Kinderwunsch
Immer mehr ältere Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch

Das Alter der Frauen, die ihrem Kinderwunsch medizinisch nachhelfen lassen, steigt an. Der grössere Anteil der Frauen über 45, die mit medizinischer Unterstützung ihren Kinderwunsch erfüllen (möchten), spiegelt den gesellschaftlichen Wandel.

Karen Schärer
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Der Traum vom eigenen Kind: Ärzte sind nicht bereit, jeden Kinderwunsch mit allen Mitteln zu unterstützen.

Der Traum vom eigenen Kind: Ärzte sind nicht bereit, jeden Kinderwunsch mit allen Mitteln zu unterstützen.

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Ab einem gewissen Alter müssen Frauen aus der Schweiz ins Ausland reisen, wenn sie sich ihren Kinderwunsch erfüllen wollen. Denn die Eizellspende – die in der Regel einzige Behandlungsmöglichkeit, die für Frauen ab 45 Jahren Erfolg verspricht – ist hierzulande verboten. Doch die neusten Erhebungen, welche das Bundesamt für Statistik gestern publiziert hat, zeigen: Auch in der Schweiz werden immer mehr ältere Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch behandelt.

Konkret: Im Jahr 2011 unterzogen sich 79 Frauen im Alter von 45 Jahren oder mehr einer medizinischen Behandlung. 2010 waren es erst 56 Frauen gewesen, und zwischen 2007 und 2009 jeweils rund 40. Prozentual ausgedrückt: Seit 2006 ist der Anteil der Frauen in der Alterskategorie 45 und älter, die medizinisch unterstützte Fortpflanzung in Anspruch genommen haben, von 1 Prozent auf 2,1 Prozent angestiegen. Erstmals wurde 2011 auch eine Frau über 50 behandelt: Sie war 53 Jahre alt. 2007 bis 2010 lag das Höchstalter jeweils bei 49 oder 50 Jahren.

Der Druck auf Kliniken ist gross

Der grössere Anteil der Frauen über 45, die mit medizinischer Unterstützung ihren Kinderwunsch erfüllen (möchten), spiegelt den gesellschaftlichen Wandel. «Die Nachfrage von älteren Frauen nach medizinisch unterstützter Fortpflanzung nimmt wahnsinnig zu», sagt Andrea Mohr, Leiter des Kinderwunschzentrums Milagro am Bodensee. Diese Entwicklung hat für Mohr nicht nur damit zu tun, dass mehr Frauen gut ausgebildet sind und den Kinderwunsch zugunsten der Berufstätigkeit auf später verschieben. «Die meisten Anfragen kommen von geschiedenen Frauen, die mit ihrem neuen Partner ein Kind haben möchten», sagt er.

Zwar sei der Druck grösser geworden, doch Mohr glaubt nicht, dass künftig in der Schweiz noch bedeutend mehr ältere Frauen behandelt werden. Er zeigt sich gar erstaunt, dass in Schweizer Kliniken überhaupt 50-Jährige behandelt werden. Denn: «Mit den in der Schweiz zugelassenen Behandlungsmethoden liegen die Erfolgschancen ab Alter 43 bei tiefen ein bis zwei Prozent», sagt er. «Wer ältere Frauen behandelt, hat den Misserfolg vorprogrammiert. Das ist für den Ruf der Klinik nicht gut.»

Mohrs Kinderwunschzentrum weist Frauen über 43 Jahren deshalb ab. Gleich verfährt man am Universitätsspital Zürich: «Wir schliessen die Behandlung aufgrund der sehr tiefen Erfolgsaussichten praktisch immer mit 43 ab», sagt Bruno Imthurn, Direktor der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie. Es sei aber denkbar, dass sich diese Schwelle in den nächsten Jahren in Richtung 45 Jahre bewege. «Vor zehn Jahren lag die Schwelle bei 40 Jahren», sagt Imthurn. «Heute ist die Schwangerschaftsrate dank erfolgreicherer Behandlungsmethoden im 43. Altersjahr bei doch recht erfreulichen
5 bis 10 Prozent. Das konnte man sich vor zehn Jahren noch nicht vorstellen.»

Risiken steigen ab 45

Für Imthurn liegt eine grosse Hürde bei Mitte 40: Ab 45 steigt das Risiko stark an, an Schwangerschaftsbluthochdruck oder Schwangerschaftsdiabetes zu erkranken. «Man muss sich gut überlegen, eine Schwangerschaft über diesem Alter zu induzieren», sagt Imthurn deshalb.

Zu Jean-Claude Spira, Leiter des Kinderwunschzentrums Basel, kommen häufig Paare, die andernorts abgewiesen worden sind. Auch er enttäuscht sie. «Man muss ja nicht alles machen, was die Leute wollen», sagt er. Er hält fest: «Die Chance auf ein gesundes Kind ist für eine 45-Jährige äusserst gering. Zunächst ist die Chance, schwanger zu werden, gering. Dann verlieren 50 Prozent der 45-jährigen Schwangeren ihr Kind, und bei 10 Prozent der verbleibenden Schwangerschaften hat das Kind eine Trisomie 21.» Eine Behandlung sei emotional, finanziell und körperlich belastend. «In meiner Ethik ist es nicht fair, diese Belastungen einem Paar bei so geringen Erfolgsaussichten zuzumuten», sagt Spira.

Eigene gefrorene Eizellen

Keiner der angefragten Fertilitätsspezialisten weiss von einer Klinik in der Schweiz, die Frauen behandelt, die 45 oder älter sind. Und doch: Die Statistik weist 79 Frauen in dieser Alterskategorie aus.

Eine Erklärung dafür wagt schliesslich Christian De Geyter, leitender Arzt am Kinderwunschzentrum der Universitäts-Frauenklinik Basel: Er vermutet, es handle sich bei den Behandlungen um Einsetzungen von eigenen Eizellen, die die Patientin für die Erfüllung ihres späteren Kinderwunschs hatte einfrieren lassen. Diese dürfen gemäss Gesetz nur fünf Jahre lang aufbewahrt werden. De Geyter weiss aber, dass es Kantone gibt, die die Fünfjahresfrist verlängert haben. Und: «Es gibt Lücken im Gesetz: Wer seine Eizellen abholt und in einen anderen Kanton bringt, kann so eine neue Fünfjahresfrist erwirken», sagt er.

Sollen Frauen über 43 in ihrem Kinderwunsch unterstützt werden? Diskutieren Sie mit.