, doch die Kirche im 4000-Seelen-Dorf Klosters vermögen sie nicht zu erhellen. Vor dem Altar in der kleinen dazugehörigen Kapelle kniet ein einziger Gläubiger und betet leise den Rosenkranz. Ansonsten ist es still.

«Das heisst aber nicht, dass es auch im Alltag eines Priesters ruhig zu- und hergeht», erklärt Pfarrer Johannes Zimmermann. Er muss lachen. Im Gegenteil: «Ein Arbeitstag kann sehr fordernd und anspruchsvoll sein.» Der Pfarrer – ein 60-Jähriger mit grauen Haaren und randloser Brille – ist seit 16 Jahren in der Pfarrei Klosters-Küblis tätig.

«Zwar beginne ich jeden Tag in der Ruhe Gottes», sagt Zimmermann. Ein halbstündiges Morgengebet oder Meditation, das müsse sein. «Doch danach kann es hektisch weitergehen.» Im Terminkalender steht: Taufen, trauen, beerdigen. Vorgespräche mit Eltern, künftigen Ehepartnern und den Familienangehörigen eines Verstorbenen führen, Predigten verfassen, Beichten anhören, Kranke in Spitälern und ältere Menschen in Altersheimen besuchen. Hinzu kommen der Religionsunterricht und die immer wieder anstehenden Sitzungen mit dem Kirchenvorstand, dem Pfarreirat und den Ministranten. Ein Fulltime-Job.

Häufige Momente der Frustration

«Der Terminkalender des Pfarrers gleicht manchmal mehr jenem eines Managers», sagt Pfarrer Zimmermann. «Es ist schon viel Arbeit. Und dennoch empfinde ich den Job nicht als stressig. Das kann man auch nicht, wenn man etwas mit ganzem Herzen macht.»

Auf die Frage, ob er in seinem Beruf denn nie Momente der Frustration erlebt habe, sagt Pfarrer Zimmermann einfach und direkt «natürlich schon, die gibts immer». Er blickt zur Seite, rückt seine Brille zurecht. «Es frustet, wenn man sich bei etwas besonders viel Mühe gibt und doch keine Rückmeldung erhält.» Zum Beispiel? «Bei einer Predigt.» Die Leute würden dies häufig für selbstverständlich halten.

Und noch etwas nagt an dem Deutschen: «Ich gebe mir bei den Vorbereitungen auf die Erste Kommunion der Kinder sehr viel Mühe. Man investiert viel Zeit in die Nachmittage, die man mit den Kleinen verbringt, um ihnen etwas auf ihrem Glaubensweg mitzugeben. Und schon am ersten Sonntag nach der Ersten Kommunion erscheinen nur noch wenige Kinder zum Gottesdienst. Das ist ein grosses Frustrationsgefühl», sagt der Pfarrer. Er blickt erneut zur Seite, reibt sich die Hände, dann blickt er wieder auf.

«Von einem Priester wird sehr viel verlangt», erklärt Abt Urban Federer. Und das sei bis zu einem gewissen Grad auch in Ordnung. Wenn ein Priester aber nur noch Frustrationsgefühle und Stress erlebe, laufe er Gefahr, an Burnout zu erkranken. Der 46-Jährige ist seit gut einem Jahr Abt des Klosters Einsiedeln. Zuvor war er als Gästepater tätig.

In dieser Zeit lernte er viele Wirtschaftsleute und Banker kennen, die das Kloster einige Tage lang besuchten. Grund dafür: Sie litten an Burnout und wollten Ruhe finden. «In diesen Tagen leben sie so, wie wir es tun», sagt Federer. Bedingung für den Aufenthalt ist das Okay eines Arztes – wegen gesundheitlicher Aspekte.

«Nicht nur labora»

«Diese Leute werden erstmals mit einer Tagesstruktur konfrontiert, die komplett geregelt ist. In der sie auch Zeit für sich haben – in der Ruhe und Stille sie umgibt.» Das könne problematisch werden. «Nicht jeder ist sich gewohnt, in der Stille ‹nichts› zu tun. Also kann alles auf sie einprasseln, was sie bisher erfolgreich verdrängt haben.» Und was haben die Leute von einem solchen Besuch? «Ich dachte, sie würden sagen, sie hätten die Ruhe genossen. Aber es war die geregelte Tagesstruktur, die ihnen hier zusagte und zu Hause fehlte.»

Wie Abt Urban Federer erklärt, ist es wichtig, dass sich auch Priester mit dem Beten einen strukturierten Tagesablauf schaffen. «Beten ist ja ihre Quelle der Kraft. Sonst hätten sie sich kaum für diesen Beruf entschieden.» Wenn das Beten wegfalle, hätten sie nur noch Arbeit, wobei sie Gefahr laufen würden, nur noch zu funktionieren. «Ora et labora, heisst es. Und nicht nur labora.»

Ihr Leben lang verbringen Priester damit, anderen zu helfen und Trost zu spenden. Und plötzlich sehen sie sich selbst mit Burnouts, Überlastung, Frustrationsgefühlen, aber auch mit Glaubenskrisen oder Depressionen konfrontiert: Der Helfer braucht selbst Hilfe.

In der Sakristei der Kirche in Klosters hängt die gekreuzigte Jesus-Figur. Der Körper gewunden, das Gesicht verzerrt, Armee und Beine durchbohrt. «Sie soll Mut machen, zur Gebrochenheit zu stehen», sagt Pfarrer Johannes Zimmermann. Und genau das sei für Priester nicht immer einfach. «Viele Priester denken häufig an das Zitat in der Bibel ‹Liebe Gott und deinen Nächsten›, doch das ‹so wie dich selbst› vergessen sie.»

Seelsorger, nicht Psychologen

«Für Priester ist es schwierig, sich einzugestehen, dass sie selber Hilfe brauchen. Vielfach merken sie gar nicht, dass sie seelisch ausgebrannt sind. Sie merken einfach, dass etwas nicht stimmt», sagt Bernhard Schibli von der Fachstelle Seelsorge für Seelsorgende in Basel – eine Fachstelle, bei der Priester anklopfen, denen es nicht gut geht.

Um sie kümmert sich dann der emeritierte Pfarrer Schibli mit zwei Kollegen. Wie viele Priester es genau sind, die bei der Fachstelle anklopfen, können die drei nicht sagen. Nur, dass die Nachfrage gross sei. So hat auch das Bistum in St. Gallen bereits eine eigene Mitarbeitendenseelsorge eingeführt – und im Bistum Chur hat das Team aus Basel seine Arbeit bereits vorgestellt. Ob nun auch in Chur eine solche Fachstelle eröffnet wird, ist nicht entschieden.

In Basel ist die Fachstelle jedenfalls gefragt. Hauptsächlich bei Burnout-Betroffenen – darunter auch Priester. Viele von ihnen nehmen zuerst körperliche Symptome wahr: Sie können nicht schlafen, sind müde, nicht mehr motiviert, erschöpft und überarbeitet. In solch gravierenden Fällen verweist das Team die betroffenen Priester an Psychotherapeuten. Nicht nur Burnout-Betroffene nehmen die Hilfe der Fachstelle in Anspruch, es melden sich auch Priester, die sich einsam fühlen oder am Glauben Zweifel haben. Geholfen wird dann jeweils unterschiedlich – meistens aber mit einem persönlichen Gespräch.

Pfarrer Johannes Zimmermann hat das gelernt. «Es ist wichtig über sich selber, die eigene Situation, Probleme, Ängste und Sorgen zu sprechen. Gerade in der heutigen Gesellschaft, in der man sich fast nicht erlauben darf, Schwäche zu zeigen.» Deshalb besucht er jährlich eine Woche lang einen Jesuiten-Priester. «Ich habe festgestellt, dass man schneller ausbrennt, wenn man nicht über sich und die eigenen Probleme spricht.» Als Priester wolle er authentisch sein, und das könne er nicht, wenn er zweifle. «Ich will glauben, was ich predige. Gerade in der freudigen, aber auch stressigen weihnachtlichen Zeit.»

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